das baugerüst 2/17

Landschaften und Inseln

in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

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Inhalt

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Wolfgang Noack: Ein paar Jahre später

„Eine reiche unerschöpfliche Landschaft, die es zu entdecken und zu erwandern gilt“ sei die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. So nachzulesen im Standpunkt-Artikel der ersten Ausgabe des Jahrgangs 2010 dieser Zeitschrift. Der Titel des Heftes: Jugendarbeit 2017. Sieben Jahre später klingen nicht wenige Sätze so, als seien sie gestern verlautbart worden. „Am Verhältnis der Kirche zur heranwachsenden Generation entscheiden sich in einer Gesellschaft, in der eine christliche Sozialisation keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt, die Gegenwart wie Zukunft der Kirche“, so die damalige Ratsvorsitzende der EKD Margot Käßmann im Gespräch dieser Ausgabe. Der Vorsitzende der Evang. Jugend in Bayern, Michael Thiedemann erklärt im gleichen Heft: „Ich hoffe, dass im Jahr 2020 Konfirmandenarbeit und schulbezogene Jugendarbeit nicht die einzigen Arbeitsfelder sein werden. Als konfessioneller Jugendverband haben wir schließlich noch viel mehr zu bieten“. Auch die Prognose des damaligen aej Vorsitzenden Thomas Schalle weist in eine ähnliche Richtung: „Kinder- und Jugendarbeit wird zunehmend zum Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen und zur Werkstatt für die globalen und lokalen Lebensthemen. Ihre Antworten werden mit entscheiden, ob in drei Generationen überhaupt noch junge Menschen den Weg in die Kirche finden und unsere demokratische Kultur sich lebendig weiter entwickelt.“

Und heute, sieben Jahre später? „Man kann heute mit dem Thema ‚Ich will etwas für Jugendliche machen‘ fast jedes kirchliche Gremium für sich gewinnen“, sagt der Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD Thies Gundlach im Gespräch dieser Ausgabe und behauptet: „Heute öffnet das Stichwort ‚Jugend‘ in allen kirchlichen Gremien Türen, Geldbeutel und Ideen“.
Was ist zwischen 2010 und 2017 passiert? Neben einer Reihe von Jugendstudien erschütterte vor allem die Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD das Selbstverständnis der Volkskirche (s. das baugerüst 1/15: u.a. Michael Domsgen, Detlef Pollack und Gespräch mit Gert Pickel).
Wenn es um die Konsequenzen aus dieser Studie geht, ist viel von Traditionsabbruch, Anschlussfähigkeit und Übergängen die Rede. Der Religionssoziologe Gert Pickel zieht aber noch einen anderen Schluss: „Institutionen leben davon, dass sie sich wandeln. Jugendliche möchten auch dabei sein, nicht ausgeschlossen werden. Gleichzeitig möchten sie nicht mit etwas verbunden werden, was in ihren Augen als uncool erscheint. Deswegen ist es wichtig, dass sie auch das Gefühl haben, es bewegt sich etwas in ihre Richtung“.
Hier setzt das vorliegende Heft an und beschreibt am Anfang verschiedene Landschaften der Jugendarbeit. Kein vollständiges Landschaftsbild der Angebote evangelischer Kinder- und Jugendarbeit wird hier gezeichnet, der Fokus liegt eher im spirituellen, im „frömmeren“ Bereich. Andere Landschaftsteile und Inseln kamen in anderen Ausgaben zu Wort: Zusammenleben, Zukunft, Protest, Freiheit, Demokratie, Heimat, Frieden und Gerechtigkeit u.v.a.m. Alles Themen, die in der evangelischen Jugendarbeit verankert sind. Hier nun die Jugendkirchen, die Gottesdienstkultur, missionarische Angebote, die in manchen Regionen „echte Renner“ sind. Für die einen ein Aufbruch, andere „fremdeln“ eher mit solchen Formen. Trotzdem gehört alles doch zu einer Landschaft, auch wenn manche meinen, sie lebten auf einer Insel (wobei nichts gegen Inseln gesagt werden sollte. Man kann sich wohl nirgendwo besser erholen als dort).
Mit Landschaft wird zum einen die kulturell geprägte Gegend als ästhetische Ganzheit bezeichnet, zum anderen versteht man darunter ein geographisches Gebiet, das sich durch bestimmte Merkmale von anderen unterscheidet. Während ersteres Verständnis die Gefahr der Abgrenzung mit sich bringt, liegen die „bestimmten Merkmale“ der zweiten Definition für die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen klar auf der Hand: Für diese Zielgruppen Angebote schaffen, bei denen sie sich einbringen und gestalten können, die freiwillig und partizipativ sind und bei denen es darum geht, „den Himmel offen zu halten“ (ein wunderbarer Satz von Thies Gundlach; s.S. 58).
Auch Bernd Wildermuth greift diesen Gegensatz von Landschaften und Inseln in seinem Beitrag auf und kritisiert die mangelnde Kooperation verschiedener Angebote kirchlicher Arbeit für Kinder und Jugendliche. Er rät zu einem Perspektivwechsel, gerade auch, weil sich die Altersstruktur in diesem kirchlichen Arbeitsfeld erheblich verändert hat.
Im zweiten Teil des Heftes führen die Autorinnen und Autoren eine Debatte zu der Frage, wann die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erfolgreich ist. Gibt es Erfolgskriterien? Wenn ja, wie sehen diese aus? Und: für wen wird der Erfolg in diesem Arbeitsbereich definiert?
Diese Debatten sind notwendig, damit sieben Jahre weiter, 2024, die „reiche unerschöpfliche Landschaft“ entdeckt und erwandert werden kann.

