das baugerüst 4/16 Heldinnen und Helden

 

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Inhalt

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    Irena Berger: Was fasziniert an Helden?
    Die Magie von Helden

    Harro Müller-Michaels: Antihelden in Literatur und Film

    Irmgard Schrand: "Klick dir deine Helden"


    Benjamin Heimerl: Sraucheln, stolpern, stürzen
    Warum gefallene Helden unsere wahren helden sind

    Jörn Petersen: Helden auf dem Platz

    Schwarzer Sitzplatz, weißer Sitzplatz
    Rosa Parks Sieg gegen Rassismus

  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: Der Wandel der Helden

In dem „Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste“, das 1735 in Leipzig erschien, wird der Held als einer beschrieben, „der von Natur mit einer ansehnlichen Gestalt und ausnehmender Leibesstärcke begabet, durch tapfere Thaten Ruhm erlanget, und sich über den gemeinen Stand derer Menschen erhoben.“
„Leibesstärke, Tapferkeit, Ruhm“. Es liegt wohl daran, dass diese Definition immer noch im Hinterkopf nistet, wenn mir bei dem Wort Helden zuerst immer dieses martialische Denkmal in der Hamburger Innenstadt vor Augen kommt. 1934 schrieb der nationalsozialistische Senat in Hamburg einen Wettbewerb für ein Heldendenkmal zu Ehren des Hamburger Infanterieregiments 76 aus. Herausgekommen ist ein Kriegsklotz. Das Relief zeigt 88 Infanteriesoldaten, die in Viererreihen um den Block des Denkmals marschieren, darüber die Inschrift: „Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen“. (1985 hat Alfred Hrdlicka gegenüber ein Mahnmal gegen den Krieg errichtet).

Kriegerdenkmäler hießen diese Erinnerungsorte im Volksmund, die in fast jedem Dorf zu finden sind. Von gefallenen Helden ist dort manchmal immer noch auf der Inschrift zu lesen, aber irgendwie wirkt das alles wie aus der Zeit gefallen. Hinterlässt ein Krieg wirklich Helden? Auch wenn sich die heutige Verteidigungsministerin zusammen mit bis an die Zähne bewaffneten Soldaten (Helden?) vor einem Panzer ablichten lässt und ihr Vorgänger noch einen Heldengedenktag (er nannte es 2012 Veteranentag) für diese Berufsgruppe wiederbeleben wollte, so sind die wirklichen Helden heute auf anderen Feldern zu finden.

In der Öffentlichkeit werden heute Menschen als Helden gefeiert, die als Feuerwehrleute von Ground Zero versuchten Menschen aus den brennenden Türmen des World Trade Centers in New York zu retten oder die sich als Helfer in den Reaktor von Fukushima trauten (oder geschickt wurden). Eine Heldin ist heute die Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai aus Pakistan, der 2014 der Friedensnobelpreis verliehen wurde. Der amerikanische Whistleblower und ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden muss wohl noch etwas warten, bis er für seine Aufklärungsarbeit diesen Preis zugesprochen bekommt. Ein Held ist er weiten Kreisen aber heute schon. Die Liste der modernen Helden ist lang, von Mutter Theresa bis Nelson Mandela und je nach politischer Einstellung kommen Gandhi, Che Guevara oder die Geschwister Scholl hinzu.
Im Gegensatz zu den Kriegshelden, die sich stolz für das Vaterland opferten (oder gezwungen wurden) sprechen wir heute eher Menschen den Heldenstatus zu, die sich gegen etwas einsetzen und dabei auch einiges wagen: gegen die Unterdrückung von Völkern, gegen die Benachteiligung von Mädchen bei den Taliban, gegen das Ausschnüffeln von Staaten und Individuen. Wenn das kein Fortschritt ist!

Warum ein Heft über Helden? Weil die Sehnsucht nach Helden auch im postheroischen Zeitalter nicht verschwunden ist. Neue Helden erobern die Köpfe der Jugendlichen und der Erwachsenen, weil es scheinbar ein Bedürfnis nach Helden gibt: Spiderman und Harry Potter, Lara Croft und Max Payne. „Helden“, so schreibt Christian Peitz in seinem Beitrag, „stellen die Verkörperung eines Idealbildes dar. Die Kinder und Jugendlichen träumen sich in die Welt der Helden hinein und orientieren sich an ihnen“. (Schauen Sie mal in einen aktuellen Katalog von Lego: „Nexo Knights - der Ritter der Zukunft“; „Ninjago - Meister des Spinjitzu“ und natürlich „Star Wars“). Kinder und Jugendliche, so der Pädagoge Peitz, brauchen ihre Helden und sollen sie auch haben, sofern es sich um solche handelt, die sich der Würde und Menschlichkeit verpflichtet fühlen. Dies zu hinterfragen und zu unterscheiden sollte Inhalt in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sein. Die regt Peitz mit einigen Fragen dazu an (s. S.6 in  diesem Heft).

Die letzte Umfrage bei Jugendlichen, wer denn ihr Held sei, ist schon ein paar Jahre alt. Die Community qeep fragte nach, und heraus kam folgendes Ranking: Sieger wurde Superman gefolgt von Gott. Danach kamen Brad Pitt und der Zauberlehrling Harry Potter. Die größten weiblichen Helden sind abgeschlagen. Angela Merkel und Pippi Langstrumpf folgen erst weiter hinten.
Nun wird der Heldenbegriff vielleicht auch etwas inflationär gebraucht. Ein Bier wirbt mit „Wahre Helden stehen mitten im Leben“, es gibt die Helden der „Buchhaltung“ und der „Volksmusik“, natürlich die Helden auf dem Fußballplatz und die Helden der Nacht. Beruhigt hat mich dann doch kürzlich ein Plakat (auch im Internet zu finden). Zu sehen war: ein Mann, ein Traktor und die Aufschrift „Nur ein Held geht auf´s Feld“. Zogen die vermeintlichen Helden der Kriegsdenkmäler noch martialisch in das Schlachtfeld, wird hier ein Held gefeiert, der die Menschen ernährt.

