das baugerüst 1/15 Jugend.Glaube.Kirche.

 

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Inhalt

  • forum
    Reinhold Ostermann: Nach dem Sinn fragen!?

    Wolfgang Ilg, Friedrich Schweitzer, Georg Hardecker, Christoph Maaß: „Die Konfirmanden bringen gar nichts mehr mit“ - oder doch?

    Angelika Gabriel: Jugend glaubt doch!
    Einsichten aus einem Fotoprojekt mit Jugendlichen

    Eileen Krauße: „Den verschwommenen Rand um das Smartphone nennt man übrigens Leben“
    Oder: Wie viel Gemeinschaft brauchen Jugendliche?

    Rainer Brandt / Barbara Hanusa: Fremdenführer in Sachen Religion
    Weiterbildung zur spirituellen Begleitung von Jugendlichen

    Ulrich Duchrow: Glaube und (globale) Realität
    Aus dem Glauben heraus aktiv werden

    Ilka Quindeau / Werner Schneider-Quindeau: Wozu eigentlich Religion?
    Der Sündenfall als Ursprung der Religion


  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: „Sag`, wie hast Du`s mit der Religion?“

„Wie hast Du`s mit der Religion?“ Diese „Gretchenfrage“ aus Goethes Faust hat zur Zeit Konjunktur. Mitglieder christlicher Kirchen äußern sich über ihre Nähe und Distanz zur eigenen Institution, Gläubige erklären ob für sie der Kreuzestod Jesu Erlösung bedeutet oder nicht und ob sie auf ein Weiterleben nach dem Tod hoffen und Muslime müssen zur Zeit in jedes Mikrofon bekennen, dass der Prophet Mohammed mit Mord und Totschlag nichts aber auch gar nichts gemein hat. Das Verhältnis der Menschen zu ihrer Religion wird befragt, erforscht und vermessen.
Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung beschreibt die religiöse Vielfalt als Teil unserer heutigen Lebenswirklichkeit, die Evangelische Kirche in Deutschland untersucht ihre Mitglieder und diskutiert das Ende der Volkskirche und Jugendstudien bescheinigen der jungen Generation ein Interesse an Religion aber eine Distanz zur Institution Kirche.

Man ist unsicher geworden, ob, was und wie Menschen glauben. Und doch bleibt es eine der spannendsten Fragen. Jahrhundertelang war die Glaubensweitergabe selbstverständlich, wurde die Tradition angezogen wie ein Kleidungsstück. Jede kritische Äußerung gegenüber der eigenen Religion oder gar Distanzierung hatte Folgen, wurde geahndet, oft mit weitreichenden Konsequenzen. Heute entscheiden Menschen - wenn auch noch nicht in allen Regionen der Welt -  völlig frei welchen Glauben sie annehmen oder ob das alles nicht relevant für sie ist. Das verunsichert Institutionen die Macht hatten (und auch noch haben) Menschen zu „ihrem Glück“ zu zwingen. Wenn Sanktionsmöglichkeiten schwinden und Glaubenswahrheiten nicht mehr verordnet werden, beginnen Menschen sich zu fragen, was bedeutet das alles für mich persönlich? Wie ist mein Verhältnis zu Gott? Wie verstehe ich den dreieinigen Gott? Jesus, Kreuz, Sünde, Opfertod, Erlösung, Auferstehung - die Ecksteine des Glaubens werden befragt, verworfen oder bekommen ein neues Gewicht. Genauso die Frage ob dogmatische Diskussionen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Jahwe, Gott und Allah den Menschen wirklich weiterhelfen und ob nicht vielleicht doch alle Religionen ein Körnchen Wahrheit des einen Gottes in sich tragen.
Wenn aber Menschen anfangen frei über ihren Glauben nachzudenken, ist das erst einmal bedrohlich für eine Institution, die diesen Glauben „verwaltet“ - aber auch eine große Chance. Von daher ist es verständlich erfahren zu wollen, wie Menschen über Religion, Glauben und ihre Kirche denken. Was sind ihre Fragen? Mit welchen Aussagen können sie gar nichts mehr anfangen? Wie müssen Angebote gestrickt sein, damit Menschen sich darin wieder finden?
An dieser Stelle ein Gedanke zum Zusammenleben der Religionen. Die Mehrheit der Deutschen, so der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, findet religiöse Vielfalt bereichernd. „Wenn wir auch zukünftig in Vielfalt und Freiheit miteinander leben wollen“, heißt es in der Studie, „dann müssen wir die Religionen und ihre Bedeutung für gesellschaftliche Entwicklung besser verstehen.“ Gleichzeitig hält aber jeder Zweite hierzulande den Islam für bedrohlich; 61 Prozent geben an, diese Religion passe nicht zur westlichen Welt (Quelle: Bertelsmann Stiftung, Sonderauswertung Islam). Eine Woche nach den Pariser Anschlägen titelt der Focus „Warum Muslime ihre Religion jetzt erneuern müssen“. Sicher muss sich jede Religion immer wieder kritisch befragen lassen, was ihre Grundlagen sind, wie sie zu Menschenrechten, Gerechtigkeit oder Vielfalt der Lebensentwürfe steht. Aber warum sollte reflexartig jeder Iman und jede rechtgläubige Muslima erklären, dass sie nichts aber auch gar nichts mit salafistischen Wirrköpfen zu tun haben. Keiner fordert die Christen auf, sich nach einer Attacke des Ku-Klux-Klans von deren rassistischen Gedanken zu distanzieren.
Religiöse Vielfalt setzt die Neugier auf andere Religionen voraus. „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde“ hat Hölderlin einmal geschrieben.

