das baugerüst 3/16 Ich. Ich. Ich!

 

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Inhalt

  • forum
    Sr. Anke Sophia Schmidt CCR: „Alles Wissende ablegen...“
    Der Weg der Selbstentäußerung im klösterlichen Leben

    Jonathan Kühn: Vom Ich zum Wir
    Beim Musicalprojekt „Amazing Grace“ werden Individuen zu einem Chor

    Ade Gärtner: Elf Freunde müsst ihr sein
    „Vom Ich zum WIR – ein Beispiel aus dem Fußball“

    Lutz Drescher: Das Wir und das Ich
    Einsichten aus ost-asiatischer Perspektive

    Niko Paech: Ich konsumiere! Also bin ich?
    Oder: Die Befreiung vom Überfluss

  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: Musste Narziss sterben?

Wenn Narziss wirklich bei dem Versuch sein eigenes Spiegelbild zu umarmen in den Teich fiel und zu Tode kam, hätte ihm vielleicht eine Selfiestange das Leben gerettet. Diese Hilfsmittel, um aus der Entfernung einer Armlänge sich überall ins rechte Licht zu setzen, ist zur Inkarnation der Ich-Gesellschaft geworden. Menschen stehen vor den berühmtesten Bauwerken dieser Erde, sitzen in Cafés an den schönsten Plätzen der Welt oder erstürmen die Gipfel höchster Berge, kaum angekommen, richten sie das Handy auf sich selber und es macht: klick. „Schaut alle her, wo ich bin.“ Nun mag es ja durchaus schöner sein, statt eine Postkarte vom Kolosseum, den Pyramiden oder dem Taj Mahal zu erwerben, die jeweilige Attraktion mit dem eigenen Gesicht aufzuwerten - wenn nur diese Selfiestangen die Landschaft nicht so verschandeln würden. Aber vielleicht ist es ja auch nur eine temporäre Manie, die vergeht, wenn die Menschen keine Lust mehr haben, als Privat-Parparazzis durch die Welt zu tingeln und ihr Innerstes nach außen zu kehren. Das Selfie, so der Ausstellungsmacher von „Ego Update“ Alain Bieber, „ist ein Ich auf der Suche nach dem Wir.“ Man fotografiert und dokumentiert sich selbst, um es mitzuteilen, und „ist ein bisschen süchtig nach der Resonanz und den Likes“ in den sozialen Medien.

Das Ich süchtig nach Resonanz und Likes? Der Leiter der Hamburger „Stiftung für Zukunftsfragen“, Horst W. Opaschowski, weiß, dass das Zeitalter der Ichlinge zu Ende geht. „In der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ist kein Platz mehr für Egoisten und Narzissten. Das „Ich“ hat ausgedient. Und „Wir“-Gefühle werden wichtiger.

Unbestritten erfreut sich hierzulande die Zivilgesellschaft über eine gehörige Portion Wir-Gefühl, auch kann man sich über die Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement und ehrenamtlicher Tätigkeit nicht beklagen. Aber davon zu sprechen, dass das Zeitalter der Egoisten und Narzissten zu Ende ginge, ist dann wohl doch eine sehr steile These.
Auch muss bei dieser Debatte zwischen Egoismus und Egozentrismus unterschieden werden. Während bei ersterem eher eine moralische Bewertung zu Grunde liegt, betrifft der Egozentrismus die eigene Wahrnehmung.

Egozentrismus, so heißt es im Lexikon der Psychologie seien Einstellungen und Verhaltensweisen, die darauf schließen lassen, dass die eigene Person als das Zentrum allen Geschehens empfunden und alle Ereignisse nur in ihrer Bedeutsamkeit für diese eigene Person bewertet werden. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget sieht die Stufe der Wahrnehmung des Selbst und der Umgebung bei einem Kleinkind mit etwa vier Jahren erreicht, die es im Normalfall auch bald wieder hinter sich lässt.
Manche verharren in dieser Haltung und bleiben gefangen in der Schwierigkeit, sich die Welt aus der Sicht eines anderen vorstellen zu können.