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Christian Peitz: Helden, Stars und Vorbilder

Wer Held ist, ist eine Frage des Standpunkts

Gibt man das Wort Held bei Google ein, werden weit über eine Milliarde Treffer angezeigt. Dabei sind die Zusammenhänge, in denen der Begriff verwendet wird, sehr unterschiedlich. Von der besonderen sportlichen Leistung über Rettungstaten im Alltag bis hin zu fiktiven Helden, die auf der Kinoleinwand, zwischen Buchdeckeln oder andernorts ihre großen Taten vollbringen. Ob jemand als Held bezeichnet wird, hängt dabei von unterschiedlichen Faktoren ab. Er oder sie muss eine besondere Leistung in einer schwierigen Situation vollbracht haben, die von den Betrachtern als heldenwürdig eingestuft wird. Das führt auch schon zum Problem des Heldenbegriffs, denn der Held wird im Wesentlichen vom Umfeld gemacht und ist nicht per se einer humanistischen Grundhaltung verpflichtet. In radikalen Gruppierungen werden durchaus auch Gewalttäter und Terroristen zu Helden stilisiert. In unserem Kulturkreis jedoch herrscht im Wesentlichen eine andere Konvention des Heldenbegriffs. Der Held hat sich bedingungslos für das Gute einzusetzen, was nach dem Verständnis der sogenannten westlichen Welt bedeutet, dass er die auf Frieden und Menschenwürde basierende Sozialordnung achten muss. Dabei fällt auf, dass nicht nur James Bond und Spiderman auf der Kinoleinwand Regeln und Normen verletzen, um letztlich doch wieder für Frieden zu sorgen. Auch Edward Snowden zum Beispiel musste Regeln verletzen, um ein Held zu werden. Dies führte den Tagesspiegel am 12. Juli 2013 zu der Überschrift „Ist Edward Snowden ein Held oder ein Verräter?“(1) Zusammenfassend lässt sich dennoch festhalten, dass der Heldbegriff vor allem mit dem Kampf für das Gute verknüpft wird, das jedoch nicht festgeschrieben, sondern vom sozialen Kontext abhängig ist.


Das Bedürfnis nach Helden


Der Mensch indes scheint ein Bedürfnis nach Helden zu haben, denn jeder Kulturkreis hat welche hervorgebracht. Alte Märchen und Mythen erzählen von ihnen genauso wie moderne Kinofilme oder Computerspiele. Die Sehnsucht nach Helden weist hierbei auch keine Altersbeschränkung auf. In Kindheit und Jugend jedoch gibt es eine besondere Empfänglichkeit für Heldenfiguren. Dass dies so ist, kann auf eine relativ einfache Ursache zurückgeführt werden: Das Kind orientiert sich zu Beginn seines Lebens sehr stark an den Eltern. Sie sind quasi die ersten Helden für das Kind. Es erweitert aber ganz langsam immer mehr seinen Horizont, bis es beginnt über den Tellerrand der Familie hinauszublicken. Neben die Eltern stellen sich nun die Heldenfiguren. Der Psychologe Erik Erikson rechnet sie der sich weitenden Sozialordnung in der Welt des Kindes zu. Im Spielalter, das wir als Kindergartenalter bezeichnen würden, suchen die Kinder ideale Leitbilder (2). Sie finden diese Leitbilder in Form von Helden in Büchern und im Fernsehen, und sie übertragen sie in ihr Spiel. Dabei sind neben die Rollenklassiker Ritter und Cowboys auch zunehmend Figuren aus Comics und Mangas getreten. Verbindend jedoch ist, dass die Helden in diesem Entwicklungsalter noch keine komplexen Kämpfe zu kämpfen haben. Es genügt, einen bösen Drachen zu besiegen oder einen Räuber dingfest zu machen. Gut und Böse stehen in sehr klarer Ordnung. Und dennoch haben die Helden auch die Funktion, die Alltagsbezogenheit der Eltern zu ergänzen. Die hervorstechendsten Eigenschaften der Helden sind Mut und Stärke. Damit entsprechen sie einer kindlichen Sehnsucht, denn die Kinder spüren unterbewusst, dass sie für die zunehmende Ablösung von den Eltern eben diese Eigenschaft benötigen. Auch im Schulalter spielen Helden eine Rolle. Psychosozial, so beschreibt es Erikson, kämpfen die Kinder gegen ein Minderwertigkeitsgefühl an. In der Identifikation mit Helden kann dieser Kampf leichter fallen.

Die Bewunderung von Helden
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Andreas Mertin: Jesus Christ Superstar?

Eine Zeitreise

Jede Generation hat ihre Helden und jede Generation bildet vermutlich auch für Jesus Christus einen bestimmten Heroenmythos aus. Ohne derartige Mythen kann Überlieferung nicht funktionieren. So schrieb Walter Hollenweger vor knapp 40 Jahren: „Es gibt beobachtbare Tatsachen, die uns zeigen, dass eine Kirche ohne Mythos, ein Glaube ohne Mythos von der Mehrheit der Christen (inklusive der Pfarrer), ganz zu schweigen von den Nichtchristen, nicht verstanden werden kann. Das ist deshalb so, weil Kommunikation von Informationen ohne Mythenrahmen sich in allen Bereichen menschlichen Wissens als undurchführbar erwiesen hat.“(1) Er fügte allerdings zur Erläuterung hinzu: „Nicht jeder Mythos eignet sich als Darstellungsmedium des Evangeliums. Die Kriterien zur Unterscheidung des Mythos im allgemeinen und des ‘wahren Mythos’ werden aus dem Umgang der biblischen Schriftsteller mit dem ihnen vorliegenden Mythenmaterial erhoben.“ (2)

Man kann die Wundererzählungen im Neuen Testament betrachten als Antwort auf eine Herausforderung durch die zahlreichen zeitgleichen Narrationen von Wunderheilern und Magiern. Wer ist ein wahrer und wer ein falscher Wundertäter? Und was ist das wahre Wunder? Meisterlich ironisch karikiert wird das populärkulturell 1979 in Monty Pythons „Das Leben des Brian“ in jenem Teil, in dem es um die geforderten Zeichen und Wunder in der Wüste geht.
Schon das antike Bild von Christus ist nach Helden-Mythen gestaltet. Henrike Maria Zilling hat in ihrer Studie Jesus als Held. Odysseus und Herakles als Vorbilder christlicher Heldentypologie zu zeigen versucht, dass Herakles und Odysseus als Vorbilder für die literarische Ausgestaltung der Passion und des Martyriums Jesu dienten: Bei Odysseus müsse man auf die Geschichte mit den Sirenen blicken, in der der Held der Verlockung durch die Sirenen widerstehe, was dann von den urchristlichen Autoren entsprechend umgedeutet wurde. Und bei Herakles spiele vor allem dessen Todeskampf und Gottessohnschaft eine Rolle. (3)

