Globalisierung - Eine andere Welt ist möglich

  • 27.9.03 Erklärung der Evang. Jugend zu Aussagen der 10. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) zur Verwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung
  • Wir glauben: Eine andere Welt ist möglich
    Erklärung der Referentinnen und Referenten des Amtes für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern zu dem Prozess der Globalisierung unter den Bedingungen des Neoliberalismus
    Vollständiger Text der Erklärung
  • Aufruf zum Ökumenischen Bekenntnisprozess ?Wirtschaften im Dienst des Lebens"
    Beschluss der ReferentInnenkonferenz im Amt für evangelische Jugendarbeit in Bayern




Erklärung der Evang. Jugend zu Aussagen der 10. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) zur Verwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung

Die Landesjugendkammer der EJB nimmt die Aussagen der 10. Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds zur Verwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung als ein weltweit wichtiges Signal gerne auf und verpflichtet sich, besonders diese im Bereich der evang. Jugendarbeit bekannt zu machen.

Im Einzelnen führt der LWB aus:

  • Unsere Welt ist gespalten von Kräften, die sich in krassen Gegensätzen äußern zwischen denen, die durch die wirtschaftliche Globalisierung profitieren und solchen, die durch sie Schaden erleiden
  • viele Aspekte der wirtschaftlichen Globalisierung bringen für Millionen Menschen Leid, Elend und Tod
  • bei der neoliberalen Globalisierung handelt es sich um Götzendienst
  • Unterstützung des LWB-Aufrufs zur Beteiligung an der Umwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung - Zusammenschluss mit den anderen Kirchenbünden zu einem kontinuierlichen Prozess, der nach der Relevanz von ökonomischen, sozialen und ökologischen Unrecht für die Kirchen fragt

Die Landesjugendkammer will besonders die Selbstverpflichtungen und Forderungen an die Mitgliedskirchen aufnehmen z.B.:

  • Mitwirkung an der Verwandlung der ökonomischen Globalisierung
  • weitere Auseinandersetzung mit Fragen der wirtschaftlichen Globalisierung
  • Partnerschaften und Bündnisse eingehen
  • Foren für Dialog und Diskussion zu schaffen


Die Zeit ist reif, für eine gerechte Welt aufzustehen. Das Scheitern des WTO-Minister-Gipfels in Cancún (Mexiko) im September 2003 zeigt, dass es eine Globalisierung ohne die Wahrung der Chancen für die Länder der südlichen Hemisphäre nicht länger geben kann und darf.
Daher ist das Scheitern der WTO-Verhandlungen in Cancún eher ein hoffnungsvolles Zeichen, da dies deutlich unterstreicht, dass eine Globalisierung mit neoliberalen Vorzeichen nicht akzeptabel ist, sondern dazu gerechte Alternativen beschritten werden müssen.

Diese umfassen neben der wirtschaftlichen und sozialen Lage auch die medizinische Vorsorge und Versorgung (insb. die AIDS-Prävention) in vielen Ländern des Südens.Die Landesjugendkammer bittet die Kirchenleitenden Organe der ELKB, die Mitgliedsverbände der EJB und die Evangelischen Jugend auf Gemeinde und Dekanatsebene diese Aussagen des LWB wahrzunehmen und sich in den Prozess einer gerecht gestalteten Globalisierung einzubringen.

Nach dem Hearing am 24. Januar 2004 und dem Zusammenführen des Diskussionsprozesses zu dem Beschluss der Landesjugendkammer ?Globalisierung ja ? aber anders" werden wir weitere Vorgehensweisen in der EJB beraten.

 

 



Die ReferentInnenkonferenz im Amt für evangelische Jugendarbeit in Bayern hat am 12. Nov. 2002 einstimmig beschlossen, den nachfolgenden Aufruf zu einem ökumenischen Bekenntnisprozess unterzeichnen.

