das baugerüst 1/17

Was kommt da auf uns zu?

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Wolfgang Noack: Was kommt da auf uns zu?

Was kommt da auf uns zu? Das fragten sich vermutlich auch die Menschen, die zur Zeit der Reformation erlebten, wie die Macht der (katholischen) Kirche ins Wanken geriet, wie der Buchdruck auch andere Meinungen und Ansichten verbreitete und wie sich in die Aufbruchstimmung Widerstand und Gewalt mischte.
Oder als 1789 das französische Volk auf die Barrikaden ging und gegen die absolute Herrschaft von König Ludwig XVI. protestierte. Was kommt da auf uns zu, fragten sich wohl die Menschen, wenn eine Revolution die geordnete Welt mit oben und unten in ganz Europa verändern wird?
Viele kleine und große Veränderungen haben im Laufe der Geschichte enormen Einfluss auf das Leben der Menschen genommen: Die Industrialisierung, in deren Folge ab Mitte des 18. Jahrhunderts Erwachsene und Kinder sich in Fabriken verdingen müssen, der Chauvinismus der Nationalstaaten, der in den Ersten Weltkrieg führt, die Begeisterung für den Faschismus, der ganz Europa in Schutt und Asche legt und die ganze Welt verändert.
Erfindungen verändern die Mobilität, die Kommunikation, den Wohlstand der Menschen, wenn auch höchst unterschiedlich. Die Globalisierung, die Finanzwirtschaft, bei der plötzlich mit Geld  Geld verdient werden konnte, die Ölkrise, der Klimawandel, die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima erschüttern Gewissheiten und zwingen zu Veränderungen im Denken.

Nun war weder die Reformation noch die Französische Revolution oder auch andere weitreichende Veränderungen Ergebnis einer breiten Debatte in der Bevölkerung. Sie kamen einfach über die Menschen, lösten vielfach Ängste aus, manchmal auch Begeisterungen. Geschichte wurde gemacht, von denen da oben oder von einer kleinen, besonders mutigen Gruppe.

Im Gegensatz zu absolutistischen und feudalistischen Staatsformen leben wir zumindest  in Deutschland und Europa heute in offenen Demokratien mit einer (mehr oder weniger) starken Zivilgesellschaft. Und diese Zivilgesellschaft hat sich immer wieder eingemischt. Die Studenten der 60er Jahre öffneten eine verkrustete Gesellschaft, die nicht bereit war sich den Gräueltaten des Nationalsozialismus radikal zu stellen, Proteste verhinderten eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr, die Aussöhnung mit Israel und Polen geschah auf Initiative der Kirchen und Jugendverbände, ökologisches Denken ging von „grünen Spinnern“ aus und findet sich heute in jedem Parteiprogramm wider. Als die Bauern von Wyhl 1975 gegen den Bau eines Atomkraftwerkes am Kaiserstuhl protestierten, konnten sie sich noch nicht vorstellen, dass der Deutsche Bundestag knapp dreißig Jahre später das Ende dieser Energiegewinnung beschließen wird. Friedensbewegung, Frauenbewegung, der Blick für die Eine Welt, alles Initiativen, die ihren Ausgang in der Zivilgesellschaft hatten und die Republik nachhaltig veränderten. Hans-Jürgen Benedict beschreibt in dem Beitrag „Erlebt, erlitten, protestiert“ seinen persönlichen Blick auf die Veränderungen.

Heute stehen wir vor neuen Herausforderungen

Welche Auswirkungen haben die Digitalisierung aller Lebensbereiche, die Sammelwut von persönlichen Daten, die veränderte Kommunikation mit Fake News, Social Bots und Reduzierung von Inhalten auf Twitter-Format? Wie lassen sich Menschen für das Friedensprojekt Europa (wieder) begeistern, wie kann verhindert werden, dass das Gespenst des Nationalismus wieder aus der Gruft steigt und wie wird die Demokratie zu einem Herzensanliegen der Menschen, bei dem es nicht um Partikularinteressen geht, sondern um das gemeinsame Ganze? Welchen Weg müssen die reichen Industriestaaten einschlagen, wenn es darum geht, einen gerechten Ausgleich mit den armen Regionen dieser Erde zu schaffen, damit Menschen nicht zur Flucht gezwungen werden? Mit welchen Folgen wird die künstliche Intelligenz in Entscheidungen eingreifen und was bedeutet es, wenn in der Medizin zukünftig Menschen und Maschinen gemeinsam handeln? (s. Beitrag von Galia Assadi und Arne Manzeschke: „Die Kontrolle über die autonomen Maschinen wird massiv eingeschränkt“)