Vor Jahresfrist beklagte Heidi Keller in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, dass die Kleinkinder zu „Ichlingen“ erzogen werden. Kinder, so Keller, seien heute einem endlosen Strom an Fragen und Entscheidungen ausgesetzt: „Wo willst du sitzen? Was willst du spielen? Willst du heute gar nicht spielen?“ Ebenso ist Lob ein integraler Bestandteil kindgerechter Pädagogik: „Toll machst du das! Super! Was du schon alles kannst!“ Kinder, die gewohnt sind, ständig im Mittelpunkt zu stehen, brauchen die Aufmerksamkeit und Zuwendung anderer.
Nun ist ja überhaupt nichts dagegen einzuwenden, Kinder zu starken und selbstbewussten Menschen zu erziehen und Resilienz erzielt man nicht mit Vorschriften und Kritik, aber wie kommt das „Wir“ ins Spiel?

„Ich komme aus einer Zeit“, schreibt Fulbert Steffesky in diesem Heft, „die dem Ich misstraute“. „Nicht die Sorge um das Ich war gefragt, sondern die Ichlosigkeit“. „Wir haben uns dann langsam“, so Steffensky am Schluss, „von den glückfeindlichen Diktaten entfernt“ und lernten „Ich“ zu sagen.

Vielleicht müssen wir uns heute von dem Diktat der Nabelschau entfernen, aufhören, Likes und Follower zu sammlen, die Kinder nicht mehr fragen, „Was hast du gemacht?“ sondern „Mit wem hast du heute gespielt“ und so dem „Wir“ wieder einen angemessenen Stellenwert einräumen.
Natürlich hat Opaschowski Recht, dass die Zeit der Ichlinge zu Ende gehen sollte und bei all den Problemen und Krisen die Egoisten und Narzissten sich eigentlich „vom Acker“ machen könnten. Aber das Ich gehört nun mal zum Markenkern westlicher Ideologie und da kostet es schon noch etwas Überzeugungskraft und Anstrengung um dieses Ziel zu erreichen.

„Wer bin ich“ ist ja wohl eine der spannendsten Fragen überhaupt. Lutz Drescher lenkt mit seinem Artikel den Blick auf andere Kulturen und Religionen. Wie gehen die mit der Suche nach dem eigenen Ich um? Welche Rolle spielt da das Selbstbild und die Gemeinschaft?

Und Narziss? Den hätte wohl auch keine Selfiestange gerettet, der war so auf sich fixiert und hätte nur Likes gesammelt, wenn die griechischen Götter schon bei Facebook gewesen wären.

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Christine Bulla und Caroline Mende: „Ich will ins Rampenlicht!“

Castingshows - Traumhafte Showkarriere oder kränkender Albtraum?

Das System “Castingshow”

Viele Jugendliche träumen davon, zum Gewinner einer erfolgreichen Castingshow wie Deutschland sucht den Superstar (DSDS) oder Germanys Next Topmodel (GNTM) gekürt zu werden. In den Castingshows werden den Teilnehmer/innen Aufgaben gestellt und dabei ihr Talent aber auch ihre Kamerapräsenz getestet. Im Anschluss werden diese von einer prominent besetzten Jury (z. B. Heidi Klum bei GNTM, Dieter Bohlen bei DSDS) bewertet. Am Ende dieser „Castingreise“ wartet auf die Gewinner ein Platten- bzw. Modelvertrag, mit der Aussicht auf die Erfüllung des Traums der eigenen großen Karriere.
Castingshows werden aus medienwissenschaftlicher Perspektive dem „performativen Realitätsfernsehen“ zugeordnet (Mikos 2000). Es sind Unterhaltungsshows, in denen Jugendliche und junge Erwachsene in einem komplett strukturierten Setting auftreten. Neben dokumentarisch inszenierten Szenen (Gesangs- und Tanzunterricht, Umstyling etc.) finden sich in den Shows immer wieder kurze soapartige Sequenzen wie Streitereien, Liebeskummer oder Heimweh, die oftmals bewusst von der Produktionsfirma provoziert werden. Die Teilnehmer/innen werden (meistens ohne, dass es ihnen bewusst ist) gezielt gecastet und innerhalb der Show mit eindeutigen Rollen („Die Zicke“, „Die Bodenständige”, „Der Ehrgeizige“) versehen, damit sich möglichst viele spannenende Reibungsflächen ergeben.
Den Zuschauer/innen ist allerdings meist nicht klar, dass einzig und allein die professionell produzierte und unterhaltsame Show im Vordergrund steht und nicht die tatsächliche Talentförderung: “Der einzige Star von DSDS war schon immer die Show selbst. Die Teilnehmer sind nur formbare Hüllen, die der Sender mit Inhalt füllt” (Reek 2016).