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Bernd Wildermuth: Die Perspektive ändern

Landschaften statt Inseln

Ein geflügeltes Wort macht in der württembergischen Landeskirche gerade die Runde: „Landschaften statt Inseln“.(1) Als 2013 die württembergische und die badische Landeskirche miteinander verabredeten eine große statistische Erhebung der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen zu machen, da ahnte noch niemand, dass aus dem ‚Zählen‘ ein qualitativer Wandlungsprozess entstehen sollte. Dieser Veränderungsprozess hat seinen Grund darin, dass nicht nur die Jugendarbeit im klassischen Sinn, sondern die gesamte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erfasst werden sollte – und zwar auf allen Ebenen kirchlichen Handelns, in der Gemeinde, in den Kirchenkreisen / Dekanaten und auf landeskirchlicher Ebene. Neben der Jugendverbandsarbeit wurden deshalb auch der Kindergottesdienst, die kirchenmusikalische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden in die Statistik mit einbezogen. Zum ersten Mal mussten all diese Arbeitsbereiche intensiv miteinander kooperieren, Fragen, Items, miteinander abstimmen und überlegen wie diese Statistik so aufgesetzt werden kann, dass für alle valide Zahlen herauskommen. In diesem gemeinsamen Prozess wurde schnell deutlich, dass die Unterschiede und Abgrenzungen zwischen diesen Bereichen, die bei einer oberflächlichen äußerlichen Betrachtung immer ins Feld geführt werden, so nicht haltbar sind. Im Kindergottesdienst werden eben nicht nur biblische Geschichten erzählt und Gottesdienst gefeiert, sondern es wird eben auch gespielt und gesungen. In der kirchenmusikalischen Arbeit mit Kindern ist es auch nicht nur so, dass auf Auftritte oder auf das Mitwirken im Gottesdienst hin musikalisch geprobt wird, sondern Kinder- und Jugendchöre sind gemeinsam auf Freizeiten unterwegs. Es werden Andachten gehalten und es wird miteinander gespielt. Und in der Jugendarbeit, beispielhaft kann man an eine Jungscharstunde denken, wird auch nicht nur gespielt, sondern ebenso gebetet und gesungen. Und es werden biblische Geschichten erzählt, neben all dem anderen (diskutieren, basteln, Fahrradtouren, Kanu fahren, Theater spielen etc.), was dort und anderswo auch noch getan und erlebt wird. Je nachdem in welchem Bereich der evangelischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sich ein Kind bzw. Jugendlicher bewegt, stehen bestimmte Dinge im Fokus, die es aber auch in der einen oder anderen Weise in den anderen Angeboten der evangelischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gibt. Was Jugendarbeit, Kinderkirche, Konfirmandenarbeit und Kirchenmusik verbindet, ist ein ganzheitlicher christlicher Ansatz. Deshalb sind alle Angebote bei aller Fokussierung Teile einer Landschaft und nicht voneinander isolierte Inseln, die nichts bis wenig miteinander zu tun haben und sich womöglich als Konkurrenten auffassen. Sie schöpfen aus derselben Quelle, der biblisch-christlichen Tradition und haben ein weites, aber durchaus gemeinsames Repertoire.

Ein Angebot der Kirche

Damit ist auch schon eine Teilantwort auf die Frage „Wie verhalten sich diese Bereiche zueinander?“ gegeben. Natürlich kommt die evangelische Kinder- und Jugendarbeit aus der Tradition der Jugendverbandsarbeit. Nach KJHG §11 und 12 geschieht Jugendarbeit freiwillig, partizipatorisch und selbstbestimmt. Aber in einer pluralen Optionsgesellschaft, in der die konfessionellen Milieus nur noch in regional sehr überschaubaren Gebieten – vor allem Süddeutschlands – oberhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen, hat die gesamte evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen diesen Charakter, auch die Konfirmandenarbeit. Und dass Kinder und Jugendliche bei dem was in Gruppenstunden und Projekten geschieht mitbestimmen, ist im Jahr 2017 ein pädagogischer und partizipatorischer Gemeinplatz. Die Demokratie ist im Freizeitbereich in allen Lebenswelten angekommen.Ein weiteres Plädoyer dafür in Landschaft statt in Inseln zu denken, liefert ein Perspektivenwechsel. Von außen - von den Jugendlichen, Kindern und ihren Eltern aus - betrachtet ist die gesamte evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein Angebot der Kirche und es ist fraglich, ob dabei noch in Konfessionen unterschieden wird. Ähnliches dürfte übrigens auch für die Angebote anderer Verbände, zumindest der weltanschaulich geprägten gesagt werden. Landschaften statt Inseln ist der eine Perspektivenwechsel. Der andere geht ins Mark des Selbstverständnisses der Jugendarbeit. Wer Jugendarbeit hört, der denkt unweigerlich sofort an 14-18jährige Jugendliche, vielleicht auch an junge Erwachsene, die ihr Ding machen. Die Zahlen der Statistik „Jugend zählt!“, zeigen aber etwas ganz anderes auf. Nimmt man einmal die Konfirmandenarbeit und die schulbezogene Jugendarbeit heraus, dann standen im Jahr 2013 ca. 47.000 teilnehmende Kinder in Jungschar- und Kindergruppen ca. 22.000 teilnehmenden Jugendlichen in Jugendgruppen und Jugendkreisen gegenüber. Und von diesen 22.000 sind noch 2000 Kinder im Alter von 8-12 Jahren. (2) Damit sind gut 70 Prozent der Teilnehmenden im Kerngeschäft der evangelischen Jugendarbeit, der Gruppenarbeit, Kinder. Ganz ähnliche prozentuale Verteilungen haben sich in Kinder- und Jugendchorarbeit in Baden-Württemberg ergeben. Festzustellen ist: Das Gros der evangelischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen findet eindeutig im Bereich der Arbeit mit Kindern statt. Sie sind die Zielgruppe mit der eindeutig höchsten Reichweite. 30 Prozent aller evangelischen sechs bis acht Jährigen nehmen in Württemberg ein regelmäßiges Gruppenangebot der Jugendarbeit wahr. (3) Und dazu kommen noch die 10,8 Prozent erreichter Kinder in der Kirchenmusik und die 16,8 Prozent im Kindergottesdienst, wobei es eine ganze Reihe Kinder geben wird, die das eine wie das andere Angebot wahrnehmen.

Was bedeutet das für die Gesamtwahrnehmung?