Damit sind wir auch wieder bei der eigenen Religion. Wie und was glauben Jugendliche? Wie stehen sie zu ihrer eigenen Religion, zu ihrer Kirche? Auf diese Fragen antworten die Autorinnen und Autoren des Heftes und diskutieren sie aus unterschiedlichen Perspektiven.
„Jugendliche stellen die Fragen nach Himmel und Hölle nicht nur, um einen Sachverhalt besser zu verstehen. Sie fragen, weil sie für ihre eigene Lebensführung tragfähige Antworten suchen“ schreibt, Michael Domsgen, Professor für Evangelische Religionspädagogik an der Universität Halle-Wittenberg. Die Jugendphase, so Domsgen weiter, sei hinsichtlich der Religion keine Phase, in der man zu einer Entscheidung gelangen muss, sondern ein Zeitraum, in dem die eigene Position „angereichert und ausgebaut wird“. Doch es fehle die „Anschlussfähigkeit“ erklärt der Kirchen- und Religionssoziologie Professor Pickel in dem baugerüst-Gespräch. „Viele, insbesondere junge Menschen, vertreten die Position, Religion sei für sie nicht zwingend lebensrelevant“.  Und nun? Vielleicht hilft ja Neugier weiter. Neugier, auf das fremde Land der Religion. Jugendliche haben Fragen: Wer bin ich? Bin ich gut? Was wird aus mir? Warum gerade ich? Warum gerade ich nicht? Vielleicht sind ja die Fragen der Anschluss.
„Fragenbürde“ nennt Bernd Beuscher dies in seinem Beitrag und in dem Videoclip  www.howdoesthegospelhappen.com 

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Michael Domsgen: Jugendliche und Religion

Wer über das Verhältnis von Jugendlichen und Religion in Deutschland nachdenken will, sieht sich gleich mehreren Herausforderungen gegenüber. Zum einen ist es gar nicht so leicht zu sagen, welche Altersgruppen genau bei der hier gestellten Thematik im Blick sein sollen. Die Spannweite der lebensgeschichtlichen Entwicklung, die mit dem Begriff der Jugend beschrieben wird, ist mittlerweile sehr groß geworden, so dass man genötigt ist, hier Differenzierungen einzuziehen. Die Psychologie beispielsweise unterscheidet zwischen der frühen (zwischen 10 und 13 Jahren), der mittleren (zwischen 14 und 17 Jahren) und der späten Adoleszenz (zwischen 18-22 Jahren), wobei sich diese Phase bis zum 30. Lebensjahr erstrecken kann. Jede Phase markiert grundlegende Entwicklungsaufgaben, die zu bewältigen sind. Allerdings lassen sich darüber nur schwer verallgemeinernde Aussagen treffen, zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen und Lebenswege. So wenig, wie es Normalbiografien gibt, gibt es die Jugendlichen eines Alters oder einer Phase. Der Ausdifferenzierung auf gesellschaftlicher Ebene, die mit Begriffen der Deinstitutionalisierung oder Enttraditionalisierung markiert werden, entspricht eine bisher nicht gekannte Pluralisierung der Jugendzeit. Insofern ist es schwer, durchgehende Strukturen zu beschreiben. Letztlich sieht sich jeder Heranwachsende mit spezifischen Lebenslagen konfrontiert, die bei anderen Altersgenossen gänzlich unterschiedlich ausfallen können.

Daraus ergibt sich eine zweite Herausforderung, die im Blick sein muss. Wenn die Voraussetzungen auf Seiten der Jugendlichen so unterschiedlich sind, braucht es eine Perspektive auf Religion, die eine solche Diversität von vornherein berücksichtigt und gleichzeitig in der Lage ist, den Zusammenhang von lebensgeschichtlicher Entwicklung und Religion, theologisch gesprochen von Mensch und Gott, konstitutiv mitzudenken. Gerade im Jugendalter macht es wenig Sinn mit einem ausschließlich substanziell aufgeladenen Religionsbegriff zu arbeiten. Überhaupt spricht viel dafür, Religion nicht als Persönlichkeitsmerkmal zu verstehen, das Menschen zu eigen ist, sondern eher als „diskursiven Tatbestand“ (1). Dem Menschen eigen ist (lediglich) ein „allgemeinmenschliche(s) Kontingenz-Erleben, das jede Erfahrung begleitet, aber nur begrenzt bestimmt und thematisiert werden kann“ (2). Es „sucht (zuweilen) nach Interpretation und Artikulation“ (3), wobei dies religiös, spirituell oder auch religiös unmusikalisch ausfallen kann. In dieser Hinsicht besitzt der Mensch ein religiöses Potenzial, für dessen Entfaltung fremdsozialisatorische Impulse grundlegend sind. Dabei kommt den Kontexten eine besondere Bedeutung zu, weil sie im Verbund mit den Entwicklungsaufgaben des Einzelnen den Diskurs Religion maßgeblich prägen und bestimmen.