Die Zuschauerperspektive

Was fasziniert die Fans an den Formaten?

Castingshows führen nach wie vor die Beliebtheitsskalen des Fernsehprogramms bei Kindern und Jugendlichen – insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen zwischen 6 und 19 Jahren – an. (1) Auch die Quoten sprechen aus wirtschaftlicher Sicht für die Formate.

Emotionale Geschichten mit “echten” Menschen und eine professionelle Ästhetik

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Ingo Dachwitz: Das Ich als Marke

Identität im digitalen Zeitalter

Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, dass das US-amerikanische Time Magazine „Dich“ zur Person des Jahres 2006 kürte; den vernetzten Internetnutzer, dem dank partizipativer Kommunikationstechnologie (damals: „Web 2.0“) die Zukunft gehöre. „Yes, you. You control the information age“, stellte das Magazin auf dem Titel klar. Neue Produkte heißen heute zwar nicht mehr unbedingt iPhone, sondern Google Glass oder Apple Watch und neue Dienste nicht mehr MySpace oder Youtube, sondern Snapchat oder Jodel – der Hype um das Individuum ist jedoch ungebrochen. User Centered Design gilt als der Königsweg zur Konzeption neuer Informations- und Kommunikationstechnologie, nach wie vor werden sekündlich unvorstellbare Mengen User Generated Content hochgeladen, Personalisierung macht die Nutzung des Internets bequemer und auf persönlichen Daten beruhende Profile und Prognosen sind das dominante Geschäftsmodell der Internetwirtschaft. Am sichtbarsten manifestiert sich die zentrale Rolle des Ich in der Digitalkultur wohl noch in einem bereits ausgiebig diskutierten Phänomen: Dem Selfie. Junge wie ältere Menschen setzen sich selbst vor beliebiger Kulisse (Orte, Tiere, andere Menschen) in Szene und teilen eine Auswahl dieser modernen Selbstporträts über digitale Medien. In einer Ästhetik der Beiläufigkeit präsentieren wir mit Selfies Ausschnitte unseres Lebens: Wir zeigen, wo wir sind, was wir essen, mit wem wir unterwegs sind und nicht zuletzt, wie (gut) wir aussehen. Smartphones und Netzwerkplattformen bilden die Infrastruktur dieser inzwischen nicht mehr ganz neuen Kommunikation des Ich. Vom Web 2.0 sprechen in diesem Zusammenhang heute nur noch die wenigsten, stattdessen ist der Begriff Social Media zum beliebtesten Container für die große Bandbreite partizipativer Kommunikationsdienste geworden, die mehr denn je integraler Bestandteil jugendlicher Lebenswelten sind. Als Sammelbegriff in einer sich immer noch schnell verändernden Medienlandschaft bildet er dabei ebenso wenig eine klar definierte Mediengattung wie die Rede vom Web 2.0. Schließlich werden inzwischen so unterschiedliche Dienste wie Facebook, Youtube, Blogs, Instagram, Pinterest, Younow, Persicope, Slideshare, Whatsapp, Jodel oder Snapchat unter diesem Dach zusammengefasst und auch klassische journalistische Online-Angebote integrieren inzwischen Funktionen, die als charakteristisch für Social Media gelten, etwa die Einbindung von Feedback oder die Möglichkeit zum Erstellen von Profilen. Gleichzeitig werden auf der zumindest für alle ab 20 Jahren immer noch zentralen Social-Media-Plattform Facebook immer weniger echte nutzergenerierte Inhalte gepostet und immer mehr professionell produzierte Inhalte verbreitet. Kommunikationswelten sind heute hochgradig personalisier