Ganz sicherlich geht es nicht um ein Ausspielen von Alterskohorten gegeneinander, hier die Arbeit mit Kindern, dort die Arbeit mit Jugendlichen. Es wird zu Recht von der Jugendarbeit beklagt, dass eine eigenständige Jugendpolitik zurzeit gerade fehlt, weil sich in den vergangen Jahren, fast muss man schon sagen Jahrzehnten, das Augenmerk der Politik eindeutig auf den Bereich der Kindheit gerichtet hat. In der Kirche und in der Jugendarbeit speziell war und ist es aber genau umgekehrt. Das Augenmerk der Verantwortlichen in Kirchengemeinden richtet sich darauf wie viele Jugendliche nach der Konfirmation in irgendeiner Form in der evangelischen Jugendarbeit dabei sind. Aus anderen Studien, unter anderem aus „Brücken und Barrieren – Jugendliche auf dem Weg in die Evangelische Jugendarbeit“, wissen wir, dass vor allem Jugendliche in der evangelischen Jugendarbeit beheimatet werden und „ihren“ Ort finden, die zuvor auch als Kind in der evangelischen Jugendarbeit aktiv waren. „Die Studie [Brücken und Barrieren] stellt fest, dass die Teilhabe an Evangelischer Jugendarbeit in der Regel Fortführung einer bereits in der Kindheit aufgebauten Verbindung zu Gemeinde und Glaube ist.“(4)Überspitzt könnte man sagen, nur wer in einer Jungschar war, die Kinderkirche regelmäßig besucht hat oder in einem Kinderchor gesungen hat, der wird auch als Jugendlicher den Weg in die evangelische Jugendarbeit nach der Konfirmation finden

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Marcell Saß: Vernetzt - und nun?

Überlegungen zur professionalisierten Kooperation von Konfirmandenzeit und Jugendarbeit

„Ohne eine enge Verknüpfung der Konfirmandenzeit mit der Jugendarbeit ... wird sich der Marginalisierungsprozess von Kirche unter Jugendlichen nicht aufhalten lassen.“(1) Was vor fast einem Jahrzehnt gefordert wurde, scheint mittlerweile „vollbracht“. Vielerorts sind Projektstellen eingerichtet, ebenso ist eine Fülle von Materialien entstanden.(2) Die folgenden Überlegungen sollen dazu anregen, auf die Entwicklungen der vergangenen Dekade und die aus der Kooperation beider Handlungsfelder resultierenden Herausforderungen zu blicken. Insbesondere die Frage der Professionalisierung in beiden Handlungsfeldern kirchlicher Praxis rückt dabei in den Fokus. Beschlossen werden die Ausführungen mit einem knappen Fazit, das die Frage zukünftiger theologischer Ausbildung in unterschiedlichen Kontexten thematisiert.

Vernetzt – oder: „Es ist vollbracht!?“

Wer gegenwärtig Materialsammlungen, einschlägige (kirchliche) Publikationen, empirische Studien und wissenschaftliche Beiträge sichtet, gewinnt den Eindruck, dass „Jugendarbeit und Konfirmandenarbeit“ nunmehr „Gut verknüpft“(3) sind. Beide Arbeitsbereiche profitieren voneinander, stärken kirchliche Bindung vor allem durch das Engagement von Jugendlichen als „Teamerinnen und Teamer“ und profilieren sowohl die Neuordnung der Konfirmandenzeit als auch die der evangelischen Jugendarbeit.(4) Gleichwohl: Offenbar bleibt noch manches zu tun: „In der Kooperation zwischen Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit liegen noch zu wenig genutzte Chancen“, diagnostiziert etwa der Rat der EKD in seinen 12 Thesen zur Konfirmandenarbeit aus dem Jahr 2012.(5) Und empirische Studien(6) bestätigen, dass es vielerorts wohl eher punktuelle Kontakte im Kontext von Freizeiten oder Camps bzw. der Schulung von Teamerinnen und Teamern gibt. Deutlich ist jedoch: Die Zukunft der Konfirmandenzeit und der Jugendarbeit liegt in ihrer engen Kooperation.
Diese Diagnose ist um so beachtlicher, als dass damit zwei über lange Zeiträume unabhängige Bereiche kirchlicher Praxis mit ihren je spezifischen Eigenheiten stetig transformiert wurden. Die seit Ende der 1960er Jahre vollzogene Wandlung eines pfarramtlich zentrierten, vornehmlich katechetisch orientierten Konfirmanden-Unterrichtes hin zu einer auch pädagogisch fundierten und die Lebenslagen der jungen Menschen wahrnehmenden Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden markiert dabei die eine Seite des Transformationsprozesses.

Auf der anderen Seite beginnen (nicht erst) seit den 1970er Jahren Konzepte evangelischer Jugendarbeit durch gesellschaftliche Veränderungen wie Globalisierung, Traditionsabbrüche, Digitalisierung, (religiöse) Pluralität oder den demographischen Wandel der deutschen Gesellschaft zunehmend brüchig zu werden.(7) Dabei sind durchaus auch historisch gewachsene Strukturen tangiert, wie etwa die Bedeutung und Eigenständigkeit evangelischer Jugendverbände im gegenüber zu ortsgemeindlicher oder regional organisierter Evang. Jugend, übrigens auch durch finanzielle Einsparungen.

Von daher verwundert es wenig, dass es gerade auf Seiten der Mitarbeitenden in der Jugendarbeit nicht nur zu Begeisterungsstürmen führt, wenn Aussagen zur Zukunft der Jugendarbeit wesentlich im Umfeld der Kooperation mit der Konfirmandenzeit begegnen, anders und zugespitzt gefragt: wer gewinnt hier, wer verliert möglicherweise? Letztlich geht es dabei um die Frage, ob und wie Evangelische Jugendarbeit über die Vernetzung mit der Konfirmandenzeit hinaus ihr eigenes Profil schärfen und weiterentwickeln kann. Jugendkirchen oder die intensive Freizeitarbeit der Evang. Jugend sind (nur) zwei Beispiele für solche Bemühungen.