Vor diesem Hintergrund ist noch einmal auf die im Jugendalter anstehenden Entwicklungsaufgaben zurückzukommen. Dass sie nur abstrakt beschrieben werden können und mit Blick auf einzelne Jugendliche bzw. Gruppen von Jugendlichen einer Spezifizierung bedürfen, ist bereits betont worden. Trotzdem wird man als „Insignien der Jugendzeit“ zwei Herausforderungen zu markieren haben: „Exploration und Identitätssuche“ (4). Letzteres hatte bereits Erik Erikson (1902-1994) im Blick, wobei er der Meinung war, dass diese Entwicklungsaufgabe bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter, also mit ca. 20 Jahren, bearbeitet sein sollte. Aus heutiger Sicht wird man dies modifizierend aufzunehmen haben. Die Adoleszenz ist nicht nur länger geworden, sondern stellt eine eigene Phase dar, die nicht nur als Durchgangsstadium zu betrachten ist. Dabei müssen Jugendliche ihre Identität finden. Das dehnt sich nicht nur immer mehr bis in das dritte Lebensjahrzehnt aus, sondern bleibt auch hinsichtlich der Zielbestimmung offen für Veränderungen. Die Jugendzeit zielt  „nicht auf das große Gesamtkunstwerk“, sondern gibt „sich mit Puzzleteilen für eine Patchwork-Identität zufrieden“ (5). Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Exploration, also dem Erkunden und Suchen. Verpflichtende Elemente haben demgegenüber deutlich an Gewicht verloren. Sie sind zwar nicht völlig verschwunden, haben aber einen weniger hohen Stellenwert.

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Bernd Beuscher: How does the gospel happen?

Wie Glaube zu Menschen kommt

Trailer

Ohne Fragwürdigkeit keine Glaubwürdigkeit. Das Evangelium der Erwachsenen ist moralisch verwässert und die Kirche der Erwachsenen dreht sich um sich selbst. Das ist Jugendlichen normalerweise zu blöd. Die Frage des Glaubens – worauf man setzen soll im Leben und Sterben – ist derweil aktueller denn je und wird verbreitet existenzrelevant thematisiert; in der Kirche aber nur in seltenen Glücksfällen.

Intro

Achtung, nicht erschrecken: wir müssen alle dran glauben. Und: Auch wer nicht glaubt, glaubt. Es gibt nur eine Erklärung, warum bis heute das unsägliche Verständnis von Glauben als Fürwahrhalten überkommener Dogmen unter vorübergehender Ausschaltung des Verstandes immer noch und immer noch weiter beibehalten wird: Man will von der existenziellen Herausforderung, die Leben bedeutet ablenken. Das ist dann Religion als Ablenkungsmanöver. Sicher wird es immer welche geben, die die damit verbundenen moralischen Spielchen lieben. Sehr vielen jedoch ist das heute zu langweilig und auch zu blöd. Darum ist es bei Rock am Ring oder in Wacken so voll und so toll und bei kirchens so leer und öde. Die alten, hässlichen, schwitzenden und brüllenden Herren von Metallica scheinen etwas vom Leben zu verstehen. Die junge, hübsche, wohltemperierte und verständnisvolle Vikarin nicht. Was macht sie nur falsch? Soll sie sich nun auch tätowieren, piercen und in Lederklamotten hüllen und anfangen zu schreien, „um die Jugendlichen abzuholen“ bzw. „um besser bei den Jugendlichen anzukommen“? Ich fürchte: so leicht wird es nicht gehen. Ein ganzer Reichtum und Schatz liebgewordener Denkgewohnheiten, Gefühlsgewohnheiten und Sprachgewohnheiten wird aufgegeben werden müssen, wozu u.a. auch liebgewordene Sorgen und Ressentiments gehören. Es ginge um eine Konversion, um ein Reframing: Religion nicht als Ablenkung, Beschwichtigung und Versicherung, sondern als Entsicherung und Wagnis. Unmöglich? Bei Gott ist nichts unmöglich. Also alles auf Anfang: Jesus ist die Antwort! Was war noch mal die Frage? FragwürdeVergessen wir einmal all unsere Sorgen um leere Gottesdienste, schwindende Kirchenmitgliedschaftszahlen und verschwundene katechetische Grundkenntnisse. Outsider interessiert das eh nicht. Dann landen wir bei der verheißungsvollen Ursprungssituation des christlichen Glaubens, der menschlichen

Fragwürdigkeit.