Aufruf
Ökumenischen Bekenntnisprozess ?Wirtschaften im Dienst des Lebens"

Grundlage dieses Aufrufs ist der
BRIEF AN DIE KIRCHEN IN WESTEUROPA

Herausgefordert durch die Kirchen im Süden angesichts des Leidens der Menschen und der Zerstörung der Schöpfung haben der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der Reformierte und der Lutherische Weltbund (RWB und LWB) ihre Mitgliedskirchen zu einem 'verbindlichen Prozess des Erkennens, Lernens und Bekennens (processus confessionis) im Kontext wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und Naturzerstörung' aufgerufen. Die im Rahmen dieses Prozesses in Westeuropa durchgeführte Konsultation (15.-19.06.02) zum Thema ?Wirtschaft im Dienst des Lebens" richtete einen Brief an die Mitgliedskirchen, worin es u.a. heißt:

?Das Evangelium verspricht Leben in Fülle für alle Menschen und die ganze Schöpfung (Joh, 10:10)... Geleitet von dieser Vision, erstreben wir eine Wirtschaft im Dienst des Lebens. Märkte und Geld soll-ten den Austausch von Gütern ermöglichen, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen und zum Aufbau der menschlichen Gemeinschaft beizutragen.

Heute jedoch sehen wir, wie zunehmend wirkliches Leben von privaten finanziellen und Geschäftsinteressen beherrscht wird. Die ökonomische Globalisierung ist von einer Logik geleitet, die der Anhäufung von Kapital, uneingeschränktem Wettbewerb und der Sicherstellung von Gewinn in enger wer-denden Märkten Priorität gibt. Politische und militärische Macht werden als Instrumente benutzt, um ungefährdeten Zugang zu Ressourcen und zum Schutz von Investitionen und Handel sicherzustellen.

Kirchen, die an dem ökumenischen Prozess teilgenommen haben, bekräftigten, dass die Ideologie des Neoliberalismus unvereinbar ist mit der Vision der oikoumene, der Einheit der Kirche und der ganzen bewohnten Erde. Weitreichende und wachsende Ungerechtigkeit, Ausschluss und Zerstörung sind der Gegensatz zum Teilen und zur Solidarität, die unabdingbar dazugehören, wenn wir Leib Christi sein wollen. Was hier auf dem Spiel steht, ist ... die Glaubwürdigkeit des Bekenntnisses der Kirchen und ihrer Verkündigung Gottes, der mit den Armen und für die Armen da ist.

Um der Integrität ihrer Gemeinschaft und ihres Zeugnisses willen sind Kirchen aufgerufen, gegen die neoliberale Wirtschaftslehre und -praxis aufzutreten und Gott zu folgen" (epd-Dokum. 43a, S.9).

Die Generalsekretäre von ÖRK, RWB, LWB und KEK (Konferenz Europäischer Kirchen) rufen in ihrem Begleitschreiben zu diesem Brief unsere Kirchen auf, 'auf die Herausforderungen der ökonomischen Globalisierung in verbindlicher Weise zu antworten ? sowohl durch breite Diskussionsprozesse als auch durch Entscheidungen in den zuständigen Gremien" (epd-Dokum. 43a, S. 7). Auch katholische Partner wie Pax Christi, verschiedene Ordensgemeinschaften und die katholische Bischofskonferenz in den Niederlanden beteiligen sich bereits an diesem ökumenischen Prozeß.

In Deutschland können wir an das Gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage, die Erlaßjahrkampagne und die Dekade zur Überwindung von Gewalt anknüpfen. Der Ökumenische Kirchentag in Berlin 2003 bietet eine wichtige Gelegenheit, um die Beteiligung auf allen Ebenen zu stärken. Hier werden verschiedene Veranstaltungen den Prozeß 'Wirtschaft für das Leben' zum Inhalt haben. Wie in allen Kontinenten geht es dabei auch in Westeuropa vor allem um drei Fragen:

  1. Wie verhalten wir uns als Kirchen und Gemeinden zu Geist, Logik und Praxis der neoliberalen Globalisierung mit ihren ausschließenden und zerstörerischen Folgen?
  2. Wie glaubwürdig sind wir als Kirchen in unserem eigenen Wirtschaften (Geldanlagen usw.)?
  3. Wie können die Kirchen die biblische Option für die Armen - zusammen mit diesen und mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren wie Attac - eindeutig in die Politik einbringen?