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Gudrun Quenzel: Egotaktiker?

Wie die Shell Jugendstudie die junge Generation beschreibt

Heute werden jungen Menschen hohe Leistungen beim Aufbau einer eigenen Identität und bei der Gestaltung und Sinngebung des eigenen Lebens abverlangt. Jugendliche sind in ihrer Lebensgestaltung – wie Erwachsene auch – immer weniger durch kulturelle, religiöse oder regionale Vorgaben und Traditionen festgelegt. Was aus einem wird, welches Leben man lebt, hängt immer weniger davon ab, welcher sozialen Schicht, welcher Religion, welchem Geschlecht oder welcher Familie man angehört. Jugendliche können über Schule, Ausbildung, künftigen Beruf, Freunde, Partner, Wohnort und Familiengründung weitaus freier als früher entscheiden, sie müssen ihre Entscheidungen aber auch stärker persönlich gestalten und verantworten. Das gelingt nicht allen Jugendlichen gleich gut.
 
Kompetenz der Selbststeuerung

Was Jugendliche deswegen heute mehr als die Angehörigen der vorhergehenden Generation benötigen, ist die Kompetenz der Selbststeuerung. Die Anforderung, soziale Beziehungen und Bindungen zu organisieren, hat sich im Lebenslauf zeitlich ebenso nach vorne verlagert wie das selbstständige wirtschaftliche und konsumorientierte Handeln und die Organisation der Freizeit.

Die Zeit, die Jugendliche in schulischen Institutionen verbringen, hat sich demgegenüber kontinuierlich ausgedehnt. Außerdem sind junge Leute  immer länger  finanziell von ihren Eltern abhängig. Frühe Selbstständigkeit in den Bereichen Konsum, Freizeit und Freundeskreis steht so einer späteren finanziellen Autonomie durch die Aufnahme einer beständigen Erwerbstätigkeit und – daran häufig gebunden – der ebenfalls späteren Gründung einer eigenen Familie gegenüber. Zudem wachsen junge Menschen heute in einer Situation auf, in der klar vorgegebene Normen und Werte, feste Zugehörigkeiten zu Milieus, kalkulierbare und klare Abfolgen von persönlichen Lebensschritten und eindeutige soziale Vorbilder weitgehend fehlen. Sie stehen damit vor der Herausforderung, in einer sich wandelnden und zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschaft mit einer starken Tendenz zur Individualisierung eine stabile Persönlichkeit herauszubilden. Angesichts der Vielfalt an Handlungsanforderungen und Handlungsalternativen ist dies keine einfache Aufgabe.

Denn die flexible und selbstbewusste Akzentsetzung der Lebensführung, die eine von eigenen Interessen geleitete Gestaltung der Lebenswelt möglich macht, setzt eine breite Palette von sozialen Kompetenzen und persönlichen Fähigkeiten voraus. Wichtig hierfür sind eine realistische Einschätzung der eigenen Ressourcen und Potenziale, ein guter Blick für sich ergebende Chancen und das Selbstbewusstsein und der Mut, diese dann auch zu ergreifen. Im Englischen spricht man deswegen auch von „Doing Adolescence“, um die Anforderungen an die aktive Gestaltung dieser Lebensphase und der eigenen Identität zu betonen. Jeder einzelne Jugendliche ist in diesem Sinne die selbstverantwortliche Planungsinstanz des eigenen Lebens, ausgestattet mit großen Freiheitsgraden der Gestaltung – wobei er gleichzeitig auch unter Druck steht, die Freiheitsgrade tatsächlich ausschöpfen zu können und dafür ganz persönliche Wege und Lösungen zu finden.

