das baugerüst 2/16 Jugendarbeit im Verband

 

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Inhalt

  • forum
    Torsten Pappert: Mehr Beteiligungskultur!

    Benjamin Heimerl: Jugend und Ehrenamt
    Moderne Formen der Beteiligung

    Volker Napiletzki: Unbequem, unverzichtbar, unbezahlbar wertvoll!
    Evangelische Jugendarbeit im Jugendverband

    Reinhold Ostermann: Gemeindeentwicklung und Jugendverband
    Ein integrales Konzept

    Michael Schradi: Jeder nur seines Glückes Schmied?
    Ein Plädoyer für Jugendverbandsarbeit in Zeiten des Neoliberalismus

    Politik und die Jugendverbände
    Stellungnahmen von
    Sönke Rix (SPD) ,
    Marcus Weinberg (CDU),
    Norbert Müller (DIE LINKE)

    Marc di Pancrazio: Frischer Wind
    
    Mutmaßungen über die Frage wie politisch ein Jugendverband sein darf

  • Rezensionen

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Wolfgang Noack: Eine alte, neue Debatte

„Zweifellos steht es 1:0 für die nichtorganisierte Jugend“, schreibt der Hamburger Landesjugendpfarrer und spätere Bischof der Nordelbischen Evangelischen Kirche in Heft 1 des Jahrgangs 1950 der Zeitschrift das baugerüst.
„Wir sind zunächst einigermaßen ratlos angesichts der Statistik. (....) Es ist immer nur ein Fünftel der jungen Menschen, das bei den Jugendbehörden als organisiert registriert ist.“

Hans Otto Wölber, der auch Leiter des von der EKD eingerichteten „Studienkurses für evangelische Jugendarbeit“ wurde, analysiert weiter: „Wir sind sodann einigermaßen ratlos in der Frage, nach dem Stil, in dem Jugendarbeit gemacht werden soll. Es wird zwar ein wenig experimentiert, aber die Antwort auf die Lebensfrage jugendlicher Gestaltung bleibt verborgen.“

„Auf dem Boden der evangelischen Jugend sind wir an dieser Stelle besonders ratlos. Ein Großteil unserer Arbeit geschah nicht eigentlich organisiert, sondern in der Form der losen Gruppen der Gemeindejugend.“

Dann folgt die Frage, die seit 1950 in vielen Konferenzen und Konzeptionsdebatten gestellt wurde: „Stehen wir am Ende der Jugendorganisationen? Werden wir durch eine völlige Wandlung der uns vor Augen stehenden Formen hindurch müssen?“

Der Analyse schließt sich in diesem Artikel eine Reihe von Vorschlägen an, die nicht mehr so ganz in die heutige Zeit passen, ehe Wölber zum Schluss kommt: „Was wir zu ändern haben, ist also nicht die Jugend oder die Jugendorganisationen. Da werden wir es richtig machen - oder es werden uns die Felle wegschwimmen. Was wir zu ändern hätten, ist das Bild, das wir von uns selbst als Jugendleiter haben (hier meinte er die Hauptberuflichen. Anm. Red.).
Wir wollen uns sehr ermutigen zum Experiment. Wir sollten vielleicht die besonderen Chancen erkennen, die wir uns mit der bisherigen Form der losen Gruppen weitgehend in der evangelischen Jugend bewahrt haben. Wir vertuen sie, wenn wir nun nicht mutig zu neuer Gestaltung schreiten.“

Mehr als ein halbes Jahrhundert und etliche Jugendarbeitsgenerationen später, steht die Arbeit in diesem kirchlichen Verband vor ganz ähnlichen Fragen, aber das Ende der Jugendorganisationen ist immer noch nicht erreicht.

Auch wenn weiterhin Millionen von Kindern und Jugendlichen in diesem Land die Angebote der über 200 Jugendverbände und Jugendorganisationen wahrnehmen, ist es richtig und notwendig, sich einigen Fragen zu stellen: Wie wollen Kinder und Jugendliche heute ihre Freizeit verbringen, auch angesichts verdichteter Schulzeit? Welcher Organisationsformen bedarf es dazu? Passen Beteiligungs- und Gremienkultur der Verbände zum Lebensgefühl junger Menschen? Wie kann in temporären oder projektbezogenen Angeboten Partizipation gewährleistet werden?
Für die Evangelische Jugend kommen noch ein paar Themen hinzu: Die Spannung, die sich aus den Polen selbstständiger Jugendverband und kirchliche Nachwuchsorganisation ergibt. Oder die Tatsache, dass in der Praxis sich Konfirmandenarbeit  und Jugendarbeit annähern (manche sagen auch ersetzen) - was der reinen Lehre der Jugendverbandsarbeit widerspricht, sind doch Freiwilligkeit und Partizipation nicht geborene Elemente dieser kirchlichen Kasualie.