In den Vollversammlungen der Weltbünde (2003/2004) und des ÖRK (2006) sollen die Ergebnisse der Beratungs- und Entscheidungsprozesse in allen Kontinenten zusammengetragen werden, um mit gemeinsamer Stimme und Aktion für eine 'Wirtschaft im Dienst des Lebens' einzutreten. Wir rufen Christinnen und Christen, Gemeinden, ökumenischen Gruppen und Netze, kirchliche Verbände und Organisationen auf, sich je an ihrem Ort dafür einzusetzen, dass die kirchlichen Entscheidungsgremien von der lokalen bis zur bundesdeutschen Ebene die Briefe an die Kirchen in Westeuropa und damit die Herausforderungen der neoliberalen Globalisierung auf breiter Ebene zur Diskussion stellen und verbindlich in Wort und Tat beantworten.

'Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit' (1Ko 12,26).

Initiativkreis des Aufrufs:
Organisationen und Kontaktpersonen:

  • Bündnis 2008 (Dr. Martin Hoffmann, Bayreuth)
  • Kairos Europa (Prof. Dr. Ulrich Duchrow, Martin Gück, Heidelberg; Christoph Rinneberg, Wembach)
  • Amt für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, ReferentInnenkonferenz (Hans Schlicht)
  • Solidarische Kirche im Rheinland (Erika Franze-Haugg, Mülheim)


Einzelpersonen:

  • Ilse und Dr. Markus Braun, Tübingen
  • Theo Christiansen, Mitarbeiter im Kirchenkreis Stormarn, Nordelbien
  • Dr. Hans-Jürgen Fischbeck, Kommunität Grimnitz
  • Werner Gebert, Pfarrer, Tübingen
  • Dr. Ruth Gütter, Beauftragte für kirchlichen Entwicklungsdienst der Ev. Kirche in Kurhessen-Waldeck
  • Dr. Willibald Jacob, Berlin
  • Frank Kürschner-Pelkmann, Redaktion Junge Kirche, Hamburg
  • Hartwig Liebich, Propst im Kirchenkreis Stormarn, Nordelbien
  • Heiko Lietz, Theologe, Koordinationskreis der Ökumenischen Basisgruppen, Berlin
  • Friedhelm Meyer, Pfarrer i.R., Düsseldorf
  • Dr. Ulrich Möller, Oberkirchenrat, Detmold
  • Christine Müller, Arbeitsstelle Eine Welt in der Ev. Luth. Landeskirche Sachsens, Leipzig
  • Dr. Thomas Posern, Wiesbaden
  • Dr. Walter Romberg, Berlin
  • Ulrike Schmidt-Hesse, Pfarrerin und Studienleiterin
  • Dr. Franz Segbers, Priv. Doz., Daaden
  • Dietrich Zeilinger, Pfarrer, Landesbeauftragter für Mission, Ökumene, Konziliaren Prozeß, Karlsruhe

 



Wir glauben: Eine andere Welt ist möglich

Erklärung der Referentinnen und Referenten des Amtes für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern zu dem Prozess der Globalisierung unter den Bedingungen des Neoliberalismus

Wir nehmen wahr

Liberalisierung der Warenmärkte und der Bildung, Privatisierung lebensnotwendiger Bereiche wie Gesundheit oder Wasserversorgung und Deregulierung der Märkte für Kapital und Arbeit heißen die Prinzipien einer neoliberalen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Der Prozess der ?Globalisierung" wird heutzutage meistens durch ideologische Engführung mit Verschmelzung von Märkten, Kapital und Unternehmen gleichgesetzt. Dafür spricht, dass dieser globale Prozess von der Welthandelsorganisation (WTO), dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und den G 7-Staaten gestaltet wird.

Die neoliberale Finanz- und Wirtschaftspolitik stärkt die wirtschaftlich starken Industriestaaten (vor allem in der nördlichen Hemisphäre) und schwächt die wirtschaftlich schwachen Staaten in Süd- und Mittelamerika, in Afrika und Asien bis hin zur existentiellen Gefährdung der Staaten.
In den sog. unterentwickelten Ländern und Gesellschaften führen die Liberalisierung der Kapitalmärkte, die Währungsspekulation, die Entstaatlichung der Daseinsvorsorge und andere durch Auflagen des IWF verursachten Maßnahmen zu einer massenhaften Verelendung der Menschen. Der Entzug der ökonomischen Gestaltungsmöglichkeit bedingt Hunger, Chancenlosigkeit bei Bildung und Gesundheit, verschärft die ökologische, soziale und politische Situation und führt vielfach auch zum Tod von Menschen. Mit der Verelendung geht nicht selten eine Gewaltbereitschaft bis hin zu Bürgerkriegen und Terror einher.