Zehn Zukunftsthemen werden in diesem Heft diskutiert (ab Seite 22). Welche Veränderungen werden in naher Zukunft in den Bereichen Weltwirtschaft, Demokratie, künstliche Intelligenz, Digitalisierung, weltweite Wanderungsbewegungen, Europa, Mobilität, Medizin, Kommunikation und Gemeinwohlökonomie zu erwarten sein? Welche Konsequenzen werden die Entwicklungen insbesondere für Jugendliche haben und - das ist das Wichtigste: Welche Debatten sind hierzu notwendig. Diese Debatten müssen in der Zivilgesellschaft geführt werden, Kirche und Jugendarbeit sind ein Teil davon.

Zu Beginn des Heftes nimmt Heiner Keupp die Ängste der Menschen unter einem Veränderungsdruck in den Blick (Angst vor der Freiheit? Leben in der „Metamorphose der Welt),
Kathrin Winkler beschreibt die Veränderungen als Kraftquelle für menschliche Entwicklungen („Nichts ist so beständig wie der Wandel“) und Ulrich H.J. Körtner setzt sich mit der Allmacht Gottes und der Veränderung der Welt auseinander.

Wer sich einmischt, sieht sich oft mit dem TINA-Prinzip („There is no alternative“) konfrontiert. Warum? Weil bestimmte Interessen dahinter stehen, weil es sehr aufwendig wäre, einen anderen Weg zu wählen, weil Gefahren verharmlost werden. Bei den Zukunftsthemen brauchen wir aber eine breite Debatte mit vielen kritischen Fragen.



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Heiner Keupp: Angst vor der Freiheit? Leben in der "Metamorphose der Welt"

Individualisierung als riskante Chance

Bis in die Gegenwart hinein gab es kulturell vorgezeichnete Lebensmodelle und sie haben den Menschen Grundrisse für ihre eigenen Lebensentwürfe und Selbstthematisierungen geliefert. Das Hineinwachsen in die Gesellschaft bedeutete, sich in diesem vorgegebenen Identitätsgehäuse einzurichten. Die aktuelle Identitätsforschung hat Konjunktur erhalten, weil die traditionellen Grundrisse der Identitätsgehäuse ihre Passform für die Lebensbewältigung zunehmend verlieren. In spätmodernen Gesellschaften erhalten Menschen immer mehr die Möglichkeit, sich selbst zu konstruieren. Aber ArchitektIn und BaumeisterIn des eigenen Lebensgehäuses zu werden, ist nicht nur Kür, sondern zunehmend Pflicht in einer grundlegend veränderten Gesellschaft. Es hat sich ein tiefgreifender Wandel von geschlossenen und verbindlichen zu offenen und zu gestaltenden sozialen Systemen vollzogen. Nur noch in Restbeständen existieren Lebenswelten mit geschlossener weltanschaulich-religiöser Sinngebung, klaren Autoritätsverhältnissen und Pflichtkatalogen. Die Möglichkeitsräume haben sich in einer pluralistischen Gesellschaft explosiv erweitert. In diesem Prozess stecken enorme Chancen und Freiheiten, aber auch zunehmende Gefühle des Kontrollverlustes und wachsende Risiken des Misslingens. Die qualitativen Veränderungen in der Erfahrung von Alltagswelten und im Selbstverständnis der Subjekte könnte man so zusammenfassen: Nichts ist mehr selbstverständlich so wie es ist, es könnte auch anders sein; was ich tue und wofür ich mich entscheide, erfolgt im Bewusstsein, dass es auch anders sein könnte, und dass es meine Entscheidung ist, es so zu tun. Das ist die unaufhebbare Reflexivität unserer Lebensverhältnisse: Es ist meine Entscheidung, ob ich mich in einer Gewerkschaft, in einer Kirchengemeinde oder in beiden engagiere oder es lasse.