Egotaktische Grundhaltung
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Benjamin Heimerl: Leben wir in einer Rüpel-Republik?

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen im Zug, ein Smartphone klingelt und ihr Mitfahrer nimmt ab. Doch anstatt „Ich kann gerade nicht, ich bin im Zug“ zu antworten, geht es los: Nach einer kurzen Einleitung brechen alle Dämme: „Was? Die sind jetzt geschieden? DAS musst du mir erzählen!/ Klar schläft der mit seiner Sekretärin, das weiß doch da jeder!/ Den hab ich schon ein paar Mal betrunken am Schreibtisch gesehen!/ Das war eindeutig Abseits am Samstag/ Unser kleiner hat mal wieder Durchfall, total flüssig…“ Ich erspare Ihnen den Rest. Am Bahnhof geht es dann weiter: die Menschen schubsen rücksichtslos, es wird gedrängelt und gepöbelt. Man will ja schließlich den Anschlusszug erwischen, sonst droht Ungemach mit dem Chef. Den Abschluss bildet dann das Büro: Auch hier wird rücksichtslos intrigiert um nach oben zu gelangen, die Kollegen sind keine Kollegen, sie sind Konkurrenz im immerwährenden Kampf „to the top“: Dass „oben“ schon lange nicht mehr „vorne“ ist, wissen dabei nur die Wenigsten. Sind wir zu einem Volk der Rücksichtlosen, der Anblaffer und Schreihälse geworden? Haben wir in unserer Ich- Gesellschaft tatsächlich nahezu alle sozialen Spielregeln über Bord geworfen und agieren uns an unserem Gegenüber nur noch als Sparringspartner für den eigenen Erfolg mit den Ellenbogen ab? Haben wir das solidarische Miteinander verlernt? Und wenn ja: Warum? Gelten Worte wie Nachbarschaft, Zusammenhalt und Miteinander nichts mehr? Verrohen wir gar in den Sitten und im menschlichen Umgang? Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Frage wird nicht abschließend beantwortet werden. Es zeigen sich jedoch gewisse Trends in unserer Gesellschaft, die Ihnen mit Sicherheit auch schon begegnet sind und die die hier gestellte Frage zulässig machen. Doch was sind die Gründe für die angenommene Verrohung der Sitten in unserem Land? Sind es die Medien? Hier liegt mit Sicherheit viel im Argen, doch allein die Medien können es nicht sein. Ist es die Politik? Auch hierhin lohnt sich ein Blick. Nicht umsonst jährte sich die Einführung der „Hartz IV- Gesetze“ 2015 zum zehnten Mal. Oder ist es gar das Internet? Was wir täglich erleben, ist mittlerweile erschütternd: Das Ausmaß an offenem Hass, Beleidigung und Herabsetzung ist bedrückend geworden. Ich denke, dass nur all diese Dinge zusammen, in ihrer Wechselwirkung, ein Klima wie das gegenwärtige erschaffen konnten. Dem geneigten Leser ist es aber unbenommen weitere Erklärungen anzufügen. 1. Grund: Das Fernsehen?

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Norbert Copray: Wenn das Selbst optimiert wird

Die Ego-Falle überwinden und ein Du-Mensch werden

Werbung macht unzufrieden. Und Werbung ist überall: im TV, im Radio, in den Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, auf dem Smartphone. Ständig wird getriggert: So musst du aussehen. Das musst du haben. Das könntest du sein. Das wäre dein schöneres, besseres, leichteres Leben. Das wäre deine Anerkennung. Ständig prasseln direkte und subtile Werbebotschaften auf uns ein. Da braucht es gar keinen Vergleich mit anderen. Werbung ist allgegenwärtig. Und da wundern wir uns, wenn Menschen unzufrieden sind?