Varianten und Facetten des 
„Helden Jesus“

In späteren Jahrhunderten entwickelten sich zwei konkurrierende Heroenmythen: der vom über den Tod triumphierenden Christus und der vom Gottessohn, der  mit den Menschen leidet. Im oberbayrischen Schaftlach sind im Verlauf der Jahrhunderte beide Konzepte am selben Kruzifix dargestellt worden.
Die mittelalterliche Legenda Aurea des Jacobus des Voragine, um 1264 entstanden, ist nichts anderes als ein Sagen- und Heroenbuch, mit zahlreichen populären Helden- und Heldinnen-Geschichten. Nicht umsonst war die Legenda Aurea das mit am meisten gelesene Buch der damaligen Zeit und bestimmt bis in die Gegenwart die christliche Ikonographie. Hier ist nicht nur Jesus Christus ein Superstar, sondern nahezu alle Heiligen und Märtyrer.
In der Folge finden wir in der Bildenden Kunst immer mehr Varianten und Facetten des „Helden Jesus“. Wir treffen 1320 bei Giotto auf den Christus, dem auch schon mal die Hand ausrutscht, während er den Tempel reinigt, 1524 bei Hans Holbein im Noli me tangere auf den vorsichtigen und abwehrenden Helden und 1603 bei Caravaggio den Helden, den (nicht nur) der Ungläubige Thomas anfassen darf. Wer nur ein wenig in der Regenbogenpresse der Gegenwart stöbert, findet alle diese Typen als mediale Charakterisierungen von Superstars wieder.

Der „Er-hat-Euch-alle-lieb“-Jesus und der Arier

Obwohl mit Caspar David Friedrich die große Zeit der christlichen Kunstgeschichte zu Ende geht, entwickelt das 19. Jahrhundert mit dem freundlichen „Er-hat-Euch-alle-lieb“-Jesus des Bertel Thorvaldsen eine der wirkungsmächtigen Heroen-Bilder überhaupt. You are welcome!
Der nationalsozialistische Arier-Jesus, der nach 1933 das deutsche Volk (und die deutschen Stahlhelmsoldaten) als Heroe beglückt, ist glücklicherweise nur an wenigen Stellen umgesetzt worden, exemplarisch zu sehen in der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf.
Es gibt in der Kunst des 20. Jahrhunderts tatsächlich auch solche Bilder, in denen Christus als Revolutionsheld aufgebaut wird. In den Murales des Jose Clemente Orozco (1883-1949), einem mexikanischen Revolutionsmaler, steigt Christus vom Kreuz herab und zerschlägt es. Dreimal hat Orozco dieses Motiv gemalt, zweimal als Wandmalerei, einmal als Gemälde. Dabei unterschieden sich die Versionen deutlich. Das hier abgebildete Ölgemälde ist 94x130 cm groß ist das prägnanteste und stammt aus dem Jahr 1943; es findet sich heute im Nationalen Institut der Schönen Künste in Mexiko-Stadt.

Orozco bildet aber eine Ausnahme, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominiert trotz allem nicht der heldenhafte Christus, sondern eher der in Frage gestellte Christus: Wo warst Du, als jene starben? (Ernst Barlach) Daran ändert sich nach 1945 nicht viel. Eine Ausnahme bildet Joseph Beuys, der 1971 mit seiner Basler Aktion Celtic+~ eine direkte Christusidentifikation vornimmt. Er beginnt die Aktion mit einer Fußwaschung und beendete sie mit einer Art Taufe.


Anfang der 70er-Jahre ist aber auch die Zeit, in der sich die Popkultur des Mythos und des Helden Jesus annimmt. 1970 erschien Andrew Lloyd Webers Musikalbum „Jesus Christ Superstar“, 1971 wurde das gleichnamige Musical in London uraufgeführt. Der dort auftretende Christus war nichts weniger als ein Superstar, eher ein Softie des 19. Jahrhunderts im Stil von Bertel Thorvaldsen. Nur seine Kritiker und Gegner (zum Beispiel Judas und Herodes) behandelten ihn so, als ob er als Held aufgetreten wäre. Würde man freilich nur den Titel „Jesus Christ Superstar“ hören, dann könnte man an eine Art Arnold Schwarzenegger am Kreuz denken. In Wirklichkeit war der Jesus im Musical rückblickend betrachtet eher „schräg“.

Der Anti-Mythos

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Michael Blume: Möge die Macht mit Euch sein

Die Heldenmythen in Star Wars

„Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis…“, eröffnete 1977 der erste schnell klassisch gewordene „Rollup“ ins Weltall schwebender Schrift die Mythenserie von Star Wars. Seitdem ist eine Flut von Filmen, Büchern, Spielen und Spielzeugen über die Menschheit gerollt, die dank der Übernahme des Stoffes durch Disney auch noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte weitergehen wird. Charaktere wie Luke, Han Solo, Prinzessin Leia, Darth Vader und Yoda sind Milliarden Menschen gut bekannt und Wortwechsel wie „Ich bin dein Vater!“ oder „Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl.“, stellen Verbindungen zwischen den Eingeweihten dar. Gut möglich, dass spätere Forschergenerationen Star Wars eine global ähnliche Bedeutung beimessen werden wie wir heute der Troja-Saga im vorchristlichen Mittelmeerraum!
Gerade auch für Verfechter eines materialistischen Weltbildes ist es schwierig zu verstehen, warum Menschen überhaupt mehr benötigen als wissenschaftlich überprüfbare Theorien. Die Troja-Legenden oder auch die Erzählungen der Bibel beziehen sich doch immerhin auf real existierende Zeiten. Aber Star Wars versetzt sich schon mit seinem ersten Satz in eine unwirkliche Welt, in der es zwar Menschen gibt, aber keine Erde – und die Raumschiff-Technologien präsentiert, aber nach eigener Ankündigung aus einer Vergangenheit erzählt. Was ist hier los?