Ob wir nun religiös musikalisch sind oder nicht: Auf jeden Menschen warten Fragen, die sich ihm früher oder später stellen: Wer bin ich? Bin ich gut? Was wird aus mir? Warum gerade ich? Warum gerade ich nicht? Warum?! Wann sind wir endlich da? Wo bekomme ich einen guten Klempner? - Die menschliche Existenz ist „leicht zerbrechlich“. Zu ihr gehört das unverschämte Glück, die unausweichliche Schuld, die schockierende Gewalt, der plötzliche Tod, das quälende Leid, die endlose Langeweile, die Dämonen der Einsamkeit. Schon Kinder ahnen und spüren, dass das Leben kein Blumen-Sonne-Lutscherland ist. Diese Fragen lassen sich nicht mit Informationen beantworten. Der Philosoph und Physiker Heinz von Foerster gab den Tipp, dass es bestimmte Fragen gibt, die weniger zu beantworten als zu verantworten sind.

Glaubwürde

Diese Verantwortung hat die christliche Religion Glauben genannt. Und das interessiert alle, unabhängig von Kultur, Geldvermögen, Alter und Geschlecht. Glauben ist Fachwort für die Art und Weise, wie Menschen ihr Leben verantworten. Glauben meint nicht das Wunschkonzert unserer Bedürfnisse und Gott nicht das Klavier, auf dem dieses gespielt wird. An etwas zu glauben, also die Anbetung eines Gegenstandes oder bestimmter Dogmen, bezeichnen die christlichen Überlieferungen als Götzenglaube. Die Glaubensfrage lautet für alle Menschen gleich: „Worauf setzt du im Leben und im Sterben?“ Keiner kann sich entziehen. Das geht alle an. Selbst der, der hier passt, spielt mit. Ich spreche hier immer von „Lebenswette“, was meine Freunde und Bekannten, die mit der Kirche nichts am Hut haben, sofort verstehen und sich darauf einlassen. Man hat gerade am Bier genippt und ist schon bei Kindstaufe, Work-Life-Balance und Lebenspartnerschaft. (Rede ich in Kirchengemeinden von „Lebenswette“, versteht man nicht und ich werde angegriffen und verdächtigt, unmoralisch zu sein.).

Gott

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Rainer Brandt: „Ohne uns sieht eure Kirche alt aus“

Die berechtigten Ängste der Institution Kirche,
wenn keine Jugendlichen mehr kommen

Ende der 1990 Jahre widmeten sich fast alle evangelischen Landeskirchen dem Thema „Jungsein und Kirche“. Das Interesse war groß mehr über „die Jugend“ und ihre Befindlichkeiten im Kontext von Kirche und Gesellschaft zu erfahren, möglichst subjektorientiert und am liebsten aus erster Hand. So wurden landauf und landab Synodaltagungen geplant und durchgeführt.(1)
Die in Jugendverbänden gut organisierte Jugendarbeit nutzte die Chance an dem erwachten Interesse für ihren Arbeitsbereich und machte auf die Situation der Jugendarbeit aufmerksam. Diese hatte sich mit Beginn der 1990er Jahre durch harte finanzielle Einschnitte sichtbar verschlechtert. Neben dem Abbau von Personalstellen wurden vermehrt Freizeitenhäuser und andere Einrichtungen der Jugendarbeit auf den Prüfstand gestellt und auch geschlossen. Die verordneten Sparprogramme wurden von kritischen Anfragen zur Wirksamkeit der Jugend(verbands)arbeit begleitet, so dass wieder neu die Frage diskutiert wurde, ob und inwieweit kirchliche Jugendarbeit als kirchliche Nachwuchsorganisation zu verstehen sei.


Kinder der Reformation

Die Antwort der Jugend(verbands)arbeit auf diese Erwartungshaltung ist nach meiner Einschätzung bis heute die gleiche geblieben. Die kirchliche Jugend(verbands)arbeit ist nicht die Nachwuchsorganisation der Kirche. Eine Selbsteinschätzung, die in ökumenischer Vielfalt hochgehalten wird, so zuletzt auch im Interview von Simon Rapp, dem Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. „Kirchliche Jugendarbeit“, so Rapp, „dient nicht der Nachwuchsgewinnung für Gemeinden, Verbände, Priesterseminare (....). Kirchliche Jugendarbeit richtet sich allein an den Bedürfnissen der jungen Menschen aus und wird von diesen selbstverantwortet gestaltet.“(2) Ganz im Sinne dieser jugendpolitisch korrekten Antwort, die die Selbstverantwortung und Selbstgestaltung durch Jugendliche betont, stellt sich dennoch die Frage, ob kirchliche Jugendarbeit nicht notwendigerweise auf Nachwuchsförderung zielt. Dies verstanden im Sinne von Hermann von Loewenich, dem ehemaligen Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der eben nicht auf das Potential von Jugendarbeit für die Kirche verzichten wollte. Auf kritische Stimmen der Jugendarbeit gegenüber der landeskirchlichen Arbeit pflegte er zu antworten: „Sie sind eben Kinder der Reformation“. Und er sagte dies mit einem gewissen Stolz in der Stimme, weil er das Veränderungspotential dieser jungen Menschen in den eigenen Reihen zu schätzen wusste und suchte.