In der Literatur gibt es eine Welle von Bekenntnisromanen. Selbstbespiegelungen in epischer Breite. Besonders dickbändig: die Werke „Leben“, „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“ und „Träumen“ des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard. Die Feuilletonistin Bettina Steiner kann in den Romanen von ihm, von Tomas Espedal („Wider die Natur“) oder Benjamin von Stuckrad-Barre („Panikherz“) keine neue Aufrichtigkeit erkennen, sondern beschädigten Narzissmus. Wird hier eine Gesellschaft von „Ichlingen“ erkennbar, die ihre Rettung vor den heutigen Anforderungen nur im Selbstbezug sieht?

Wenn das Selbst beschädigt ist

Beschädigter Narzissmus braucht Kompensation, Wundpflege, Bestätigung. Das prägt auch oft die Fitness- und Ernährungsszene, in der mit allerlei Methoden und Konzepten versucht wird, ein sogenanntes optimales Leben zu führen. Genug ist nie genug. In einem Tag zwei oder drei Tage leben. Im Trend: sich ständig selbst überwachen, sogar im Schlaf. Ein Minisensor am Hosenbund oder am Arm: diese Tracker, zum Beispiel als Fitnessbänder oder Smartwatches, sind hipp. Sie kommen zu den Smartphones hinzu, die auch schon personale Aufzeichnungen und Datenauswertungen betreiben können. Über 100.000 Gesundheits-Anwendungen gibt es für Smartphones. Permanent werden etliche persönliche Daten kontrolliert und aufgezeichnet. Ein Computerprogramm perfektioniert die Analyse. Ein Internetdienst optimiert die Freizeitaktivitäten. Das ist harte Arbeit an sich selbst. Mehr Selbstdisziplinierung war nie.

Optimierungsabsichten finden sich auch in der Beratungs-, Coaching- und Seminarszene. Gut ist nie gut genug, sondern besser, immer besser soll das Leben, will man selbst sein. Mit Büchern dazu lassen sich Regale füllen. Was auch Widerstand provoziert: „Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung“ heißt ein Buch über die „Widerstandskraft und psychische Gesundheit von Frauen“. Und andere verwahren sich gegen die Selbstoptimierungszwänge, indem sie darauf bestehen: „Ich bleibe wie ich bin“. „Du sollst nicht funktionieren: Für eine neue Lebenskunst“ plädiert Ariadne von Schirach. „Schnauze voll! Schluss mit dem Optimierungsquatsch“ protestiert Rainer Moritz. Nun, das ist auch keine Lösung, um die ohnehin notwendige Veränderung und Anpassung an sich ständig ändernde Lebensumstände gut zu bewältigen. Es muss ja nicht Optimierung heißen; ein Begriff, der aus der Mathematik, der Technik, der Ökonomie und der Entscheidungsklärung kommt. Die Suche nach dem Optimum unter gegebenen Voraus- und Zielsetzungen nennt man Optimierung. Das heißt auch: Niemals kann jemand wissen, ob ein Optimum erreicht ist. Der Selbstoptimierung setzt also allenfalls der Tod ein Ende, jedoch kein Optimum.

Statt klein lieber ich sein

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„Die Likes sind gut fürs eigene Ego“

Ein Gespräch über die Frage, ob sich das Leben nur um mich dreht, über die eigene Präsentation in sozialen Netzwerken und ob damit das Ego oder die Gemeinschaft gepflegt werden. Luisa Sappel , Laura Niedermirtl und Charlotte Simon sind Studierende der Fachakademie für Sozialpädagogik in Traunstein.

baugerüst: 70 Prozent der Menschen sagen: Heute ist jeder so mit sich beschäftigt, dass er oder sie nicht mehr an andere denkt. Stimmt das?