Star Wars als christlich-buddhistische Kombination

Der Saga-Schöpfer George Lucas wusste, was er tat und bezog sich dabei auch auf die intensive Lektüre von religionsbezogenen Klassikern wie James Frazer, Carlos Castaneda und – vor allem – Joseph Campbells „Der Heros in tausend Gestalten“. Persönlich christlich-methodistisch geprägt begeisterte er sich, wie viele junge Leute seiner Generation, auch sehr für den Buddhismus und schuf mit der Jedi-Mythologie eine religionsverbindende Space-Fantasy-Kombination. Seinem Biografen Dale Polock erklärte Lukas, dass „der Film für ein junges Publikum gedacht war, und so versuchte ich, auf einfache Weise zu sagen, dass es einen Gott gibt und dass eine gute wie auch böse Seite existiert.“ (Taylor 2015, S. 128)
So ist beispielsweise der Jedi-Gruß „Möge die Macht mit dir sein!“ eine direkte Ableitung aus dem kirchlichen Dominus vobiscum, „Der Herr sei mit dir!“. (Taylor 2015, S. 132)
Und „die Macht“ vermag sogar ein an Taten im Leben geknüpftes Jenseits zu verbürgen, bleibt aber andererseits so apersonal, dass sie auch für Menschen akzeptabel erscheint, die mit dem Glauben an eine personale Gottheit nichts anfangen können. Auch die Jedi-Ritter verbinden christliche und buddhistische Mönchstraditionen und changieren zwischen Shaolin-Kampfsportlern, Samurai und selbstverwaltetem Tempelritter-Orden.
Seinem anfänglichen Produzenten, dem studierten Religionswissenschaftler Gary Kurtz, gelang es dabei noch, Lukas von einigen pseudo-asiatischen Begriffen und der esoterischen Idee eines „Kaibur-Kristalls“ in den ersten Drehbüchern wieder abzubringen: Die Star Wars-Mythen und Helden sollten möglichst symbolisch offen bleiben und niemanden vor den Kopf stoßen. Dass Kurtz dabei durchaus richtig lag, zeigten verärgerte Reaktionen vieler Fans auf allzu detaillierte Ausführungen zu den pseudo-biologischen „Midi-Chlorianern“ in späteren Lukas-Episoden. Die Fans hatten längst eine – meist unbewusste – Erwartung entwickelt: Die „Science“ in „Science Fiction“ sollte die etablierten Mythen keinesfalls entzaubern!

Auch Star Trek griff zunehmend auf Mythen zurück

Zum Vergleich: Auch das anfangs bewusst humanistisch-säkulare Star Trek ist diesem Schicksal nicht entgangen. So schuf der Spock-Darsteller Leonard Nimoy (1931 – 2015) den populären, vulkanischen Gruß, indem er mit der Hand das hebräische Schin – eine machtvolle, jüdische Segensgeste – formte. Und in späteren Star Trek-Folgen und Varianten wimmelt es von religiösen und mythologischen Bezügen. (Wuliger 2015)
Das 20. Jahrhundert kleidete seine Mythen in Technologien, um sie neu faszinierend und – für den genießenden Moment – glaubwürdig zu machen. Science Fiction speist seine Faszination gerade nicht nur aus Verheißungen von Technik und Zukunft, sondern aus seinen auch religiösen und spirituellen Quellen.

Der Hunger nach Mythen –
besonders bei Heranwachsenden


Und inzwischen entdeckte die interdisziplinäre Evolutionsforschung tatsächlich, warum Menschen Mythen notwendig brauchen und auch in gewisser Hinsicht mit jeder Erzählung ihre eigene Identität bilden: Wer sich nicht anderen gegenüber verständlich machen und Akzeptanz gewinnen konnte, hatte keine realistische Chance auf Überleben und Fortpflanzung. Fehlen uns diese Erfahrungen von erzählbarem Sinn und Gemeinschaft, so werden unsere internen Warnsysteme aktiviert, erleben wir den Mangel als Verzweiflung und geradezu körperlichen Schmerz. Sinn- und Identitätskrisen sind Existenzkrisen! (vgl. Blume 2012)
Und in keiner Lebensphase wird der Hunger nach gemeinsamen Mythen und Anerkennung so heftig erlebt wie in der Kindheit und besonders Jugend! Daher legten auch gewachsene Religionen ihre Einweihungen und Initiationsprüfungen wie die Bar und Bat Mizwa oder Konfirmation in diese Phase; die alevitische Religionsgemeinschaft berät gerade mit den humanistischen Verbänden über eine Adaption der „Jugendweihe“. Denn tatsächlich fragen ja auch jährlich Abertausende konfessionsloser Jugendlicher und Familien solche säkularen Ersatzrituale nach – oder schaffen sich eigene, wie zum Beispiel Mutproben oder Fan-Conventions mit zeitweisen Kleidungs- und Rollenwechseln.

Helden als Identifikationsfiguren

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Johanna Haberer: Der ganz andere Held

„Der blinde Christus“ heißt ein chilenischer Film (The blind Christ; Christopher Murray; Chile 2016), der es in diesem Jahr in den Wettbewerb der weltbesten Filme bei den Filmfestspielen in Venedig geschafft hat. Erzählt wird die Geschichte des Jungen Michael, der sich nach dem Tod seiner Mutter von einem Freund Nägel durch die Hände treiben lässt und von da an endgültig überzeugt ist, Gott habe ihn berufen Wunder zu tun. Aber zunächst wird er nur ein kleiner schmutziger Mechaniker, der höchstens an Fahrrädern Wunder vollbringt. Verachtet von seinem illusionslosen Vater und verspottet im Dorf, hält er trotzig den Glauben an seine Berufung fest, bis er erfährt, dass sein bester Freund, der ihm als Kind die Wundmale verpasste, wegen eines Arbeitsunfalls nicht mehr laufen kann.