Die benannten Phänomene werden unter dem Begriff der Individualisierung gebündelt und er hat teilweise euphorische Diskurse ausgelöst, die man als „emphatische Individualisierung“ bezeichnen könnte. In diesem Diskurs sind die großen Freiheitsgewinne angesprochen worden, die mit dem Auszug aus den Zwangsverhältnissen traditioneller Lebensgehäuse verbunden sei.  Vor allem die neoliberal getönten Narrationen betonen die grenzenlose Plastizität der menschlichen Psyche und die Steuerungsverantwortung des Ego-Taktikers, der sich endgültig von allen institutionellen Sicherheitsgarantien verabschiedet hat und die Regie über seine Arbeitskraft vollkommen selbst übernommen hat, der „Arbeitskraftunternehmer“. Seit dem der Begriff der Individualisierung Gegenstand der Theoriedebatten geworden ist, werden vermehrt die Folgen dieses Prozesses für Individuum und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Dabei ist es durchaus bedeutsam, dass eine allein positive Konnotation des Begriffes, die nur auf die erfreulichen, weil befreienden Effekte des Freisetzungsprozesses aus überkommenen Bindungen und aus bis dato unhinterfragbaren Verpflichtungen, im strengen Sinne nicht vorliegt. Denn noch die eifrigsten Vertreter einer positiven Lesart weisen auf die Ambivalenzen des Individualisierungsprozesses für das einzelne Subjekt hin. Demgegenüber betonen die Vertreter einer negativen Lesart in erster Linie eine Verfallsperspektive im Hinblick auf das Verschwinden bisheriger sozialer Bindungen und Identitäten.

Identität in aller Munde und gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche scheint kaum ein Text ohne Bezug zur Identitätsthematik auszukommen. Das gilt für die individuelle Ebene, wenn Biografien oder Wohlbefinden thematisiert werden, und es gilt für die kollektive Ebene, wenn es um Gemeinschaftserleben oder das Gefühl der Bedrohung durch fremde Kulturen geht. Sogar eine Gruppierung im rechtsradikalen Spektrum nennt sich „identitäre Bewegung“ und macht einen Begriff zum Markenzeichen, der noch vor einigen Jahrzehnten allenfalls in Fachdiskussionen vertraut war. Diese europaweite Organisation verspricht ihren Anhängern eine Welt, in der stabile Identitäten möglich sind, die von allen kulturellen Vermischungen „gereinigt“ werden. Identität wird hier zum Synonym für eine Krise alltäglicher Selbstverständlichkeit, für Ängste, die damit verbunden sind und für Lösungsversprechen. Diese bedienen eine regressive Sehnsucht nach Rückkehr zu einer vertrauten und Sicherheit garantierenden Lebenswelt. Genau das führt zu einer Thematisierung von individuellen und kollektiven Verortungen und das ist die Identitätsbaustelle.

Die Metamorphose der vertrauten Welt

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Kathrin Winkler: "Nichts ist so beständig, wie der Wandel..."

Veränderungen als Kraftquelle für menschliche Entwicklungen

Was der Philosoph Heraklit von Ephesos schon vor 2500 Jahren konstatierte, ist eine Wahrheit, die nicht selten erschreckt, aber auch neugierig macht auf eine Umgestaltung der Umstände. Aus anthropologischer Sicht lässt sich vielleicht Tröstendes sagen: Veränderungen sind ein unvermeidbarer und wichtiger Bestandteil menschlichen Lebens. Sie erfordern die Fähigkeit, sich veränderten Situationen anzupassen und sich neu zu orientieren. Veränderungen begleiten menschliches Leben ab dem Zeitpunkt der Geburt. Von der ersten Stunde des Lebens sind Menschen dazu gezwungen, sich anzupassen und auf neue Situationen einzustellen. Oft sind diese Änderungen der Lebensbedingungen verbunden mit Angst und Unsicherheit. Für manche Menschen jedoch bedeuten Veränderungen eben auch Lust, Neugierde und positive Motivation.(1) In einer globalisierten Welt, in der sich gefühlt in jedem Augenblick etwas verändert, das Einfluss auf den Einzelnen hat, stellen sich an diesem Punkt für das pädagogische Handeln mehrere Fragen:  Wie gehen Kinder und Jugendliche mit lebensweltlichen Veränderungen um? Welcher Grad an Veränderungen ist für Kinder und Jugendliche tragbar bzw. wie können sie diese gestalten? Wie viel Stabilität brauchen Kinder und Jugendliche, um sich auf Veränderungen einlassen zu können. Gibt es Bedingungen, die im pädagogischen Handeln besonders gefördert werden sollten?