Ohne Zweifel, das sei nachdrücklich unterstrichen, liegen in einer Vernetzung beider Arbeitsbereiche große Chancen für die Zukunftsfähigkeit der evangelischen Kirche. Partizipationsmöglichkeiten zu eröffnen, zivilgesellschaftliches Engagement junger Menschen durch die Übertragung von Verantwortung in der Konfirmandenzeit zu fördern und konzeptionell kirchliches Handeln zu entwickeln – all das ist wichtig. Ebenso gibt es in Deutschland lokal sehr unterschiedliche Situationen zu bedenken, etwa, was die Reichweite der sog. „Jungschararbeit“(8) betrifft, die Möglichkeiten, die die Kinderkirche bietet oder aber die Herausforderungen, vor die konfessionslose Kontexte stellen. Und dass eine exklusive Orientierung der Jugendarbeit an sozial-politischen oder diakonischen Paradigmen gegenwartskulturell und anders als noch vor 50 Jahren nicht als der „Königsweg“ bezeichnet werden kann, ist offenkundig.(9) Mehr noch als solche Konzeptions- und Profilfragen rückt aber gegenwärtig eine Herausforderung in den Mittelpunkt, die mit dem vielfältig diskutierten Leitbild der „Professionalisierung“ einhergeht. Einfacher gefragt: welche Professionalisierung brauchen diejenigen, die Jugendarbeit und Konfirmandenzeit gestalten (sollen). Unabhängig von Konzeptionsfragen gilt es dann zu bestimmen, was solch „professionalisiertes Handeln“ in Jugendarbeit, Konfirmandenzeit und deren Kooperation kennzeichnet. Angesichts der Transformationsprozesse, die beide Arbeitsbereiche in den letzten Jahren durchlaufen haben, scheint mir dies ein wichtiges Diagnoseinstrument zu sein, über Chancen und Herausforderungen einer Vernetzung von Konfirmandenzeit und Jugendarbeit nachzudenken.

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Tobias Faix: Wann ist christliche Jugendarbeit erfolgreich?

Zehn Erfolgsfaktoren

„Wann ist christliche Jugendarbeit erfolgreich?“ Das ist eine schwere und komplexe Frage, einige würden wahrscheinlich sogar sagen, dass es eine falsche Frage ist und würden Mutter Theresa zitieren, die einmal sagte: „Gott hat mich nicht dazu berufen erfolgreich, sondern treu zu sein.“ Aber ist vielleicht nicht auch Treue ein Zeichen des Erfolges? Und natürlich wird die „ewige Debatte“ um Quantität und Qualität diskutiert und, dass man den Erfolg erst Jahre später sehen kann. Alles richtig und dann ist da ja auch noch die Frage, für wen es erfolgreich sein soll? Für die Jugendlichen? Die Mitarbeitenden? Die Kirche? Oder gar Gott? Trotz dieser Fragen, möchte ich mich dieser Ausgangsfrage stellen und zehn Faktoren nennen, die eine Jugendarbeit aus meiner Sicht erfolgreich machen.


1. Der biblisch-theologische Faktor: Wenn Jugendarbeit Gott in den Mittelpunkt stellt. Denn Gott unterscheidet eine evangelische Jugendarbeit von anderen guten Jugendarbeiten wie bspw. der Kommune oder der Freiwilligen Feuerwehr. Die gute Nachricht dieses Gottes an uns ist die Tatsache, dass es die Möglichkeit der Versöhnung und somit die Wiederherstellung von Gemeinschaft gibt. Und dies in einer Zeit, wo die kulturellen und sozialen Risse selbst in so einem reichen Land wie Deutschland immer sichtbarer werden und unterschiedliche Gruppen zunehmend exkludiert werden. Jugendarbeit stellt inmitten dieser Verschiebungen einen Raum dar, der nicht durch Abgrenzung gekennzeichnet ist, sondern offen für Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft ist. Daraus folgt eine neue Form von Gemeinschaft, die von der Kraft der erfahrenen Versöhnung lebt und diese wieder weitergeben kann. Sie hat eine Sprengkraft, die die großen Diskriminierungen dieser Welt überwinden kann, wie Paulus an die Gemeinden in Galatien und uns heute schreibt: In Christus gibt es nicht mehr Griechen und Juden (kulturelle Differenzen, Rassismus), nicht mehr Männer und Frauen (geschlechtliche Unterdrückung) und nicht mehr Freie und Sklaven (Ausbeutung durch Ungleichheit), in ihm sind sie allesamt eins, und die großen Ausgrenzungen können in dieser neuen Gemeinschaft überwunden werden.


2. Beziehungen als Schlüsselfaktor: Einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Jugendarbeit ist meiner Meinung nach Beziehung. Gerade in einer immer technischeren und digitalisierten Welt sehnen sich Jugendliche nach gelingenden Beziehungen. Jugendarbeit muss nicht mit den großen Formaten der Fernsehshows in Konkurrenz gehen, sondern einen Schutzraum für Jugendliche anbieten, in dem sie sich sicher fühlen und in dem Beziehungen untereinander (sowohl zur Peergroup als auch zu den Mitarbeitenden) möglich sind. So wichtig gute Programme und Konzepte für eine gelingende Jugendarbeit auch sind, der Entwicklungsraum für gelingende Beziehungen ist die Grundlage aller Jugendarbeit. Die Basis dafür ist die Annahme, dass Jugendliche als Ebenbild Gottes relationale Geschöpfe sind. Erfolgreiche Jugendarbeit fördert deshalb Beziehungen die mündigen Glauben und aktives Leben positiv fördern.


3. Faktor Offen und Inklusiv: Wenn man diesen beiden kurzen theologischen Überlegungen folgt, kommt man gar nicht umhin, festzustellen, dass ein Erfolgsfaktor evangelischer Jugendarbeit die Offenheit in ihrer ganzen Bandbreite meint. Dies schließt einzelne Zielgruppenangebote nicht aus, sondern möchte die Gesamtheit in Blick nehmen und die Frage stellen, welche sozialen Milieus zum Beispiel nicht gesehen und somit ausgeschlossen werden? Welche Hürden müssen Jugendliche überwinden, um Teil einer Gruppe zu werden (Sprache, Bildung, Kultur etc.)? Diesem Verständnis liegt die Annahme zu Grunde, dass alle Jugendlichen eigene Subjekte sind und somit zum vollständigen Gegenüber werden. Was uns zum nächsten Erfolgsfaktor bringt:


4. Faktor Partizipation: Die Arbeit von und mit Jugendlichen bildet die methodische Mitte einer erfolgreichen Jugendarbeit. Dies bedeutet, dass Jugendliche Dialogpartner*innen und Mitgestalter*innen der Jugendarbeit sind. Jugendarbeit geschieht also vor allem mit den Jugendlichen und wird nicht für sie gestaltet, sondern lebt von ihren Beiträgen. Dies heißt automatisch, dass Jugendarbeit lebensnah und kontextuell geschieht, damit Jugendliche Teil und Gestalter*in der Jugendarbeit sein können. Erfolgreiche Jugendarbeit fördert deshalb immer das Ehrenamt.