Es beginnt ein Roadmovie zu Fuß. Ebenso wie sich Jesus auf die Wanderschaft begeben hat, macht sich nun Michael auf den Weg durch die armseligen Wüstendörfer im nördlichen Chile, um seinen Freund zu heilen. Wunder will er vollbringen. Auf seinem Weg zu dem lahmen Freund begegnet er allein gelassenen, vergewaltigten, süchtigen und vor allem bitter armen Menschen, die Träume haben und alle auf ein Wunder hoffen. Er verkündet ihnen die Botschaft, dass die Wunder aus den Menschen selbst kommen und nicht magisch von außen, weil Gott in den Herzen der Menschen wirkt. Wie Jesus erzählt er Geschichten, Parabeln und Gleichnisse. Die Menschen beginnen ihm zu folgen, nicht weil er Wunder vollbrächte, sondern weil er sich auf ihr Leben einlässt, ihnen ganz einfach beisteht. Auch das Wunder an seinem Freund misslingt gründlich und trotzdem hat Michael die Welt seiner Mitmenschen verändert. Heilung geschieht durch Empathie. Mit seinem Mitgefühl, der Nähe, die er gewährt und der Solidarität, die er lebt, schenkt er Hoffnung

Man begreift in diesem Film, der - außer dem Hauptdarsteller - mit Laiendarstellern aus den nordchilenischen Wüstendörfern gedreht ist, dass die Erzählung von Jesus bei den Armen und Erniedrigten, den Kranken und Gedemütigten, den Ausgestoßenen und Hoffnungslosen seinen Anfang genommen haben muss. Denn genau dort wartet man sehnlichst auf Wunder.

Ist Michael aus Chile, dieser „blinde“ Christus ein Held?


Die Figur des Jesus von Nazareth hat unendlich viele Künstler zu unterschiedlichen Zeiten inspiriert, ein Bild dieses Religionsgründers zu entwerfen: da gibt es den heroischen und den sanften, den radikalen und den esoterischen, den unnahbaren und den liebenden, den handgreiflichen und den entrückten, den schönen und den eher unansehnlichen.
Dass Jesus in unserer Vorstellung eine Figur in so unglaublich variantenreichen Facetten geworden ist, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die junge Kirche, als sie auf mehreren Synoden darüber beriet, welche der vielen damals verbreiteten Jesusgeschichten in den festen Kanon der Kirche aufgenommen werden soll, widerstanden hat, auf einer einzigen Variante zu bestehen. Auch spätere Versuche ein einziges Evangelium als das gültige zu harmonisieren, wurden als Irrlehre gebrandmarkt.
Wir finden im neuen Testament also vier Evangelien, von denen jedes ein ganz eigenes Portrait dieser weltumstürzenden Gestalt zeigt: der geheimnisvolle Heiler (Markus), der Intellektuelle und Spirituelle (Johannes), der Soziale (Lukas) und der jüdische Religionsgelehrte (Matthäus).

Es war eine weise Entscheidung der frühen christlichen Bischöfe vor mehr als 1500 Jahren, dass sie ihren Nachfahren damit aufgetragen haben, das Bild des Jesus mit dem Beinamen Christus immer neu zu interpretieren. Es gibt zwar eine festgelegte Anzahl von Texten, die wir heute das Neue Testament nennen, aber die Figur des Jesus muss in jeder Zeit von jedem einzelnen Leser neu ausgelegt und verstanden werden. Das ist der Auftrag an jede Generation.
Diese Vielfalt der Bilder hat eine ungeheure Kreativität der Auslegungsgeschichte in Texten und Bildern hervorgebracht – aber eines ist allen gleich: Jesus ist als Held eher gebrochen gezeichnet.
Ein Held ist einer, der in den jeweiligen Wertekategorien einer Gesellschaft oder Gruppe mit einer Tat punkten kann.  Das heißt, was ein Held ist, ist ziemlich relativ. Die Fans feiern das Fußballteam bei der Weltmeisterschaft, der Staat übergibt Medaillen an Lebensretter und der IS feiert als Helden einen, der in Nizza beinahe neunzig Menschen mit einem Lastwagen über den Haufen fährt.

Helden unterschiedlicher Art werden von Medien inszeniert

Derzeit haben die Rankingshows Konjunktur: ob Models oder Sänger, Tänzerinnen oder Sportler alles bekommt seinen Platz im Ranking zugewiesen. Wer schlägt sich durch? Wer ist die Beste, die Schönste, der Attraktivste? Wie Blasen auf der Wasseroberfläche oder wie Fenster auf dem Bildschirm poppen Helden auf: Youtube-Helden, Twitterhelden, Facebookhelden....Die mit den meisten Links, den meisten Likes, den meisten Freunden, den meisten „Followern“.
„Folge mir nach“ sagte Jesus und er meinte es ganz unvirtuell, aber anspruchsvoll. Er meinte es leiblich und seelisch und geistig. Die Zahl seiner Follower hielt sich denn auch in Grenzen. Zwölf waren es, die ihm nachfolgten und den Preis der Aufgabe ihres bisherigen Lebens zahlten. Die Bergpredigt hörten dann angeblich hunderte, am Palmsonntag stand wohl eine große Menschenmenge am Wegesrand und jubelten dem Mann auf dem Esel zu, am Richtplatz vor dem Palast des Pilatus waren es dann ebenso viele, die „kreuzige“ riefen. Doch unter dem Kreuz versammelten sich nur noch die Frauen und die Spötter. Nach „Held“ klingt das eher nicht.

Ein Held, so sagt Wikipedia, sei eine Person, die eine besondere, außeralltägliche Leistung begeht sei es körperlicher, intellektueller oder moralischer Natur.
Die biblischen Schriften geben sich da kritisch: Der Messias, auf den Juden und Christen hoffen, ist als Held eine Enttäuschung. Ein leidender Gottesknecht. Ein Verfolgter, Verspotteter, Verurteilter, Gekreuzigter.
Es scheint, als würden wir Menschen andere benötigen, die wir auf den Sockel stellen und bewundern können oder auch im buchstäblichen wie übertragenen Sinne anbeten.

Das Neue Testament durchkreuzt diese naive Sehnsucht – auf allen Ebenen

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Ohne Publikum kein Held

Ein Gespräch mit dem Psychoanalytiker Tilman Moser über Helden und Heldenverehrung, über die Verführung durch und die Sehnsucht nach Helden sowie über den Liedtext: "Mir nach, spricht Christus unser Held."

baugerüst: Mit dem Helden ist Heldenverehrung verbunden und da beginnt schon das Dilemma. Wann wird der Held zum Helden?