Gute Gründe für Veränderungen

Zunächst einmal kann aus entwicklungspsychologischer Sicht festgehalten werden: Dazulernen, sich verändern, Neues ausprobieren kann ein spannendes und gewinnbringendes Unternehmen sein. Es kann die Bestätigung bringen, sich weiterzuentwickeln. Das Selbstvertrauen wächst und damit auch die Erfahrung, dass Kontrolle und Einfluss auf Veränderungen möglich sind. Durch Veränderungen können Menschen erfahren, wo ihre Grenzen liegen und wo es noch etwas hinzu zu lernen gibt. Dadurch entwickelt sich ein Erfahrungsschatz, der bei weiteren neuen Situationen hilfreich ist. Kinder und Jugendliche, die diese Erfahrungen nicht machen können oder dürfen, weil Eltern oder Erziehungspersonen sie vor Veränderungen behüten wollen, prägen daraus für sich das Selbstbild: Mir kann man nichts zutrauen, ich bin zu schwach, ich bin dazu nicht fähig, ich schaffe es nicht. Das bedeutet, Veränderungen bergen die Chance, ein stabiles Selbstbewusstsein auszubilden und notwendige Erfahrungen zu machen. (2)Gleichzeitig spielt es für den Umgang mit Veränderungen eine Rolle, ob Menschen sich freiwillig verändern oder ob sie sich von den Umständen zu einer Veränderung gezwungen sehen. Veränderungen können demnach innere wie äußere Ursachen haben. Entsprechend der Rolle und dem Überwiegen entweder der inneren oder äußeren Ursachen für die Veränderungen kann unterschieden werden in überwiegende Selbstveränderung oder in überwiegendes Verändert werden.  Die Veränderung einer Gesamtsituation ist die Grundlage für die Entwicklung von Individuen, die in ihr existieren. Sie reagieren auf die Veränderung, erwerben damit die Fähigkeit, sich nach Veränderungen zu stabilisieren, und schaffen damit Kompetenzen, die als Bewältigungsreaktion oder Coping verstanden werden können und mit deren Hilfe sie sich fortentwickeln. Individuen profitieren von Veränderungen, durch die eine Eigendynamik in den Individuen entsteht. Der Fortschritt im Individuum kommt durch die Veränderung von unzähligen Situationen zustande. Auf das Kindes- und Jugendalter  bezogen meint dies z.B. Wachstumsprozesse, kritische Lebensereignisse wie Krankheit, Tod und Verlust, erwartbare Veränderungen wie Übergang in die Schule/Kindertagesstätte, aber auch Umzug, Armutserfahrungen, Erkrankungen der Eltern und gesellschaftliche Veränderungen wie Migration und Kriegserfahrungen. (3)Ein weiterer wichtiger Aspekt von Veränderungsprozessen ist deren Bezug zu menschlicher Entwicklung und menschlichem Lernen. Menschliches Lernen basiert auf Veränderungen, die durch individuelle wie situative Erfahrungen sowie durch neu gewonnene Einsichten zu einem Lernzuwachs führen. Lernen ist somit ein Prozess der Veränderung, der die Entwicklung von Individuen forciert. Das Resultat dieses Prozesses ist die Veränderung des Verhaltenspotentials. Lernen zeigt sich damit als ein zentraler Aspekt der Veränderung, ohne den menschliche Entwicklung nicht denkbar wäre. Ohne den Wandel von Situationen ist kaum ein Lernprozess oder der Erwerb von Kompetenzen sowie Sozialisation im weitesten Sinne vorstellbar. Insbesondere ist dieser Sachverhalt in der frühkindlichen Entwicklung von außerordentlicher Bedeutung. Aus lernpsychologischer Sicht sind Veränderungen somit ein notwendiger Impuls für formale wie informelle Lernprozesse. Monotonie und Einförmigkeit dagegen ist zerstörerisch und krank machend. Sie ist für lernende Organismen nicht nur schwer erträglich, sondern auch im Hinblick auf Entwicklung kontraproduktiv bis extrem schädlich. (4)

Entwicklungspsychologische Aspekte

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Ulrich H.J. Körtner: Die Allmacht Gottes und die Veränderung der Welt

Seit einigen Jahren ist die Wiederkehr der Religion in aller Munde. Ob diese Diagnose zutrifft und was genau damit eigentlich gesagt sein soll, ist umstritten. War denn die Religion je ganz aus unserer modernen Gesellschaft verschwunden? Der Befund fällt zwiespältig aus. Einerseits sprechen wir seit langem von der Säkularisierung als Kennzeichen der Moderne, andererseits kann man schwerlich behaupten, die Moderne sei eine Epoche der Religionslosigkeit. Einerseits erleben wir die massive Rückkehr der Religion in den öffentlichen und politischen Raum, andererseits eine um sich greifendes Desinteresse an Religion und einen massenhaften Gewohnheitsatheismus.