Und es kommt noch eine Perspektive hinzu, wenn über Jugendverbandsarbeit diskutiert wird. Als nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die verbotenen oder gleichgeschalteten Jugendverbände ihre Arbeit wieder aufnahmen, förderten dies die alliierten Siegermächte. Insbesondere die Amerikaner erhofften sich von dieser Arbeit Unterstützung für die noch junge Demokratie. Diese Rechnung ging auf. Es waren die Jugendverbände, die sich für Versöhnung mit Israel und Polen engagierten, die die weltweite Gerechtigkeit in den Blick nahmen oder Frieden (Wiederbewaffnung), Ökologie oder Europa auf die Tagesordnung setzten. Die Jugendverbände haben viel zur demokratischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland beigetragen und Debatten angestoßen. Das soll und muss so bleiben!

Die Jugendarbeit im Verband wird derzeit an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlicher Motivation diskutiert. Aus diesem Grund hat sich die baugerüst-Redaktion entschlossen, nach 2006 (Heft 3), 2007 (Heft 1), 2010 (Heft 1) und 2013 (Heft 2) zu diesem Thema wieder ein Heft zusammenzustellen. Die Autorinnen und Autoren führen eine kritische Debatte über die Jugendverbandsarbeit in dieser Ausgabe. Und wenn Otto Wölber, der Vordenker der Evangelischen Jugendarbeit 1950 in seinem Beitrag zu dem Schluss kommt: „Wir wollen uns sehr ermutigen zum Experiment“, dann klingt das heute in dem Beitrag des aej-Generalsekretärs Mike Corsa ganz ähnlich, der am Ende des Standpunktes schreibt, Jugendarbeit ist ein „eigenwilliges Feld für die experimentelle Suche nach Zukunftswegen“.

Während ich diese Zeilen schreibe, titelt Spiegel online „Ganztagsschulen machen Schüler netter - aber nicht besser“ und berichtet über eine Studie, die zu dem Schluss kommt: Ganztagsschulen verbessern das Sozialverhalten von Schülern, aber nicht deren Leistungen. Bravo! Hauptsache der Kopf wird voll, das ganze Sozialgedöns ist zweitrangig. Wenn das keine Steilvorlage für die außerschulische Bildung ist, bei der der ganze Mensch schon immer im Mittelpunkt steht.

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Ute Sparschuh: Ewiges Sterben, ewiges Leben

Eine Hommage an den Jugendverband

Bedeutungsverlust von Identität- stiftenden Organisationen


Sinkende (feste) Mitgliederzahlen, sinkende Relevanz für den Alltag des einzelnen Mitglieds wie für die Gesellschaft: Ja, seit Jahrzehnten schleicht der Bedeutungsverlust der Gewerkschaften, Kirchen oder Kaninchenzüchtervereine – und der Jugendverbände. Die nach wie vor mit „Individualisierung“ und „Pluralisierung“ (und Kommerzialisierung) treffend beschriebene gesellschaftliche Entwicklung führte zu kleinteiliger Diversifizierung von Interessenlagen und Entideologisierung. Kapitalisten – Werktätige, Protestanten – Katholiken, Akademiker – Proleten, Hochkultur – TV, Junge - Alte….ist nicht mehr. Individuelle Identitäten sind schillernd, finden sich nur noch selten in kontinuierlichen festen Mitgliedschaften mit persönlicher Alltagsrelevanz wieder.

Selbstorganisation – Autonom an der Kandare

Nicht zuletzt mangels anderer Freizeit-, Treff- und Enagagementangebote waren die Jugendverbände seit Entstehung vor über einem Jahrhundert lange die jugendtypische „Gesellungsform“ und je nach Wertorientierung und Aktivitäten für nahezu alle sozialen und Interessenlagen vorhanden. Mehr oder weniger einem Erwachsenenverband angehörig und von ihm unterstützt oder auch (zumindest vordergründig) völlig autonom war ihnen eines gemeinsam: Selbstorganisation in dem Sinn, dass (in der Regel jugendliche und junge) Mitglieder selbst als Gruppen- und Verbandsleitung auf den verschiedenen Ebenen aktiv waren, nicht Profis. Das galt sogar für Hitlerjugend und BdM. Die Erwachsenenverbände sicherten über Mitarbeit ihrer Funktionäre in Organen und Schulungswesen die Tradition und verhinderten die Verselbstständigung formal selbstständiger Vereinigungen. Das galt auch für die FDJ und setzte sich auch im Westen nach dem Krieg fort, gefördert durch die Demokratie-Erziehungshoffnung der Alliierten und einheimischer Politiker.