Moser: Helden kennen wir viele: Kriegshelden, Märtyrer, Helden der Nächstenliebe, in der DDR gab es die Helden der Arbeit. Aber eigentlich beginnt es schon viel früher. Es gibt die kleinen Helden. Wenn der Sprössling zum ersten Mal aufsteht, jubeln die Eltern: Ach, was bist du für ein kleiner Held. So entsteht Selbstbewunderung, aber auch Größenfantasie. Das setzt sich im Kindergarten und in der Schule fort. Es ist eine anthropologische Veranlagung, die den Menschen zum Helden treibt: Ich bin toll, ich kann etwas. Und ich werde gefeiert.

baugerüst: Der Held braucht also ein Gegenüber.

Moser: Zum Helden gehört unabdingbar das Publikum. Ohne Publikum kein Held. Das gilt in einem kleinen Verein genauso wie für eine ganze Nation, die dem Helden zu Füßen liegt oder ihn anfeuert, bis hin zur Anbetung und Vergottung. Oder den Helden vielleicht auch verdammt, ihn in Denkmälern verewigt oder versucht ihn zu vergessen.

baugerüst: Welche Helden erschafft sich die heutige Gesellschaft?

Moser: Stars, Fußballhelden, Königshäuser, Bühnenstars. Das Heldenhafte zeigt sich nicht nur durch ihre Berühmtheit oder durch ihr Können, sondern auch durch die oft gigantische Heldenhaftigkeit ihrer Gehälter.

baugerüst: Ohne Helden geht es wohl nicht? Warum stehen die so hoch im Kurs?

Moser: Helden habe eine Vorbildfunktion, gleich ob in der Schulklasse, in der Clique, im Sportverein oder in der Gesellschaft. Menschen, die sich trauen, etwas Neues, etwas Besonderes, auszuprobieren oder zu verwirklichen erhalten eine solche Zuschreibung. Dann werden sie vom Publikum mit Verehrung gefüttert und stürzen ab, wenn ihre Zeit vorbei ist oder sie Unrecht getan haben.

baugerüst: Von Brecht stammt der Satz: „Weh dem Volk, das Helden braucht.“

Moser: Ja, Nationen fallen immer wieder darauf rein und ziehen mit leuchtenden Helden in den Krieg. Heldentum bedeutet auch, dass ganze Gruppen oder Völker verführt werden können. Viele Kriege sind Produkte von größenwahnsinnigen Menschen, die sich gerne als Helden darstellen wollen.

baugerüst: Braucht der Mensch dieses Aufschauen zu einem Helden? Warum himmeln Menschen andere Menschen an, unterwerfen sich ihnen?

Moser: Ich glaube Aufschauen, im Extrem zu Göttern oder Gott ist eine anthropologische Konstante. Umgekehrt werden wir ja selber auch gerne zum Helden. Ich bin bei Nonnen in den Kindergarten gegangen und wir mussten das Holz zum Heizen in den dritten Stock tragen. Die Nonnen nannten uns dann kleine Helden und wir haben uns immer mehr Holz aufbürden lassen und sind immer schneller diese drei Stockwerke hochgelaufen, um diese Heldenzuschreibung zu bekommen.

baugerüst: Einmal zum Helden aufgestiegen, kann sich der Held dann alles erlauben?

Moser: Ja, dieser kann motivieren und unterdrücken wenn er über Gewalt, Macht oder Terror verfügt. Leider gibt es beides und auch zusammen in einer Person, z.B. bei Stalin und Hitler. Beide wurden verehrt, fast in gläubiger Weise und mit der Zeit wurde vielen deutlich, der Held führt uns ins Verderben. Selbst ein positiver Held, der wie ein Idol verehrt wird, kann durch Größenwahn andere ins Verderben führen.

baugerüst:
Hitler wurde anfänglich von vielen Menschen, auch Jugendlichen angehimmelt und verehrt.

Moser:
Heute können wir kaum noch verstehen, warum Hitler eine solche Anziehungskraft auf die Menschen ausgeübt hat. Aber die Armut, die Sorge um die Arbeit, auch der verlorene Erste Weltkrieg, das war der Nährboden, auf dem plötzlich irgendwelche Helden wachsen konnten, die vorgaben, die Nation aus der Not herausführen zu können.

baugerüst: Warum aber diese bedingungslose Verehrung?

Moser: Hitlers Schreien, sein Gebrüll, signalisierte, ich weiß, dass ich ein Sieger bin und ich werde euch führen. Diese Ausstrahlung, die Helden in verschiedener Form produzieren, ist das Verführerische und steckt andere an. Der Nationalsozialismus war eine Krankheit der Ansteckung. Man sah, dass Tausende die Arme hoben, wenn er kam, da konnten sich dann immer weniger dieser Verehrung ja diesem Rausch entziehen. Heldentum als kollektive Sehnsucht erzeugt auch ihre Helden. Und die großen Helden wissen, dass sie die Massen süchtig machen müssen. Da ist das ambivalente Verhältnis von Held und Publikum.

baugerüst: Der Held muss also von sich überzeugt sein, darf keinen Zweifel haben.

Moser: Der gefährliche Held muss einen Allmachtwahn haben, wenn er die Massen beherrschen will. Daneben gibt es aber auch die Alltagshelden, die durch ihre mutigen Taten zum Vorbild werden, die stillen Helden, die Helden der Nächstenliebe oder auch Helden der Warnung vor Unheil und Gefahr.

baugerüst: Ist Snowden ein Held?

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Bernd Wildermuth: Welche Helden wollen wir und welche Helden brauchen wir?