Säkularisierung ist nicht mit dem Verschwinden jeglicher Religion zu verwechseln. Sie bedeutet zunächst nur, dass Religion ihre Vormachtstellung im öffentlichen Raum verliert und zur Privatsache wird. Historisch betrachtet lässt sich der Prozess der Säkularisierung an der Einführung der Ziviltrauung auf dem Standesamt oder am Ende der geistlichen Schulaufsicht ablesen. Auch der moderne Sozialstaat hat zwar seine Wurzeln in der christlichen Nächstenliebe und Armenpflege. Diakonie und Caritas sind aber heute ein Player neben anderen Trägern sozialer Arbeit, und Sozialleistungen sind nicht mehr  lediglich ein Akt der christlichen Barmherzigkeit, sondern ein staatlich garantierter Rechtsanspruch. Und so sind auch neben die unterschiedlichen Angebote kirchlicher Jugendarbeit längst andere Formen von Kinder- und Jugendarbeit getreten.

Manche Religions- und Sozialforscher halten die Säkularisierung überhaupt für einen Mythos. Sie sprechen lieber von der Privatisierung, Individualisierung und Pluralisierung von Religion. Gern wird auch darauf hingewiesen, dass Europa in Sachen Säkularisierung einen Sonderfall darstellt. Gelegentlich hat man von Europa als Kältepol und Nord-
amerika als Wärmepol der Religion in der westlichen Welt gesprochen. Nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Südamerika und auf den übrigen Kontinenten gibt es ein reges religiöses Leben. Während die Kirchen in Europa kontinuierlich Mitglieder verlieren, wächst das Christentum in anderen Gegenden der Erde, vor allem das charismatische.

Neben anhaltenden Säkularisierungstendenzen gibt es innerhalb und außerhalb Europas gegenläufige Tendenzen zur Revitalisierung traditioneller Religionen. Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung stehen vor allem der wiedererstarkende Islam und die Angst vor islamistischem Terror. Man kann von einer Repolitisierung der Religion sprechen, die zu Bestrebungen nach einer Retheologisierung und Klerikalisierung der Politik führt. Das gilt übrigens nicht nur für den politischen Islam, sondern auch für manche Spielarten eines konservativen Christentums und eines christlichen Fundamentalismus. Tendenzen zur Repolitisierung des Christentums zeigen sich beispielsweise, wo zur Verteidigung des christlichen Abendlandes aufgerufen und gegenüber tatsächlichen oder auch nur behaupteten Bestrebungen zur Islamisierung Europas ein wehrhaftes Christentum gefordert wird.


Im Namen Gottes?

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Jana Maire: Der Zukunft auf der Spur