Charlotte S.: Ich denke schon, dass diese Beobachtung zutrifft und immer mehr Menschen sehr auf sich selber bezogen sind. Viele wollen im Mittelpunkt stehen und erfolgreich sein. Aus meinem eigenen Umfeld kann ich das aber nicht so bestätigen. Ich komme aus einer großen Familie und habe vier Geschwister, da achtet eigentlich jeder auf jeden.

Luisa S.: Doch, das stelle ich auch fest. Man hat oft zu viel mit sich selber zu tun, da treten die Anliegen der anderen sehr oft in den Hintergrund.

Charlotte S.: Viele Menschen hören einfach nicht mehr richtig zu. Wenn jemand fragt, wie es dir geht, bleibt oft gar nichts anderes übrig als zu sagen: O.k., passt schon alles. Die wirkliche Antwort interessiert eigentlich keinen. Wenn jemand sagt, mir geht es nicht gut, wird es ja kompliziert.

Laura N.: Oder aber der Gesprächspartner redet plötzlich von sich selber und sagt: Ja genau, das kenn ich oder habe ich auch.

baugerüst: Viele sagen, das Leben dreht sich nur um mich.

Laura N.: Vielleicht braucht man diese Einstellung heutzutage auch. Ich muss mir selber so viel zutrauen und auf mich achten. Man muss heute schon auf sich selber schauen um auch das zu erreichen was man erreichen will.

Charlotte S.: Ja schon, aber viele meinen auch, sie seien so toll und so super, aber vieles davon ist einfach nur Fassade. Das selbstsichere Auftreten ist nur da, um den Schein zu wahren.

Luisa S.: Wenn man nur auf andere schaut und keine Zeit für sich selber hat, geht man innerlich kaputt.

baugerüst: Hat Zusammenhalt oder Solidarität überhaupt noch eine Bedeutung?

Luisa S.: Im Freundeskreis schon. Wir gehören zusammen, wir helfen einander. Auch in der Familie steht das Wir im Vordergrund.

baugerüst: Aber die Gesellschaft wird immer egoistischer?

Charlotte S.: Ich finde schon, dass die Gesellschaft immer egoistischer wird, nicht im Freundeskreis oder in der Familie, aber außerhalb schon.

Laura N.: Ich finde, man merkt es auch bei den Kindern. Kinder wachsen heute so auf, dass sie in der Familie den Ton angeben wollen.

Luisa S.: Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und viele nehmen ihre Umgebung gar nicht mehr richtig wahr. Kaum jemand sagt nach einer Rempelei „Entschuldigung“, höchstens noch „Hoppla“.

Laura N.: Diese Fokussierung auf sich selber sieht man ja auch bei den vielen Selfies. Alle machen Bilder von sich selber, stellen diese ins Netz und hoffen auf Anerkennung. „Oh, ich habe 100 Likes auf mein Bild bekommen“, heißt es dann.

Charlotte S.: Ich beobachte das auch im Umgang mit Kindern. Die ganzen Handyspiele werden alleine gemacht und sind sehr Ich-bezogen, nicht wie beim Kickern oder bei einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, wo man mit anderen etwas zusammen macht. Mit dem Handy bist du alleine und völlig abgegrenzt.

baugerüst: Wie nehmt ihr das in eurem beruflichen Umfeld wahr?

Laura N.: Ich glaube schon, dass Kinder in einem bestimmten Alter nur sich selber sehen und meinen, die Welt drehe sich nur um mich. Aber ich habe in den Einrichtungen auch wahrgenommen, dass Eltern ihre Kinder andauernd loben: „Mein Kind kann das und das“. „Mein Kind hat immer Recht bei Streitigkeiten“.

Luisa S.:
Man braucht schon eine Portion Selbstbewusstsein und muss auch sagen können, „das hab ich jetzt gut gemacht“. Aber wenn jemand dauernd sagt, ich bin so gut, ich bin so super, dann ist das einfach zu viel. In der eigenen Scheinwelt ist man dann der Beste. Dabei kann es leicht passieren, dass andere oder die Umgebung dabei aus dem Blickfeld geraten.

baugerüst: Heute ist jeder vielmehr für sich selber verantwortlich als früher, gleichzeitig ist immer weniger festgelegt, man muss selber schauen, wie man durchkommt. Ist die Ich-Bezogenheit eine Konsequenz aus dieser Entwicklung?