Eine Frage der Definition

„Braucht die Evangelische Jugendarbeit Helden?“ Politisch unkorrekter kann man vermutlich kaum fragen. Spontanes Kopfschütteln wäre vermutlich die häufigste Reaktion. Und wenn die Frage so gestellt würde: „Braucht die Evangelische Jugendarbeit Held*innen?“ Zunächst einmal sind so die drei „m“, die wir schnell dem Helden anheften, erschüttert: männlich, militärisch, martialisch. Genau darum geht es nicht, jedenfalls nicht nur bzw. nicht mehr.
Wer sich mit der Frage „Braucht es Helden?“ auseinandersetzen will, der muss zunächst einmal klären, was ist überhaupt ein Held. Der Duden bietet gleich fünf Definitionen an:
1.     In der Mythologie: ein Held ist jemand der sich mit großen und kühnen Taten, besonders im Kampf und Krieg auszeichnet und ein Mann edler Abkunft ist.
2. Jemand, der sich mit einer Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellt, eine ungewöhnliche Tat vollbringt, die Bewunderung einträgt.
3. Jemand der sich durch außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg auszeichnet und durch sein Verhalten zum Vorbild wird.
4. Die vierte Bedeutung des Wortes Held wurde in der ehemaligen DDR geprägt. Mancher kennt noch die Helden der Arbeit. Held/Heldin ist jemand der auf seinem Gebiet Hervorragendes, gesellschaftlich Bedeutendes leistet.
5. In der Literatur: die männliche Hauptperson eines literarischen Werks, jeder kennt die Rolle des „Jugendlichen Helden“ in Theaterstücken. Die Herkunft des Wortes Held im Deutschen ist ungeklärt. Das englische Pondon „Hero“ leitet sich aus dem lateinischen Heros ab. Und bei uns ist der Heros als Herore selbständig noch ein Begriff.

Was ist also ein Held?

Wikipedia bietet die allgemeinste und umfassendste Antwort an: „Ein Held (althochdeutsch helido) ist eine Person, die eine Heldentat, also eine besondere, außeralltägliche Leistung begeht.“ So schnell werden wir, selbst wenn wir es wollten, „die Helden“ nicht los.
Die Fragen lauten daher: Welche Helden wollen wir und welche Helden brauchen wir? Dabei steht der literarische Heldenbegriff als fachliche Wendung und terminus technicus natürlich außerhalb der Diskussion. Der militärische Held ist mindestens in seiner deutschen Ausprägung diskreditiert. Es wurden nie zuvor so viele einfache Soldaten zu Helden stilisiert wie gerade in der Weltkriegsepoche des vergangenen Jahrhunderts. Nie zuvor wurden so viele Orden verliehen und  nie zuvor den Hinterbliebenen so oft versichert, dass der Gefallene einen „Heldentod“ gestorben sei. Der Begriff des Helden wurde von den Machthabern missbraucht. Er wurde so offenkundig und systematisch missbraucht, dass man nach 1945 – zumindest in Westdeutschland – von Helden zunächst einmal nichts mehr wissen wollte. Und: Wir brauchen keine militärischen Helden, weil alles Sinnen und Trachten der gesellschaftlichen und politischen Arbeit dem Frieden dient. Das ist gesellschaftlicher Konsens.

Aber brauchen wir die anderen Helden, diejenigen, die sich mit Unerschrockenheit und Mut einer schweren Aufgabe stellen und eine außergewöhnliche Tat vollbringen, die Bewunderung einträgt. Mit der Bewunderung geht ja noch eine wesentliche Funktion des Helden einher: die des Vorbildes. Helden sind Vorbilder. Helden sollen Vorbilder sein. Und natürlich ist damit auch die Frage verbunden: Müssen alle (Männer) Helden sein? Ein Sujet im amerikanischen Spielfilm ist der brave und biedere Familienvater, der angesichts einer herausfordernden Situation zum Helden mutiert. James Stewart hat diesem Sujet das unverwechselbare Gesicht gegeben, gutmütig und zuweilen leicht verträumt. Aber das ist nur die Hülle, denn die Botschaft lautet: Jeder taugt zum Helden und in jedem steckt ein Held. Diese Geschichten gehen meist so. Da ist eine normale amerikanische Familie, Eigenheim, zwei bis drei Kinder, die Frau ist Mutter und Hausfrau, wie das in den 50er Jahren so üblich war. Dann bricht plötzlich das Böse in diese idyllische Welt hinein. Gangster auf der Flucht stehen plötzlich in der Haustür oder ein unbarmherziger Immobilienmakler macht sich unbarmherzig eine Stadt untertan. Der brave, biedere Familienvater entwickelt sich daraufhin zum Helden und rettet seine Familie. Damit gehen natürlich auch Rollenfixierungen einher: die Frau ist Hausfrau, Mutter und mit der Situation überfordert, der Mann stellt sich überlegt und kontrolliert der Herausforderung und tut alles, um Frau und Kinder zu bewahren und wenn es sein muss den ganzen Ort gleich mit.

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Irena Berger: Was fasziniert an Helden?

Allein in Deutschland mögen 12,5 Millionen Menschen innerlich gejubelt haben, als sie auf der Kinoleinwand miterlebten, wie Harry Potter endlich die verhasste Adoptiv-Familie verlassen und ins Zauberinternat Hogwarts umziehen durfte. Eine ähnliche Gänsehaut dürfte auch Star Wars-Fans über den Rücken gelaufen sein, als der auf die dunkle Seite geratene Darth Vader sich auf seinen Ursprung besann und, um den Preis des eigenen Lebens, seinen Sohn rettete, um damit letztlich das diktatorische Imperium zu stürzen.
Dass diese und ähnliche Filme Millionen von Zuschauern in die Kinosäle zog, zeigt nur zu deutlich die unglaubliche Faszination, die von modernen Helden wie Harry Potter, Luke Skywalker, Frodo & Co. ausgeht.
Aber was ist es eigentlich, das uns an ihnen so fasziniert? Was macht diese Magie aus, die uns dazu bewegt, manchmal einen Roman von über tausend Seiten in wenigen Tagen zu verschlingen weil wir, mit dem Schicksal der Hauptfigur mitfiebernd, es einfach nicht aus der Hand legen können?
Jeder, der gern Bücher liest, hat dieses suchtartige Verlangen wahrscheinlich schon einmal erlebt. Ein gutes Buch mit sympathischen Protagonisten und einer spannenden Geschichte kann für die leidenschaftliche Leseratte zu einer regelrechten Parallelwelt werden, in die man abtauchen und die Abenteuer des Helden miterleben, seine Freude und Angst teilen, seine Trauer und Enttäuschungen mitfühlen und ihn, wenn er zuletzt siegreich aus der Schlacht hervorgegangen ist, jubelnd bewundern kann.
Die Heldenfiguren aus Film und Büchern sind nicht nur zahlreich, sondern könnten auch unterschiedlicher kaum sein. Und das gilt nicht nur für die modernen Helden unserer Zeit. Denken wir an Bastian Balthasar Bux, König Artus oder gar an Jesus von Nazareth, merken wir schnell, dass das Heldenbild und der damit verbundene Mythos so alt sind wie die Menschheit selbst.
Trotz aller Unterschiede in ihren Charakteren, ihren Fähigkeiten, Aufgaben und der Welt, in der sie wirken, scheint es doch auf einer tieferen Ebene etwas zu geben, das all diese Helden verbindet. Etwas, das uns auf einer anderen, unbewussten Ebene anzusprechen und manchmal wie magisch anzuziehen scheint.