Wie Menschen von einem Ort zum anderen kommen, wie Güter transportiert werden, sieht schon in naher Zukunft ganz anders aus als heute. Mobilität befindet sich im Wandel und auch hier spielt die Digitalisierung eine wesentliche Rolle.
Hatten Sie in Ihrer Familie auch schon die Diskussion, wann es für Oma an der Zeit wäre, den Führerschein einzumotten, das Fahren aufzugeben und das geliebte Auto zu verkaufen? Wenn Ihre Oma in der Großstadt mit gut ausgebautem öffentlichen Personennahverkehr lebt, fällt ihr der Abschied vom eigenen Wagen möglicherweise noch relativ leicht. Denn auch ohne eigenes Fahrzeug wird sie sich noch gut in der Stadt bewegen können. Ganz anders sieht das aber im ländlichen Raum aus, wo im schlimmsten Fall der Bus des örtlichen Regionalverkehrsverbundes nur zweimal am Tag im Ort hält. Hier bedeutet das Leben ohne eigenes Auto auch schnell eine massive Einschränkung des persönlichen Radius.
Stellen Sie sich deshalb folgendes Bild vor: Das 3.000-Seelen-Dorf, in dem Ihre Oma wohnt, verfügt über einen kommunalen Fuhrpark an selbstfahrenden Fahrzeugen mit umweltfreundlichem Elektroantrieb. Die Ausstattung des Fuhrparks ist dahingehend optimiert, dass sie sich an den Bedürfnissen der Dorfbewohner orientiert: Wer muss wie oft regelmäßig in die nächste Stadt, welche Kinder müssen wann zum Gymnasium und von dort wieder nach Hause, wer hat wann Fußballtraining im Nachbardorf und so weiter.
So fährt alle zwei Wochen, wenn der Frisörbesuch Ihrer Oma in der nächstgelegenen Kreisstadt ansteht, automatisch ein fahrerloser Wagen vor Omas Tür, der sie dorthin und anschließend wieder nach Hause bringt. Vermerkt der Nachbarssohn im Verwaltungssystem des Fuhrparks, dass er etwa zur gleichen Zeit zum Zahnarzt muss, dessen Praxis auf dem Weg zum Frisör liegt, werden sich ihre Oma und das Nachbarskind den Wagen voraussichtlich teilen. Wird einer der Wagen des Dorfes derzeit nicht genutzt, aber dringend im nur wenige Kilometer entfernten Nachbarort benötigt, wird er nicht nur automatisch gebucht, sondern fährt auch selbstständig dorthin.
Ist dieses hier gezeichnete Bild eine Utopie? Ja, noch. Aber die Schätzungen, in wie vielen Jahren die Vision vom autonomen Fahren Realität werden könnte, korrigieren Experten fast schon täglich nach unten.


Intelligente Mobilität als persönliche Problemlösung

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Galia Assadi und Arne Manzeschke: Dr. Maschine

Wie die digitale Technik unser Bild von Krankheit, Medizin und Therapie verändert

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Veränderung. Wirft man einen Blick zurück auf die Anfänge menschlichen Lebens, zeigen sich Erscheinungsformen menschlichen Lebens, Weisen des Aussehens und des tätigen In-der-Welt-Seins, die mit der heutigen Vorstellung von Menschsein nur noch schwer in Einklang zu bringen sind. Über Jahrtausende hinweg durchlief die Menschheit verschiedene Stadien, innerhalb derer sich sowohl ihr Erscheinungsbild als auch ihre Lebensform mit und auf der Erde nachhaltig und unwiederbringlich veränderten. Und vermutlich ebenso alt wie die Veränderungen selbst ist das menschliche Nachdenken über die Bedeutung von Veränderungen.

Denken über Veränderung als anthropologische Konstante

Zu Beginn des abendländischen philosophischen Nachdenkens über Veränderung vor etwa  2500 Jahren standen, wie z.B. bei Heraklit, insbesondere Fragen nach den Wandlungen im Bereich der Natur im Vordergrund. So drehten sich die damaligen Debatten um Fragen nach deren Reichweite, Rhythmen und Bedeutung für das menschliche Leben. Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Denkweise über Veränderung, bedingt durch große ökonomische und politische Transformationen, wie die Umstellung von Subsistenzwirtschaft auf die bis heute dominierende kapitalistische Produktionsweise und die Französische Revolution 1789. Durch das Zusammenspiel von technischen Innovationen, politischen Umbrüchen und ökonomischen Veränderungen, wandelte sich auch das Selbstverständnis des Menschen, der sich fortan nicht nur als den Veränderungen der Natur unterworfenes Wesen, sondern als Gestalter des Planeten verstand. Das Bewusstsein über die neuartigen menschlichen Möglichkeiten, wirkte sich auch auf das Denken über Veränderung aus, das sich fortan auch Fragen nach den Veränderungen stellte, die bewusst durch den Menschen angestoßen und vorangetrieben wurden.