5. Persönlichkeitsbildend:
Auch wenn die heutigen Übergänge von Kindheit auf Jugend und weiter ins Erwachsensein unscharf sind, können doch charakteristische Aufgaben und Entwicklungen von Jugendlichen identifiziert werden, die typisch für ihre Lebenslage sind. Eine erfolgreiche Jugendarbeit nimmt diese Entwicklungsphase ernst, geht darauf ein und fördert diese Entwicklungen, sowohl in der Persönlichkeitsbildung, dem Denken, der sexuellen Entwicklung, dem Aufbau einer individuellen Autonomie, welche sich im Jugendalter in der Spannung zwischen soziokultureller Selbstständigkeit und relativ starker ökonomischer Abhängigkeit bildet. Dies gilt auch für die Glaubensentwicklung, wo gültige religiöse Vorstellungen kritisch hinterfragt werden und sich ein eigenes individuelles Welt- und Glaubensbild entwickelt. Dies gilt auch für die Lebenswelt, in der Jugendliche heute aufwachsen, die geprägt ist von den großen Transformationsprozessen wie Globalisierung, Digitalisierung oder Pluralisierung. Dies bedeutet, dass Jugendliche in einer Gesellschaft aufwachsen, in der unterschiedliche Weltanschauungen und religiöse Traditionen gleichwertig nebeneinander stehen. Jugendarbeit fördert durch die Auseinandersetzung mit anderen Glaubensformen die eigene Entwicklung und Identität der Jugendlichen. Dies impliziert den nächsten Erfolgsfaktor:

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Hanne Lamparter / Micheal Pohlers: Wie gelingt die kirchliche Jugendarbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Wann ist kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erfolgreich? Wie kann hier Erfolg definiert werden? Welche messbaren Kriterien gibt es? Und welches ist das Ziel, das es zu erreichen gilt? Vor diesen Fragen standen die Mitarbeitenden der Studie „Jugend gefragt!“ (Pohlers et al. 2016). Die in den Jahren 2015 und 2016 durchgeführte Untersuchung vertieft eine erste Studie aus dem Jahr 2013. Dort war zunächst unter dem Titel „Jugend zählt!“ (Ilg/Heinzmann/Cares 2014) quantitativ erfasst worden, wie viele Menschen in der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg mitarbeiten oder teilnehmen, in welchen Bereichen sie sich engagieren und welche Angebote sie annehmen. Aus diesen statistischen Daten ergab sich bei der Vorstellung in den Landessynoden die Frage, warum in einigen Gemeinden eine vielfältige und (anhand der Zahlen) vitale Arbeit vorhanden war, während es andernorts schwierig war, kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen überhaupt zu beginnen. Um dies herauszufinden, wurden in 30 evangelischen Kirchengemeinden in Baden und Württemberg Verantwortliche für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gefragt, was zum Gelingen der Arbeit vor Ort beiträgt. Ausgewählt wurden dabei Gemeinden, die sich in der quantitativen Studie als besonders „jugendaktiv“ ausgezeichnet hatten – die Befragung ging also von gelingenden Erfahrungen aus.

Die Vielfalt der Arbeit muss gewürdigt werden

Zum einen wurde dann jedoch bei den Besuchen in den Gemeinden deutlich, dass die Art der Angebote sehr verschieden ist. Neben Andachten, Gottesdiensten, Bibelkreisen und anderem explizit „religiösen Programm“, gehören auch Grillabende, gemeinsames Fußballschauen, Sporttreiben, Tanzen, Wanderungen, Kochen und vieles mehr dazu. Einige wollen vor allem offene, niederschwellige Angebote: „Viele Jugendliche sehen ihre Klassenkameraden nicht bei uns in einem klassischen Bibelkreis, wo hauptsächlich Bibel gelesen wird oder über Glaubensthemen diskutiert wird, aber zu solchen Veranstaltungen, was weiß ich, irgendein Kochduell oder einfach mal Volleyballspielen oder Schlittschuhfahren oder sonst irgendetwas, da können sie sie mitnehmen.“ (Jugend gefragt, 133). Andere wünschen sich jedoch, gerade die Glaubensfragen weiter zu vertiefen. Gemeinsames Gebet, Lobpreiszeiten und Bibelarbeiten sind ihnen wichtig (vgl. Jugend gefragt, 128). Es ist nicht möglich, Erfolg an einem bestimmten, spezifischen Angebot zu messen. Die Vielfalt der Arbeit muss gewürdigt werden. Zudem sind die natürlichen Voraussetzungen und Prägungen der Gemeinden sehr unterschiedlich. Ob Kleinstadt, Universitätsstadt, Brennpunktviertel oder Schwarzwalddorf, ob pietistisch geprägt oder liberal eingestellt, ob Einzelgemeinde oder Gesamtkirchengemeinde, ob Zusammenarbeit mit einem Jugendverband oder selbstständig, ob in guter ökumenischer Partnerschaft oder nicht: Die Voraussetzungen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sind sehr verschieden. Gelingende Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wurde dennoch in den unterschiedlichsten lokalen Settings vorgefunden. Mancherorts war die Arbeit stark von Verbänden geprägt und orientiert sich an „klassischen“ Modellen wie z.B. Jungscharen. Andernorts bestand die Arbeit aus einem offenen Treff im Brennpunktviertel, der vor allem von muslimischen Jugendlichen besucht wurde.

Die Suche nach übergeordneten Erfolgskriterien

Kann es, im Wissen um die jeweils spezifische Situation und die große inhaltliche Bandbreite der Gemeinden vor Ort, übergeordnete Kriterien geben, die eine vitale, erfolgreiche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen beschreiben?
Kriterien lassen sich oft von den Zielen ableiten, die man erreichen will. Viele der Befragten sprachen eines oder mehrere der fünf im Folgenden aufgeführten Ziele an:

1.    Die Mitarbeitenden aller befragten Gemeinden betonten die Relevanz christlicher Glaubensinhalte. Die einen sprachen davon, in Kinderkirche und Kinderbibelwochen die biblischen Geschichten bekannt machen zu wollen. Viele Jugendliche wünschten sich, den Glauben als alltagsrelevant und als Orientierung im Leben erfahren zu dürfen. Für andere Verantwortungsträger stehen diakonische Aspekte im Vordergrund. In welcher Ausprägung die christlichen Inhalte zur Sprache kamen, war unterschiedlich. Eine sich selbst säkularisierende Kirche wünscht sich aber niemand aus den befragten Gemeinden (vgl. Jugend gefragt, 128 ff).