Die Heldenreise

Für den amerikanischen Literaturwissenschaftler und Mythenforscher Joseph Campbell wurde es zur Lebensaufgabe, eben dieser tieferen Gemeinsamkeit auf den Grund zu gehen. Campbell starb bereits 1987, ist aber bis heute vor allem in den USA sehr bekannt und einflussreich. In seinem 1949 erschienenen berühmten Werk „The Hero with a Thousand faces“ („Der Heros in tausend Gestalten“) vergleicht er die vielfältigen Mythen, Märchen und Initiationsriten, von den ältesten erhaltenen Überlieferungen der Menschheit, wie z.B. die Mythen der Sumerer, bis hin zu modernen Filmen und Träumen.
So fand er heraus, dass all diesen Geschichten eine universale Tiefenstruktur zugrundeliegt. Es ist der „Weg des Helden“, den alle Protagonisten auf ganz unterschiedliche Weise durchleben.
Diese „Heldenreise“ ist nicht nur ein Geheimcode für spannende Geschichten, sondern beschreibt auf einer bildhaften Ebene ein uraltes und tief in jedem Menschen angelegtes Muster für erfolgreiche Veränderungs- und Reifeprozesse. Auf Bilderebene werden der innere Konflikt verschiedener widerstreitender Persönlichkeitsanteile und deren Integration dargestellt.

Ein DNA-Code zur Ganzwerdung des Menschen? Das klingt auf eine Art vielversprechend einfach. Aber gibt es so etwas tatsächlich? Eine uralte Anleitung für mehr Zufriedenheit? Ist es tatsächlich unsere eigene Sehnsucht nach erfolgreicher Veränderung, nach einem Mehr in unserem Leben, die wir in den Helden und ihren Geschichten wiederfinden?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, lohnt es sich, das archetypische Muster genauer unter die Lupe zu nehmen. Welche innere menschliche Entwicklung verbirgt sich da tatsächlich hinter den Bildern?

Schauen wir noch einmal auf Harry Potter: Obwohl er eigentlich ein Zauberer ist, kann er sein wahres Wesen zunächst gar nicht entfalten. Seine Familie kämpft mit allen Mitteln gegen die Entwicklung seiner besonderen Fähigkeit an. Unser Held ist dadurch vor allem eines: Unglücklich.

Vielen Menschen geht es ganz ähnlich. Sie fühlen sich durch die äußeren Umstände eingeschränkt und nicht in der Lage, ihr Potential zu verwirklichen. Sie sehnen sich nach irgendeiner Art der Veränderung. Nach liebevolleren Beziehungen, einer erfüllenderen Aufgabe, nach Anerkennung oder einfach mehr Lebendigkeit.
Allen gegenteiligen Versuchen zum Trotz, erreicht Harry Potter letztendlich einer der Briefe aus Hogwarts. Die Aufforderung, in die Zauberschule zu gehen, ist vor allem ein innerer Aufruf, seiner Bestimmung zu folgen und sein wahres Potential zu entfalten.
Wenn wir nicht selbst für notwendige Veränderungen sorgen, scheint uns das Leben irgendwann dazu zu zwingen. Joseph Campbell spricht vom „Ruf ins Abenteuer“, der immer lauter wird, so lange, bis der Held ihm schließlich folgt. Der Ruf führt ihn auf seine Reise. Im alltäglichen Leben meldet sich dieser Ruf in der Regel als innere Stimme, als Unzufriedenheit, Depression, Burnout oder körperliche Krankheit. Er ist gleichzeitig die Alarmglocke des bisherigen Lebens und die tiefe Sehnsucht, für die es sich lohnt zu kämpfen. Denn Veränderungen sind bekanntermaßen nie so ganz leicht.
Der Held verkörpert also die Seite in uns, die etwas verändern will. Doch damit ist eine tatsächliche Veränderung noch lange nicht gelungen. Denn das Prinzip der Veränderung ist paradox. Ein altes Sprichwort sagt: Der Weg zur Hölle  ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Sobald wir uns vornehmen, etwas zu verändern, wird automatisch eine Gegenkraft mobilisiert, die in der Regel dafür sorgt, dass der Vorsatz nicht umgesetzt wird. Je stärker die heldenhafte Seite in uns wird, desto mehr Kraft bekommt auch der Widerstand dagegen, der „innere Schweinehund“, der behauptet, es habe ohnehin alles keinen Sinn oder es sei viel bequemer, alles beim Alten zu lassen.

Der Held und sein Widersacher


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Autorinnen und Autoren


Irena Berger, Fürth
Gestalttherapeutin

Dr. Michael Blume, Filderstadt
Religionswissenschaftler

Johanna Haberer, Erlangen
Professorin

Benjamin Heimerl, Frankfurt
Diplom-Politologe

Dr. Wolfgang Heuer, Berlin
Politik- und Kulturwissenschaftler

Dr. Hans Mendl, Passau
Professor

Dr. Andreas Mertin, Paderborn
Publizist und Medienpädagoge

Dr. Harro Müller-Michaels, Bochum
Professor

Dr. Tilmann Moser, Freiburg
Psychoanalytiker

Christian Peitz, Lüdinghausen
Diplom-Pädagoge

Jörn Petersen, Nürnberg
Journalist

Dr. Irmgard Schrand, Hannover
Islamwissenschaftlerin

Bernd Wildermuth, Stuttgart
Landesjugendpfarrer

Dr. Holger Zaborowski, Vallendar
Professor

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