So kann trotz unterschiedlicher Perspektiven das menschliche Denken über Veränderung selbst als Konstante verstanden werden. Der Versuch, mittels der Unterscheidung zweier Zustände Orientierung zu stiften, kann somit als ein Charakteristikum menschlicher Existenz gedeutet werden. Doch welchen Regeln folgt unser Denken über Veränderung? Meist können wir diese nur konstatieren, wenn wir Phänomene über einen bestimmten Zeitraum hinweg verfolgen, womit unser Denken über Veränderung immer auch ein Denken mit und über Zeit ist. Anhand bestimmter Kriterien vergleichen wir hierbei den Status von Phänomenen in Hinblick auf Ähnlichkeit und Unterschied und kennzeichnen eine Differenz zwischen verschiedenen Status über die Zeit hinweg als Veränderung. Diese Wahrnehmung geschieht jedoch nicht neutral, objektiv und jenseits von (bewussten und unbewussten) Vorannahmen, sondern ist stets von bestimmten Wertvorstellungen begleitet, die unsere Wahrnehmung der Differenz von Beginn an prägen. Somit kann nicht nur das Denken über Veränderungen, sondern auch die zeitgleiche Bewertung dieser Veränderungen als menschliches Charakteristikum begriffen werden. Wenn wir demnach über Veränderung sprechen, tun wir dies stets in einer wertenden Weise, die die Wandlung entweder positiv-optimistisch betrachtet und als wünschenswerten Fortschritt begrüsst, oder dieser skeptisch bzw. ablehnend begegnet oder sie gar als Niedergang, Verlust und Verfall wahrnimmt.

Die Geschichte der Medizin als Geschichte der Veränderung

Überträgt man diese allgemeinen anthropologischen Reflexionen auf den Bereich der Medizin, zeigt sich, dass dieser nicht ausserhalb der Zeit stehend, sondern als sich historisch wandelndes Wissensgebiet und Praxisfeld verstanden werden sollte. Die Geschichte der Medizin ist eine Geschichte der Veränderungen des Wissens über Krankheitsbilder, der diagnostischen Methoden und der therapeutischen Praktiken, in deren Verlauf sich sowohl die Vorstellungen vom menschlichen Körper als auch die Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit (und wie diese zu erhalten bzw. zu heilen wären) immer wieder verändern. Diese geschichtlichen Wandlungen sind, wie z.B. Michel Foucault in Bezug auf die Anfänge der Anatomie (1) darlegte, oft eng verknüpft mit Veränderungen im Bereich der medizinischen Technik, so dass es lohnenswert ist, diese beiden Bereiche zusammen zu betrachten. Betrachtet man die moderne Medizin aus dieser Perspektive und berücksichtigt die aktuellen technischen Entwicklungen, erweist sich als eine der zentralen Fragen diejenige nach den Auswirkungen der Digitalisierung auf die wissenschaftliche Disziplin ebenso wie die medizinische Praxis. Wie verändert sich demnach das medizinische Feld in Bezug auf seine Erkenntnismethoden, seine Behandlungspraktiken und seine Kommunikationsformen im informatischen Zeitalter?

Digitalisierte Medizin

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„Irgendwann werden wir uns Chips unter die Haut pflanzen lassen"

Ein Gespräch mit dem Trend- und Zukunftsforscher Eike Wenzel über verlorengegangene Gewissheiten, neoliberales Delirium, Informations-Tsunami und warum sich so viele Menschen abgehängt fühlen.

baugerüst: Noch vor einer Generation wuchsen die Jugendlichen mit der Gewissheit auf, dass die Zukunft besser werden wird als die Gegenwart. Ist diese Gewissheit heute verloren gegangen?

Wenzel: In den kommenden Jahren wird sich die globalisierte Gesellschaft so rasant verändern wie lange nicht mehr und dabei gehen natürlich auch liebgewordene Gewissheiten verloren. Obwohl wir früher alle an die Segnungen dieser neoliberalen Wirtschaftsform geglaubt haben, werden wir den Prozess der Globalisierung anders gestalten müssen, wenn es in Zukunft gut gehen soll. Wir gehen immer weiter in Richtung einer Ungleichheitsgesellschaft. Und das hat Konsequenzen.

baugerüst: Viele Menschen haben kein Vertrauen mehr in diese Art des Wirtschaftens.

Wenzel: Ja, sie fühlen sich abgehängt und die Folge ist, dass mittlerweile bei manchen gesellschaftlichen Gruppen mangelnde Bildung oder auch gesundheitlich Probleme vererbt werden. Eigentlich war das alles schon vor Jahren absehbar.
Für die Zukunft müssen wir die Themen Nachhaltigkeit, Ungleichheit und die Klimaziele auf die Tagesordnung setzen. Nur wenn wir diese Probleme gleichzeitig anpacken, werden unsere Kinder wieder Vertrauen in die Zukunft gewinnen und damit auch wieder Gewissheit.

baugerüst: Was macht denn das Ende der Gewissheit mit den Menschen selber?