Folgt man Isolde Karle und ihrem Buch „Kirche im Reformstress“ (3), dann ist es die „protestantische Dauerunruhe“, die sich die Kirchen der Reformation von Anfang an selbst verordnet haben. Auch wenn die Formel „Ecclesia semper reformanda“ erst im 20. Jahrhundert entstanden ist, so kennzeichnet sie doch das Selbstverständnis und den damit verbundenen Anspruch eines protestantischen Verständnisses ständiger Bereitschaft zur Erneuerung. Wie aber sollte eine Erneuerung aussehen, wenn ich mich selbst nicht als Teil innerhalb der Organisation verstehe und mit welchem Recht sollen dann Jugendmitarbeitende ihre Stimme erheben wollen?

Bereit zur Einmischung

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„Ein bisschen mehr als Pfützen werden es sein“

Gespräch mit dem Religionssoziologen Professor Gert Pickel
über die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, fehlende
Anschlussfähigkeit und die Zukunft der Volkskirche

baugerüst: In der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD heißt es, bei Jugendlichen sei eine „Distanzhaltung“ zu den christlichen Kirchen sowie eine „sinkende Konfessionsmitgliedschaft“ festzustellen. Das Ganze gehe einher mit einer „Individualisierung des Religiösen“. Nimmt die Kirchlichkeit ab oder das Interesse am Religiösen?

Pickel: Beides. Die Distanz zur Kirche nimmt aber nicht nur bei Jugendlichen zu. Hier ist ein langfristiger Prozess zu beobachten, den man als schleichende Säkularisierung bezeichnen kann. Es ist ein Traditionsbruch zu beobachten mit der Folge, dass jüngere Generationen immer weniger über religiöses Wissen verfügen. Diesen Prozess können wir seit Jahrzehnten beobachten, er verläuft relativ gleichmäßig mit gelegentlichen leichten Wellen. Beunruhigend ist dabei, dass dies vor dem Hintergrund geschieht, dass die Kirche ja in diesem Zeitraum unterschiedliche Aktionen unternommen hat, um diesen Prozess zu stoppen.

baugerüst: Welche Unterschiede lassen sich zwischen den Generationen feststellen?

Pickel:  Bei der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung ist deutlich geworden, dass zwischen den jüngsten und den ältesten Kirchenmitgliedern eine Differenz von 40 bis 50 Prozent besteht, wenn wir danach fragen „Bist du religiös erzogen worden“? Gerade in Ostdeutschland bekommen wir in Gesprächen mit jungen Leuten als Antwort, das sei ja ganz interessant was über Religion erzählt wird, man habe auch nichts dagegen, andere dürfen das ja gerne glauben, aber ich weiß überhaupt nicht, was das soll. „Ich habe es eben nicht gelernt“, ist oft zu hören. Nicht gelernt ist ein interessanter Begriff, weil er gut diesen Effekt skizziert, den die religiöse Sozialisation mit sich bringt, bzw. deren fehlen.

baugerüst: Untersucht wurden aber doch Kirchenmitglieder.

Pickel:  Genau das bereitet einem ja die Sorge, dass diese Entwicklung auch innerhalb der Kirchenmitglieder stattfindet. Bei den Konfessionslosen erwartet man ja nichts anderes als eine fehlende religiöse Sozialisation. So ist gerade in  Ostdeutschland in der oft dritten Generation der Konfessionslosen die religiöse Anschlussfähigkeit ziemlich erodiert.

baugerüst: Mit fehlender Anschlussfähigkeit beschreiben Sie den sozialen Bedeutungsverlust von Religion.

Pickel:  Anschlussfähigkeit sagt etwas darüber aus, ob jemand religiöse Deutungen oder auch kirchliche Positionen überhaupt verstehen kann. Damit ist einmal das Wissen gemeint, aber auch die Einordnung, welche Wichtigkeit und Bedeutung Religiosität für einen persönlich hat und überhaupt haben kann. Viele, insbesondere junge Menschen, vertreten die Position, Religion sei für sie nicht zwingend lebensrelevant, sodass sie sich dazu auch nicht zwingend irgendwie positionieren müssen. So wollen sie sich darüber eben auch keine Gedanken machen - und müssen dies aus ihrer Sicht auch nicht.

baugerüst: Mit Anschlussfähigkeit ist also auch gemeint, dass Menschen überhaupt noch eine Ahnung von der Tradition haben.