2.     Gute Gemeinschaft und tiefe Freundschaften sowie das gemeinsame Unterwegssein wurden beinahe ebenso häufig genannt. „In der Gemeinschaft fühl ich mich wohl, da will ich bleiben“, erzählte ein Ehrenamtlicher. Wichtig sei es, viel Zeit miteinander zu verbringen, „über alles reden“ zu können und auch Schwierigkeiten ansprechen und Probleme konstruktiv lösen zu können (Jugend gefragt, 129).

3.     Oft war von einem Freiraum die Rede, der evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen prägt. Viele Jugendliche wünschen sich einen Raum zur Entfaltung, sie sehnen sich nach einem Raum, in dem sie sich selbst erfahren können – ganz ohne Leistungsbeurteilung und Druck, den sie sonst vielerorts erleben. Ein solcher leistungsfreier Raum, in dem Gemeinschaft und gegenseitige Wertschätzung geachtet und gelebt werden, kann gerade in Zeiten zunehmender schulischer Anforderungen und vermehrter Individualisierung einen gesellschaftlichen Gegenakzent setzen (vgl. Jugend gefragt, 130 & 138).

4.     Etliche Befragte meinten, dass das Willkommen- und Angenommensein die christliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen charakterisiere. Jede und jeder müsse auf seine Art wertgeschätzt und auch mit seinen Schwächen willkommen sein. „Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf der Freiheit und auf diesem ‚So wie du bist, bist du in Ordnung‘“, beschreibt eine Pfarrerin das Profil der Arbeit und fährt fort: „Wenn man mich fragt, was das Evangelische oder Christliche an unserer Freizeit ist, dann denke ich, dass es doch vor allem die Freiheit ist, die man bei uns spüren kann und auch das Angenommensein“ (Jugend gefragt, 130-131). Junge Menschen können hier ein Stück gelebte Rechtfertigungslehre erfahren: Das Angenommensein als Gottes geliebtes Gegenüber, ohne sich beweisen zu müssen (vgl. Jugend gefragt, 130 & 138).

5.     Mancherorts ist die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Themen und das Erlernen eines verantwortungsvollen Verhaltens ein wichtiger Teil der kirchlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen: Themen wie Gerechtigkeit, Umweltschutz, die Eine-Welt-Arbeit oder Debatten um ethische Themen wie Organspende oder Stammzellenforschung wurden benannt. Es sei Ziel der kirchlichen Arbeit, christliche Werte wie Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu vermitteln (vgl. Jugend gefragt, 131). Diese Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch können die verschiedenen Ziele angesichts der Vielfalt an Voraussetzungen, Erwartungen und Profilen nicht in eine grundsätzliche Rangfolge oder Wertung gebracht werden. Vielmehr ist gerade diese Vielfalt und auch die Unterschiedlichkeit der Ziele, die alle eine Berechtigung haben, eine große Bereicherung und Chance, um viele Menschen zu erreichen.

Keine Rezepte, aber viele Anregungen zur Reflexion


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"Den Himmel offen halten"

Ein Gespräch mit dem Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD, Dr. Thies Gundlach über die kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, über die Definition von Erfolg und die Frage, wie jugendlich eine Kirche sein sollte.

baugerüst: Wenn Sie Evangelische Jugend in Deutschland mit einigen wenigen Stichworten skizzieren müssten. Was fällt Ihnen da spontan ein?

Gundlach: In der Evangelischen Jugend sind in aller Regel hoch engagierte junge Menschen, die über ein sehr waches politisches Bewusstsein verfügen. Dabei interessieren sie sich erstaunlicherweise auch für die Institution. Diese drei Eigenschaften betrachte ich einerseits mit einer gewissen Verwunderung, andererseits mit Respekt und Bewunderung.

baugerüst: Sie waren in Ihrer Hamburger Zeit selbst in der Jugendarbeit engagiert. Wie haben Sie da die Kinder- und Jugendarbeit wahrgenommen?

Gundlach: Ich habe in meinem beruflichen und privaten Umfeld viele engagierte Menschen kennengelernt, die von Jugendarbeit oder der Arbeit in der ESG geprägt wurden. Die Erfahrungen in diesem Bereich haben großen Einfluss auf die Biografien im weiteren Leben. In meiner Zeit als Pastor in Hamburg habe ich in der Gemeinde viel Jugendarbeit gemacht. Der Mittwochabend war reserviert für die Jugendgruppe. Über gemeinsame Erlebnisse zu geistlichen und spirituellen Themen zu kommen, war mir dabei wichtig. Darum sind wir mit den Gruppen auch viel gereist.

baugerüst: Was waren zu Ihrer Zeit die Veränderungen in der Arbeit und wie haben Sie diese erlebt?

Gundlach: Im Unterschied zu heute kamen in den neunziger Jahren die Kinder und Jugendlichen noch deutlicher aus christlichen Familien, hatten noch eine ungefähre Ahnung, was an Weihnachten und Ostern passiert war und wussten, dass der Reformationstag nichts mit Halloween zu tun hat. Das soll  aber keine Kritik an der heutigen Generation sein; wir haben es eben mit einer Generation zu tun, an die die christliche Tradition so nicht mehr weitergegeben wurde.

baugerüst: Wann ist für Sie evangelische Jugendarbeit erfolgreich?

Gundlach: Wenn wir es schaffen, Kindern und Jugendlichen ein spirituelles Grundgefühl Gott gegenüber zu geben, so dass für sie der Himmel offen ist. Ich glaube, Jugendarbeit ist dann erfolgreich, wenn dieses positive Grundgefühl für den christlichen Glauben bleibt und ein Resonanzkörper für die spirituelle Dimension entsteht, für alles, was man nicht auf Anhieb sieht, für das, was nicht nur schwarz oder weiß ist. Es geht darum, sich darauf verlassen zu können, dass der Himmel offen steht und Glaube dann auch etwas mit Verantwortung für den anderen zu tun hat.

baugerüst: Es geht Ihnen um die Konfrontation mit etwas bisher vielleicht Fremden.