Wenzel: Ende der Neunzigerjahre waren alle in diesem neoliberalen Delirium und fragten wofür brauchen wir Gewerkschaften, wozu brauchen wir Betriebsräte wozu brauchen wir Sozialgesetzgebung? Auch ich habe als Wirtschaftsjournalist in diese Richtung geschrieben, weil wir der Meinung waren, vieles läuft sehr langsam in festen Gewohnheiten, nichts geht voran, alles ist eingefahren. Von daher hatten die neoliberalen Gedanken durchaus eine gewisse Berechtigung. Aber heute, zehn, fünfzehn Jahre später merken wir, dass viele Leute in diesem Land sich in sozialer und ökonomischer Hinsicht als Verlierer sehen und sich abgehängt fühlen.

baugerüst: Wir wollen mit diesem Heft zehn Zukunftsthemen in den Fokus nehmen. Dabei fragen wir auch, wie sich die Kommunikation zukünftig verändern wird.

Wenzel: Die Kommunikation hat sich in den letzten fünf Jahren für Jugendliche dramatisch verändert. Gerade merken wir, wie hormon- und gefühlsgesteuert die Kommunikation in den sozialen Medien abläuft.

baugerüst: Wo macht sich das noch bemerkbar?

Wenzel: Wir merken im Zusammenhang von Nachricht und Wahrhaftigkeit, von Nachricht und Authentizität, dass da nicht mehr das Label drauf steht: das kannst du glauben. Es gibt nicht mehr das Vertrauen in die klassischen Gatekeeper der Information wie Qualitätszeitung oder Tagesschau.

baugerüst: Jugendliche wachsen heute mit der Einstellung auf, dass im Netz alles zu finden sei und dass es diese Informationen umsonst gibt.

Wenzel: Ja, sie messen dem Netz eine relativ hohe Glaubwürdigkeit zu und fragen, warum es noch journalistische Aufarbeitung oder Kommentierung braucht, wenn man die Nachrichten auch von den eigenen Freunden über die sozialen Netzwerke bekommen kann.

baugerüst: Viele nehmen dies aber gar nicht als Problem wahr ...

Wenzel: ... und geraten in diesen Informations-Tsunami den die sozialen Medien erzeugen und sind dann nicht in der Lage, die dort gebotenen Informationen oder Meinungen richtig zuzuordnen. Wenn wir heute über Begriffe wie postfaktisch reden, dann hat das etwas damit zu tun. Jeder kann irgendetwas behaupten, es finden sich dann schon einige, die diese Ansicht teilen.

baugerüst: Die Idee der uneingeschränkten Kommunikation war mal von der Hoffnung des gleichberechtigten Austausches getragen.

Wenzel: Schon richtig, aber heute erleben wir eben auch das Gegenteil: Falschmeldungen, Lügen, verzerrte Berichterstattung.

baugerüst: Sie sprachen von mangelnder Orientierung. Wer könnte denn zukünftig so etwas anbieten?

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Autorinnen und Autoren

Dr. phil. Galia Assadi, Nürnberg
Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Dr. Hans-Jürgen Benedict, Hamburg
Professor em.

Dr. Karlheinz Brandenburg,
Ilmenau
Professor

Johannes Dolderer
, Freiburg
Bildungsreferent für Gemeinwohl-Ökonomie

Dr. Benjamin Heimerl, Eppstein
Diplom-Politologe

Peter Herrfurth, Magdeburg
Landesjugendpfarrer der EKM

Dr. Heiner Keupp, München
Professor em.  für Sozialpsychologie der Universität München

Dr. Ulrich H.J. Körtner, Wien
Professor an der Universität Wien

Hanna Lorenzen, Berlin
Bundestutorin bei Evang. Trägergruppe für
gesellschaftspolitische Jugendbildung

Dr. Arne Manzeschke, Nürnberg
Professor Evangelische Hochschule Nürnberg

Jana Maire, Berlin
Projektmanagerin beim iRights.Lab

Felix Neumann, Bonn
Social-Media-Redakteur

Dr. Ralf Ptak, Hamburg
Dipl. Sozialökonom

Dr. Ruben Quaas, Berlin
Referent Brot für die Welt

Dr. Hubertus Schröer, München
Institut - Interkulturelle Qualitätsentwicklung

Dr. Eike Wenzel, Heidelberg
Trendforscher und Publizist

Dr. Kathrin Winkler, Nürnberg
Professorin Evangelische Hochschule Nürnberg

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