Pickel:  Ja, dass sie die Bedeutung der Gemeinschaft für den Glauben kennen, wissen, warum im Gottesdienst gemeinsam Lieder gesungen werden oder ähnliches. Die erste Generation der Konfessionslosen sagt noch, sie seien nicht religiös, können aber noch auf etwas zugreifen, was sie mal gehört haben oder ihnen kulturell vertraut war, z.B. aus Familienfesten oder von Weihnachten. Aber Menschen, die in der zweiten und dritten Generation nicht religiös sind, denen ist das eben alles fremd.

baugerüst: Dazu gehört auch der Verlust von religiösen Ritualen wie z.B. Tischgebet und Abendsegen in der Familie.

Pickel:  Das ist ein zentraler Punkt. Rituale und Praktiken öffnen die Augen und geben eine gewisse Sicherheit. Diese Praktiken, der Glaube und die soziale Gemeinschaft stützen sich gegenseitig. Bröckelt ein Teil ab, ist das gesamte System gefährdet.

baugerüst: Viele sagen heute ich bin gläubig, brauche dazu aber keine Gemeinschaft und keine Rituale.

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Ulrike Bruinings: Die (veränderte) Religiosität von Jugendlichen und die Evangelische Jugend

Zwei Blitzlichter

Vor einiger Zeit saß ich zum Feierabend mit einer Kollegin zusammen, die Pfarrerin einer Stadtgemeinde ist.  Wir kamen anlässlich meines Stellenwechsels ins Gespräch über die Attraktivität von kirchlicher Jugendarbeit und von Kirche. Ihre Tochter ist 16 und seit ihrer Konfirmation begeistert im Kindergottesdienst-Team der Gemeinde engagiert. Sie ist stolz darauf, in einem Arbeitsfeld unterwegs zu sein, in dem sie mittlerweile fast mehr Ahnung hat als ihre Mutter. Sie arbeitet gerne mit den Kindern, überlegt sich interaktive Möglichkeiten, biblische Geschichten zu erleben, oder schreibt die Geschichten selbst um, übt sich im Erzählen. Eine engagierte Mitarbeiterin in der Evangelischen Jugend ist sie geworden. Und doch, so erzählt ihre Mutter, soll das bloß niemand aus ihrer Klasse und der Schule wissen. Das ist doch peinlich! Mit Kirche identifiziert zu werden, das ist ihr eher unangenehm.

Zweites Blitzlicht: Im Konfirmandenunterricht sitze ich zusammen mit einer Runde kritischer Jugendlicher, die gerne und viel nachfragen. Wir sprechen heute über Gebete. „Das ist doch nur etwas für die Menschen, damit es ihnen dann besser geht“, meint ein Jugendlicher. „Also ich finde, da kann ich was mich belastet einfach loswerden“, sagt Clarissa. „Es ist zwar nicht unbedingt gelöst, aber es bedrückt mich nicht mehr so schwer, wenn ich es Gott habe sagen können und damit losgeworden bin.“ Clarissa ist immer engagiert mit dabei. Sie weiß viel über kirchliche Tradition und christliches Leben. Aber auch sie lässt nichts unhinterfragt. Sie macht sich ihre eigenen Gedanken. Nimmt nicht alles gleich für wahr, was die Tradition so vorgibt. Sie zweifelt an, ob und wie das wohl genau war mit diesem Jesus von Nazareth. Aber in allem kritischen Fragen ist sie doch neugierig und offen für das, was sich ihr als Zugang zum Sinn des Lebens im Glauben erschließt. Sie und die anderen um sie herum wissen noch nicht, wie es nach der Konfirmation weiter geht und ob Kirche wohl sein muss. Aber die Gespräche, ja, das ist schon gut, wenn es im Konfiunterricht mal einen Rahmen außerhalb von Schule gibt für ernsthafte Themen.

Zwei Szenen, in denen jugendliche Religiosität eine Rolle spielt. Hat sich ihre Religiosität gegenüber den Generationen vor ihnen verändert? Hat sich das Image von Kirche in den letzten Jahrzehnten so gewandelt, dass es uncool geworden ist, dazu zu gehören? Sicherlich ist das nicht pauschal zu beantworten. Jedoch gibt es Trends, die in diese Richtung deuten, zumindest wenn es um die Institution Kirche geht. Jugendkirchen oder Evangelische Jugendarbeit werden  daneben oft nicht als „Kirche“ identifiziert.

Aber wie ist das mit dem zweiten Blitzlicht? Ging es früheren Jugendlichen um andere Aspekte, wenn Themen wie Tod und Leben oder Glück und Schicksal besprochen wurden? Wenn die Bedeutung und die Praxis des Gebets oder die Bedeutung von Glaubensbekenntnissen  thematisiert wurden? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die tieferen Themen die gleichen geblieben sind?