Gundlach: Ja, ich könnte jetzt auch viel von Bibelfrömmigkeit oder Jesus Christus sagen, aber hier geht es um die Hintergrundfolie, auf der das Ganze schwingt. Und wenn es gelingt, dieses Grundgefühl Kindern und Jugendlichen mitzugeben, ist sehr viel erreicht. Ob sie sich dann eines Tages für den Kirchenvorstand oder für andere Gruppen interessieren, bleibt abzuwarten.

baugerüst: Kinder und Jugendliche sind heute in erster Linie Schülerinnen und Schüler. In diesem Bereich hat sich in den letzten Jahren sehr viel verändert. Macht die Ganztagsschule die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen überflüssig?

Gundlach: Es gibt sehr gute Kooperationen zwischen der kirchlichen Jugendarbeit und der Schule; aber es gibt auch andere Fälle, in denen Schule und Jugendarbeit nicht vereinbar sind. Wenn Schulleitungen und Lehrer religiöse Angebote als lebensfördernd und als Beitrag zum Erwachsenwerden sehen, klappt die Zusammenarbeit gut. Wir müssen den Verantwortlichen immer wieder verständlich machen: Habt bitte keine Vorbehalte gegenüber religiösen Angeboten. Ein neutraler Staat bedeutet nicht, keine Religion zu erlauben, sondern verantwortlichen Umgang mit den vielfältigen Religionsformen einzuüben.

baugerüst:
Besteht nicht die Gefahr, dass bei den schulischen Angeboten die Freiwilligkeit von Jugendarbeit auf der Strecke bleibt?

Gundlach: Religiöse Angebote in Schulen verfügen ja im Gegensatz zu anderen Fächern schon immer über einen gewissen Freiraum. Da würde ich nicht so viel Angst haben vor Einengung, Disziplinierung oder Verlust von Freiheit. Außerdem setzt die Jugendarbeit mit Feriengestaltung, Freizeiten oder gemeinsamer Übernahme von Verantwortung ja noch eins oben drauf. Die Schule ist für Kinder und Jugendliche der Lebensmittelpunkt, hier treffen sie Gleichaltrige. Die kirchlichen Angebote haben die Chance, den schulischen Alltag mit einigen Aspekten zu bereichern.

baugerüst: Evangelische Angebote für Kinder und Jugendliche sind vielfältig, von kleinen Gruppen bis zu großen Events. Warum kommen zu manchen Events wie Christival, Charismatischen Veranstaltungen oder auch zu den Kirchentagen so viele Besucher?

Gundlach: In dieser Phase des Lebens suchen Jugendliche Abenteuer, Herausforderungen und auch neue Formen der Gemeinschaft. Ich würde denjenigen, die sagen, Events seien oberflächlich und die Besucher wollten nur Disco oder Spaß, immer widersprechen. Ich glaube, bei großen Events entsteht ganz viel Frömmigkeit. Viele Biografien wurden durch die Kirchentage geprägt. Das ist schon eine Erfolgsgeschichte.

baugerüst:
In diesem Jahr wird es auch einige Großveranstaltungen geben.

Gundlach:
Ja, und das ist auch gut so. Wir leben in einer Welt, in der der Kampf um Aufmerksamkeit dramatisch zugenommen hat, gerade bei der Zielgruppe der Jugendlichen stehen wir im Wettbewerb mit vielen anderen Anbietern. Deshalb finde ich es außerordentlich wichtig, dass es Angebote wie Kirchentage, Nacht der Lichter von Taizé und vieles andere gibt. Hier können besondere Erfahrung gemacht werden.

baugerüst: Welchen Stellenwert hat die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bei Kirchenleitungen? Gundlach: Es gibt wohl kaum eine Generation von älteren Verantwortlichen, die  so sehr darauf achtet, dass Jugendliche kirchliche Angebote interessant finden. Ich glaube, man kann heute mit dem Thema „Ich will etwas für Jugendliche machen“ fast jedes kirchliche Gremium für sich gewinnen. Das war früher anders, da herrschte eher die Sorge vor, die Jugendliche fordern wieder irgendetwas. Heute öffnet das Stichwort „Jugend“ in allen kirchlichen Gremien Türen, Geldbeutel und Ideen. Die Schwierigkeit besteht eher in der irrigen Vorstellung, dass – wenn wir eine jugendliche Kirche hätten – dann auch automatisch viele Jugendliche kämen. Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Ich bin eher der Meinung, dass das Andere, das Fremde, das Überraschende Jugendliche neugierig macht. Sicherlich müssen Erwachsene die Jugendlichen auch Jugendliche sein lassen, aber die Konfrontation mit dem Anderen, mit dem Fremden gehört genauso dazu. baugerüst: Wie kann das geschehen?

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Michael Freitag: Das Schloss, der Schlosspark und das Museum

Landschaften der Evangelischen Jugend

Das Schloss

Als bildhafte Beschreibung der Evangelischen Jugendarbeit ist mir lange Zeit ein Schloss vor Augen gewesen. Ganz abgesehen davon, dass in Referaten über das Wesen und die Erscheinungsformen evangelischer Jugendarbeit die Verwendung von Bildern ja viel sinnenfälliger und interessanter ist als die Aufzählung trockener statistischer  Erkenntnisse (so wichtig sie sind!) oder intellektuell aufgestylter Thesen (so wahr sie auch sein mögen) – abgesehen davon trifft das Bild Sachverhalte.

Dieses Schloss inzwischen bisweilen etwas verwittert und durchaus altertümlich-ehrwürdig  anzuschauen. Es ist in gewisser Weise ein Zeugnis glorioser Vergangenheit. Es atmet Tradition und wirkt auch ein wenig museal. Die kulturellen Adaptionen entsprechen nicht unbedingt immer dem urbanen Getriebe und jugendkultureller Zeitgeistnähe, aber insgesamt ist es doch ein prächtiges Monument kirchlicher Größe, Schönheit und Wichtigkeit – böse Zungen behaupten: vergangener Größe.

Der Zugang zu diesem Schloss ist – wie wir aus unseren Jugend-Studien wissen – nicht unbedingt leicht. Jedes anständige Schloss hat um sich herum immerhin seinen Schlossgraben mit einer Zugbrücke und Wächtern, die einen Kriterienkatalog für die Zugangsmöglichkeiten in der Hand haben und die schon lange nicht jeden reinlassen – auch wenn die Schlossherr*innen behaupten, dass jede*r wahnsinnig herzlich willkommen sei und auch wenn in Wahrheit die in diesem Schloss Arbeitenden sich bisweilen händeringend um Besucher*innen mühen und für jeden Gast, der kommt, dankbar sind.