Die Industriestaaten sind überwiegend die Gewinner des Globalisierungsprozesses. Aber auch hier werden die Auswirkungen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik zunehmend sichtbar. Alle gesellschaftlichen Bereiche - Gesundheit, Pflege, Bildung, etc. - sollen dem Gesetz des Marktes unterworfen werden. Werte wie Gerechtigkeit, Frieden, Demokratie, Menschenrechte und sozialer Ausgleich werden zwar immer wieder beteuert, im Alltag aber den kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen geopfert.

Zeitliche Flexibilität und räumliche Mobilität heißen die vorrangigen Anforderungen der Wirtschaft und der Arbeitswelt an die Menschen. Eine lediglich an Gewinnmaximierung orientierte Wirtschaftspolitik belastet bzw. verhindert familiäre Gestaltungen und persönliche Bindungen der ArbeitnehmerInnen. Kinder werden nicht selten zum Armutsrisiko. Menschen konkurrieren als Einzelkämpfer um verbleibende Arbeitsplätze. Prägende Milieus und örtliche Lebensgemeinschaften gehen verloren und gefährden damit eine gemeinsame Identitätsbildung von jungen Menschen. Soziale Unterstützungen in allen Lebensphasen lösen sich auf.

Das Primat der Politik vor der Wirtschaft gilt immer weniger. Der ?freie Markt" wird alternativlos als Götze dargestellt (TINA-Prinzip: There Is No Alternative) und nimmt die Form eines Bekenntnisses an.

Wir wollen uns nicht damit abfinden

Die Schere zwischen Arm und Reich - also der Lebensbedingungen und -grundlagen der Menschen - geht in vielen Ländern und Gesellschaften immer weiter auseinander. Wir sehen die soziale und ökologische Verelendung in weiten Teilen der Welt ebenso wie die Veränderung der sozialen Sicherungssysteme (Pflegemarkt!) und die Folgen der Zulassung privater Medien. Wir erleben diese Veränderungen in unserer Gesellschaft bis hin in unsere eigene Kirche. Wir erfahren dies im Kontakt mit unseren PartnerInnen in anderen Kirchen und in der globalen Ökumene. Die gesellschaftlichen Wertorientierungen verschieben sich hin zu einem naturgesetzlichen ?Recht des Stärkeren".

Wir wollen uns auf Grund unseres christlichen Glaubens und der darin liegenden Hoffnung damit nicht abfinden: Wir wollen die gerechtere und friedlichere Gestaltung unserer Einen Welt nicht auf dem Altar des Marktes opfern. Wir wissen aus dem Evangelium, dass Systeme und Regime nicht Selbstzweck sind, nicht das Heil bringen oder gar heilig sind, sondern dem Leben dienen sollen.

Wir wollen verstärkt gesellschaftspolitisch aktiv werden

Wir wollen dazu beitragen, dass eine kirchliche und gesellschaftliche Diskussion über eine gerechtere, friedlichere und die Schöpfung respektierende Welt neu beginnt.

Wir fordern als ChristInnen und BürgerInnen, alternative Wege zu gehen, die das Leben und Überleben der Menschen in allen Teilen der Welt ermöglichen. Wir wollen das Unsere tun als MitarbeiterInnen in der Jugendbildungsarbeit und als private KonsumentInnen. Wir wollen die gemeinsamen Projekte mit den PartnerInnen bei uns und in anderen Ländern verstärkt fortsetzen und im Austausch und in der Solidarität mit ihnen für die Gerechtigkeit arbeiten.

Auf Grund der oben genannten Argumente haben wir uns entschlossen,
der Bewegung attac beizutreten.

Globalisierung, verstanden als das Zusammenwachsen der Menschen sehen wir positiv. Unsere Kritik richtet sich gegen eine rein wirtschaftliche Fokussierung.
Wir laden die ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Evangelischen Jugend in Bayern, die Evang.-Luth. Kirche in Bayern und alle gesellschaftlichen Gruppierungen ein, mit uns in die Diskussion über Alternativen und die weiteren Schritte einzutreten.

Denn wir glauben: Eine andere Welt ist möglich.

Landesjugendpfarrer, Geschäftsführer, Referentinnen und Referenten des Amtes für evangelische Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern.
(Beschlossen bei der Dienstbesprechung am 12. Juni 2002)