Einerseits verändert sich die Welt ständig: Lebensumstände wandeln sich, Kultur reichert sich an, technische Fortschritte begründen neue Lebensgewohnheiten. Andererseits bleiben die Grundfesten des Lebens und der Welt doch immer gleich. Was uns Menschen ganz grundsätzlich beschäftigt, was Menschen wichtig ist und was wir alltäglich und grundlegend zum Leben brauchen, das alles speist sich aus einer Kontinuität der Welt durch alle Zeiten hindurch. Auch Veränderungen in der Jugendkultur und der Religiosität von Jugendlichen bewegen sich zwischen diesen beiden Aspekten: Veränderung und Kontinuität.

Einerseits verändern sich jugendliche Sprache, kulturelle Ausdrucksformen und jugendliche Antworten auf die sich verändernden Lebensumstände ständig. Genauso ist die Haltung von Jugendlichen zu Kirche, also zu institutionalisierter Religion, in ständigem Fluss. Andererseits sind die religiösen Fragen, mit denen sich Jugendliche in ihrem Leben konfrontiert sehen, die sie selbst stellen und denen sie nachgehen mögen, im Grunde die gleichen wie vor Generationen. Die Frage nach Gott und nach einem Wirklichkeitsverständnis, das wissenschaftliche Erklärungen nutzt, aber um die Ebene weiß, die jenseits unserer Erklärungen liegt, ist auch heute virulent. Erfahrungen von  Glück und Lebensübergängen, von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit, von Trauer, Abschied, Trennung, Tod und unerklärlichen Katastrophen bringen auch heute Jugendliche zu ähnlichen Fragen und Erklärungsversuchen wie Generationen vor ihnen.Meines Erachtens tut die evangelische Kinder- und  Jugendarbeit gut daran, diese beiden Aspekte bei der Diskussion um die Veränderungen oder Kontinuitäten in der Religiosität von jungen Menschen nebeneinander zu beachten.Die Botschaft ist alt und aktuell, deshalb: Sie trägt

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Ulrich Duchrow: Glaube und (globale) Realität

Aus dem Glauben heraus aktiv werden

Meine erste Auslandsreise führte mich als Sechzehnjähriger nach dem 2. Weltkrieg nach England. Unsere Katharinengemeinde in Braunschweig hatte mich eingeladen, zu einem ökumenischen Jugendtreffen nach London zu fahren. Ich lernte Vieles, vor allem aber, wie ChristInnen in einem Land, das von Nazideutschland angegriffen worden war, versuchten, über Jugendliche neue Brücken zu bauen, um eine gemeinsame Zukunft in Frieden zu entwickeln. Das heißt, indem ich mit ChristInnen aus der weltweiten Ökumene zusammentraf, lernte ich einerseits meine eigene deutsche Situation realistischer sehen (was durchaus Scham bei mir hervorrief), andererseits aber entdeckte ich die verwandelnde, versöhnende Kraft, die in der weltweiten christlichen Gemeinschaft wirkt. Paulus nennt sie „Leib Christi“, das heißt die messianische Gemeinschaft, aus der eine neue Schöpfung hervorgeht, neue Möglichkeiten für die Gestaltung der Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden.

Als dann meine erste Arbeitsstelle, die Forschungsstelle Evangelische Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg, als erstes Institut in Deutschland Friedensforschung begann, war ich verantwortlich für die Unterkommission „Kirchenstruktur und Weltfriede“. Dort bauten wir ein internationales Netz der damals noch wenigen Friedensgruppen auf. Es begann zu wachsen, als wir am Kirchentag ein Schalom-Forum gründeten und sich alle zwei Jahre mehr Gruppen beteiligten. Dann kam der Nachrüstungsbeschluss der Bundesregierung zur Aufstellung von Mittelstreckenraketen in Deutschland. Ein Atomkrieg drohte. Die Friedensbewegung wuchs, und aus den kleinen Anfängen sammelte sich beim Kirchentag in Hamburg 1981 die erste große Friedensdemonstration in Europa mit 90 000 Teilnehmenden. So war es der kirchlichen Friedensbewegung gelungen, einen wichtigen Beitrag zu dem neuen Geist und der neuen Praxis des Friedenshandelns zu leisten, die es dann dem russischen Präsidenten Gorbatschow möglich machte, den Kalten Krieg zu beenden.

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Ilka Quindeau / Werner Schneider-Quindeau: Wozu eigentlich Religion?

Der Sündenfall als Ursprung der Religion

Der Begriff der Religion erscheint uns so geläufig, dass wir ihn kaum noch hinterfragen. Doch verbirgt sich dahinter ein nicht unproblematisches Konzept.

„Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (1. Mose 3,5), verspricht die Schlange den Menschen, wenn sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis essen. Die Verführungskraft ist hoch und entsprechend werden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Der Wunsch zu sein wie Gott zieht sich seitdem durch die Geschichte des Menschen. Er wird begrenzt durch die Religion, die – ganz allgemein - auf die Anerkennung eines höheren Wesens zielt und ein hierarchisches Verhältnis von Gott und Mensch etabliert. Religion fordert die Wahrung der Grenze ein und stellt dabei zugleich ein besonderes Verhältnis zwischen dem religiösen Menschen und Gott her. Indem er Gott anbetet, schreibt der Mensch die Macht Gott zu. Er selbst ist dabei keineswegs ohnmächtig, sondern hat über die Zuschreibung an der Macht teil. Die Religionskritik hat diesen Zusammenhang vielfach beschrieben. Schon Marx bezeichnete sie als Opium, die die realen Machtverhältnisse nur verschleierte, und Freud betrachtete die Religion als Projektion menschlicher Allmachtsphantasien. Diese Kritik trifft einen zentralen Kern. Problematisch wird Religion, weil sie sich eine eigene Vorstellung von Gott schafft und Gott nicht mehr als Anderen, Fremden und Unverfügbaren anerkennt. Religion geht es auch immer um die Macht, mit der Menschen Herrschaft ausüben, und ist daher vom Glauben zu unterscheiden.

Es ist also ein genuin religiöses Versprechen, das die Schlange Adam und Eva gibt. Sie weiß, dass ihre Verführungskraft dann am größten ist, wenn sie im frommen Gewande auftritt. Religiös ist, wer tief in seinem Innern spürt, dass er wie Gott sein kann oder doch zumindest Gott ähnlich ist. Gott entscheidet über  Gut und Böse, das Wissen darum ist eine Machtfrage. Terroristische Täter wie beispielsweise diejenigen, die das Attentat auf die satirische Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris verübten, entsprechen exakt dieser Schlangenweisheit. Sie spielen Gott und geben vor, genau zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Deshalb nehmen sie sich das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden; sie verstehen sich als Handlanger Gottes. Der unaufhebbare Unterschied zwischen Gott und Mensch ist eingeebnet, das Anders- und Fremdsein Gottes, das dem Menschen seine zeitlichen, kulturellen, politischen und ökonomischen Grenzen aufzeigt, ist in der fundamentalistischen Terroraktion beseitigt. Die verbindliche Begrenzung menschlichen Tuns durch Gottes menschenfreundliche Weisung „Töten wirst du nicht“ ist aufgehoben. Doch der terroristische Attentäter ist nur eine verzerrte und schreckliche Spielart des Religiösen, wie sie sich im Blick auf die individualistische Moderne zeigt. Auch wenn er sich auf Gott beruft, folgt sein Handeln individueller Willkür. Wie die „Gotteskrieger“ übernimmt das autonome Subjekt die Deutungshoheit über alles Denken und Reden von Gott. Das Religiöse ist dann in esoterischen Atemtechniken, im Sieges-
taumel nach dem Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft oder in der emotionalen Erbauung eines Pop- oder Rockkonzertes spürbar. Das Ich entscheidet darüber, was als göttlich zu verstehen ist. Damit verschwindet das Offene und Unverfügbare, das mit Gott in seiner Fremdheit verbunden ist. Die subjektive Beliebigkeit religiöser Anschauungen und die fundamentalistische Willkür, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen, sind Geschwister einer Moderne, die sich als grenzenlose Selbstbehauptung des autonomen Subjekts versteht. Wie Gott zu werden oder zumindest einen Anteil am Göttlichen zu erhalten, ist das Versprechen jeder institutionalisierten Religion. Wie im Versprechen der Schlange im Paradies wird aus dem Vertrauen zu Gott ein Selbst- und Herrschaftsanspruch.

Selbstüberhöhung und Grenzen
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Autorinnen und Autoren

Dr. Michael Domsgen, Halle
Professor

Dr. Detlef Pollack, Münster
Professor

Michael Freitag, Hannover
Grundsatzreferent bei der aej

Dr. Bernd Beuscher, Bochum
Professor

Rainer Brandt, Josefstal
Pfarrer und Leiter des Studienzentrums

Ulrike Bruinings, Karlsruhe
Landesjugendpfarrerin

Dr. Ulrich Duchrow, Heidelberg
Professor

Angelika Gabriel, Benediktbeuren
Dipl. Theol.; Dipl. Soz.päd (FH)

Dr. Barbara Hanusa, Hasliberg/Schweiz
Theologin, Pädagogin, Schulleiterin der Ecole d’Humanité

Georg Hardecker, Tübingen
Diplom-Theologe

Dr. Wolfgang Ilg, Stuttgart
Pfarrer, Dipl. Psychologe

Eileen Krauße, Düsseldorf
Referentin Jugendhaus Düsseldorf

Dr. Christoph Maaß, Tübingen
Politikwissenschaftler

Reinhold Ostermann
, Nürnberg
Dipl. Sozialpädagoge (FH), Referent Amt für evang. Jugendarbeit

Dr. Gert Pickel, Leipzig
Professor

Dr. Ilka Quindeau, Frankfurt
Professorin

Werner Schneider-Quindeau, Frankfurt
Theologe

Dr. Anna-Konstanze Schröder, Greifswald
Religionswissenschaftlerin und Diplom-Psychologin

Dr. Ulrich Schwab
, München
Professor

Dr. Friedrich Schweitzer, Tübingen
Professor

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