In diesem Schloss gibt es viele Räume: Verschiedene Gruppen-Räume für alle Altersstufen, einen Festsaal für Events und Großveranstaltungen, den Pfadi-Keller, den Übungsraum für die Nachwuchsband und das Seelsorgezimmer inklusive Telefonanschluss für die telefonische Seelsorge. Es gibt neuerdings Räume für unbegleitete minderjährige Geflüchtete und ein Equipment für Social Media. Im Schlossgarten gibt es eine große und ganz gut ausgestattete Spielwiese für Kinder. Der Arbeitsraum, über dem „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ steht, wirkt zwar nur wenig benutzt, aber es gibt ihn immerhin noch. Im Wirtschaftsgebäude ist die Küche: Sie ist als Experimentierküche ausgewiesen und gut ausgestattet – experimentieren war immer ein Markenzeichen evangelischer Jugend. Einen Gebets- und Andachtsraum finden wir auch -  und den Kreuzgang im Innenhof, in dem nicht nur alljährlich der „Ökumenische Kreuzweg der Jugend“ mit vielen, teilweise ansonsten unbekannten Gästen gefeiert wird, sondern auch eine Reihe von anderen meditativen und spirituellen Begehungen.

Inmitten des Schlosses ist die Schlosskirche mit Seitenkapelle; hier finden jugendgemäße Gottesdienste und Andachten statt, gelegentlich auch theologische Diskurse oder interessante Vorträge und Diskussionen über die wichtigen Fragen des Lebens. Für Bibelarbeiten, geistliche Übungen oder Glaubensgespräche reicht allerdings meistens die Seitenkapelle aus – so wahnsinnig groß ist die Nachfrage denn doch nicht. Und vor allem: richtig berührende („existentielle“) Gespräche über Gott und das Leben finden sowieso meistens „by the way“ am Lagerfeuer im Hinterhof statt. Immerhin: Fast alle Akteure behaupten, die Schlosskirche samt Inhalt sei das Zentrum dieses Schlosses – auch wenn die Realität, zumindest vordergründig, zumeist anders aussieht. Der nebenan gelegene Gemeinschafts- und Geselligkeitsraum mit seinen Freizeit-, Spiel- und Spaßmöglichkeiten entwickelt doch in der Regel eine größere Anziehungskraft.

Selbstverständlich gibt es noch viel, viel  mehr Räume in diesem Schloss. Und mit einem solch kurzen und fragmentarischen Ein-Blick ist die hoch ausdifferenzierte Wirklichkeit dieses Schlosses kaum angemessen zu erfassen (darum anderorts seitens des Verfassers in nächster Zeit dazu mehr).

Ein weiterer Raum soll allerdings hier nicht unerwähnt bleiben: Das Mitarbeitendenzimmer. Hier werden nicht nur zukünftige Mitarbeitende (Ehrenamtliche und Hauptberufliche) geschult und weitergebildet – hier trifft man/frau sich auch, um Konzepte und Ideen zu entwickeln und das Nötige vorzubereiten. Selbstverständlich findet man hier viel Innovationskraft, Schwung und Freude (Spaß) an der Sache - und  eine hohe Motivation. Aber viele Gespräche drehen sich auch um Arbeitsüberlastung, Ärger mit den Schlossbesitzern und das Erlahmen der Motivation - und um Frust, weil die anfänglichen Ideale sich nicht realisieren lassen, selbst gesteckte Ziele nicht erreicht werden und der Elan nachlässt. Und weil die jugendlichen Gäste – oder, der reinen Lehre nach, die jugendlichen Mitmacher*innen und Akteur*innen -  die Angebote nicht entsprechend nutzen und oft auch immer weniger werden.
Gewiss: Noch ist das Schloss finanziell halbwegs solide finanziert und die Schlossbesitzer in Herren-Hausen und anderswo vermelden, dass das auch so bleiben solle, denn die Jugend habe Priorität. Aber nicht leugnen lässt sich, dass inzwischen vermehrt einige Räume zugemacht und versperrt werden mussten (besonders die Gruppenräume), einige Gruppen zusammengelegt werden mussten und hie und da der hauptberufliche Diakon neuerdings den Großteil seiner Zeit in der  benachbarten Seniorenresidenz zubringt (nichts gegen Senioren übrigens: sie sind auch „Teil der Kirche“ und dürfen „mittendrin statt daneben“ sein).
Immerhin: Insgesamt ist eigentlich noch viel los in diesem Schloss und bisweilen herrscht sogar buntes Leben.
Dennoch. Denn es gibt auch düstere Prognosen: Die demografische Entwicklung, der religiöse Traditionsabbruch und der Rückgang religiöser Sozialisation in den Familien beispielsweise. Und es gibt Vorwürfe.


Ein Museum?

 

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Weiterlesen in Heft 2/17

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Autorinnen und Autoren

Dr. Tobias Faix, Kassel
Professor an der CVJM-Hochschule

Michael Freitag, Hannover
Grundsatzreferent der aej

Siegmar Grapentin,
Hamburg
Diakon und Bildugsreferent der Evang. Jugend Hamburg

Dr. Thies Gundlach,
Hannover
Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD

Dr. Eberhard Hauschildt, Bonn
Professor für praktische Theologie

Simona Herz, Bremen
Sozialpädagogin, Evang. Jugend Bremen

Hanne Lamparter, Tübingen
Dipl.-Theologin

Paul Metzlaff, Düsseldorf
Referent für Jugendseelsorge

Reinhold Ostermann, Nürnberg
Dipl.-Sozialpädagoge

Torsten Pappert, Hannover
Stadtjugendpastor

Michael Pohlers, Stuttgart
Organisationsentwickler

Dr. Marcell Saß, Marburg
Prefessor

Dr. Thomas Schlag, Zürich
Professor

Lennart Schuchaert, Bremen
Religionspädagoge und Sozialarbeiter

Dr. Ulrich Schwab, München
Professor

Dr. Ute Sparschuh, Düsseldorf
Grundsatzreferentin

Bernd Wildermuth,
Stuttgart
Landesjugendpfarrer

Jan Witza, Dresden
Referent für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Michael Wolf, Nürnberg
Pfarrer, Referent für missionarische Gemeindeentwicklung

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