Luisa S.: Das hängt auf jeden Fall miteinander zusammen. Du brauchst heute diese Portion Egoismus und das Selbstbewusstsein: Ich bin was, ich kann was. Damit man vorankommt.

Laura N.: Ich glaube, dass man früher mehr zurückstecken musste und sich gar nicht so sehr auf sich selber konzentrieren konnte.

Luisa S.: Natürlich hat man heute sehr viele Möglichkeiten und kann sich manchmal kaum entscheiden. Da ist die Tendenz schon gegeben nur auf sich zu schauen und die anderen vollkommen auszublenden.

Charlotte S.: Es ist heute schon sehr schwierig geworden, weil es einfach zu viele Möglichkeiten gibt. Man steht dauernd vor einer Kreuzung und muss sich entscheiden. Kaum hat man die erste Entscheidung getroffen, kommt die nächste Kreuzung und man muss erneut abwägen. Wenn man dann noch andere mit in den Blick nimmt, hast du es gleich mit mehreren Kreuzungen zu tun.

baugerüst: Wird erwartet, perfekt zu sein?

Charlotte S.: Es wird erwartet, sein Selbst zu optimieren. Ich nehme schon wahr, dass die Gesellschaft so eine Tendenz zum perfekten Leben, zum perfekten Menschen, zum perfekten Beruf hat. Dabei ist das Streben nach dem Perfekten eine Scheinwelt, aber es wird in den Medien vorgelebt: Frau mit zwei Kindern, top Karriere, top Figur und top intelligent. Wow denkt man sich, das wäre schon toll und man fängt an, am eigenen Ich und an seiner Persönlichkeit zu bastelt.

baugerüst: Gibt es den Druck, aus sich persönlich etwas zu machen?

Luisa S.: Auf jeden Fall! Man setzt sich selber schon sehr unter Druck. Ich glaube nicht, dass das früher auch so extrem war.

Charlotte S.: Es wird viel erwartet in der Ausbildung. Ok schließlich möchte ich einen guten Abschluss haben, um in ein gutes Arbeitsfeld zu kommen. Daneben habe ich aber auch noch mein privates Leben. Doch, ich glaube schon, dass die Anforderungen gestiegen sind.

Laura N.: Ich glaube, dass es heute einfach mehr Möglichkeiten gibt, um die eigene Biographie aufzumotzen und sich selber dadurch auch besser zu machen.

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Autorinnen und Autoren

Dr. Bernd Beuscher, Bochum
Professor

Christine Bulla, München
Dipl.-Soz., Mitarbeiterin im Intern. Zentralinstitut
für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI)

Dr. Norbert Copray, Frankfurt
Philosoph, Diplom Theologe

Ingo Dachwitz, Berlin
Redakteur bei netzpolitik.org

Lutz Drescher, Stuttgart
Religionspädagoge

Michael Freitag, Hannover
Grundsatzreferent bei der aej

Ade Gärtner,
Nürnberg
Fußballtrainer, Coach und Theologe

Dr. Hans-Martin Gutmann
, Hamburg
Professor

Benjamin Heimerl
, Frankfurt
Diplom-Politologe

Jonathan Kühn, Erlangen
Pfarrer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität

Caroline Mendel M.A., München
Mitarbeiterin im Intern. Zentralinstitut
für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI)

Laura Niedermirtl, Traunstein
Studierende

Niko Paech, Oldenburg
Professor

Gudrun Quenzel, Feldkirch
Kulturwissenschaftlerin

Luisa Sappel, Traunstein
Studierende

Sr. Anke Sophia Schmidt CCR
, Schwanberg
Bildungsreferentin

Charlotte Simon, Traunstein
Studierende

Dr. Fulbert Steffensky, Luzern
Professor

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