Professionalisierung der Jugendarbeit
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Michael Freitag: Produktive Spannungsverhältnisse

Notwendige Widersprüche im Jugendverband

Eine biblische Perspektive

Wer zur evangelischen Jugend geht (egal aus welchem Grund), begibt sich in die Gefilde eines Jugendverbandes – dies ist zumindest die reine Lehre der Jugendverbandsdogmatik.
Dieser Sachverhalt ist allerdings den meisten der Beteiligten nicht klar: Jugendliche gehen halt in ihre Gruppe und verstehen sich dabei als Gruppenmitglieder, sie arbeiten an einem Projekt mit, sie besuchen eine Ferienfreizeit oder nehmen an Angeboten der Jugendkirche teil. Genau diese unmittelbaren Bezugsgruppen und Erfahrungsfelder bilden ihre Identifikationshaftpunkte, hier konstituiert sich ihre Zugehörigkeit. Ein Selbstbewusstsein bzw. Selbstverständnis als „Verbandsmitglieder“ entwickeln sie dabei zunächst kaum. Die allermeisten Jugendlichen wissen es noch nicht einmal, dass sie Mitglieder eines Jugendverbandes sind oder zumindest dazu erklärt werden. Das ist auch nachvollziehbar: Diese Verbandlichkeit ist zumeist völlig abstrakt und viel zu weit weg. Die Mitarbeitenden sind oft schon froh, wenn die jungen Menschen über den Horizont ihrer unmittelbaren Bezugsgruppe hinaus sich wenigstens ihrer Kirchengemeinde (damit auch der Evangelischen Kirche) und der „Evangelischen Jugend“ zugehörig fühlen. Allerdings besitzen die Mitarbeitenden selber oft auch keine verbandliche Identität und kaum Wissen über jugendverbandliche Inhalte und Strukturen. Das ist – sofern dies Hauptberufliche betrifft – durchaus fragwürdig und bedeutet auch eine Anfrage an die Ausbildung.

Es gibt Ausnahmen:
Einerseits die bisweilen bewunderten, gelegentlich auch unfairerweise belächelten „Gremienjugendlichen“. Sie exekutieren sozusagen stellvertretend für alle anderen bestimmte organisatorische und inhaltliche Vollzüge des jugendverbandlichen Wesens ihrer Jugendarbeit. Dies kostet allerdings eine Menge Energie und Ressourcen.          

Andererseits gibt es auch im Bereich der Evangelischen Jugend historisch gewachsene Verbände mit klassischen Verbandsstrukturen: die oft so genannten „Verbände eigener Prägung“ (wie das hilfsweise aber wohl notwendige Unwort heißt und solch unterschiedliche Verbandskulturen wie CVJM, EC, VCP unter ein begriffliches Dach zwingt und eine „Säule“ der aej aus ihnen macht). In diesen Verbänden existieren hohe Verbandsidentitäten der Jugendlichen, die oft hergestellt werden durch den expliziten und bewussten Eintritt in den Verband, durch konturierte Mitgliedschaften mit Mitgliedsausweisen und Mitgliedsbeiträgen sowie Verbandsinsignien (Kluft) etc.
Insgesamt aber herrscht eine große Diastase zwischen dem jugendverbandlichen Selbstanspruch auf bestimmten Ebenen und dem geringen jugendverbandlichen Selbstverständnis in der Breite evangelischer Jugendarbeit.

Das Wesen eines Jugendverbandes

Jugendverbände sind (angeblich) Gebilde der Selbstorganisation von jungen Menschen. Inhaltlich sind sie, bei aller Heterogenität, auf jeden Fall „Orte der sozialen und kulturellen Bildung, Foren der Auseinandersetzung mit Sinn- und Wertefragen, aber auch Räume der Begegnung und Geselligkeit“ (1).
Sie sind im Regelfall inhaltsbezogen und binden sich an bestimmte, wenn auch jeweils unterschiedliche Wertvorstellungen.Sie sind einerseits fach- und sachbezogen (z.B. Sportverbände, Naturverbände, Rettungsbünde, Karnevalsjugend), andererseits weltanschaulich orientiert.  Weltanschaulich orientierte Jugendverbände sind inhaltlich ihrerseits entweder politisch-gewerkschaftlich oder konfessionell verortet (2).
Jugendverbände sind somit eine bestimmte Organisationsform der Jugendarbeit mit einer definierten inhaltlich-strukturellen Aufladung, die im Rahmen gesellschaftlicher Konstellationen historisch gewachsen ist. Diese inhaltliche Aufladung wird in der Regel an Kriterien bzw. Prinzipien für Jugendverbandlichkeit gemessen.
Zur Bestimmung dessen, was einen Jugendverband ausmacht (und was demzufolge eine Jugendarbeit zum Jugendverband macht), wird zumeist eine Reihe von Kriterien/Merkmalen angeführt.    

Ich möchte im Folgenden diese Kriterien, die großenteils bekannt sind, in bestimmten Spannungsfeldern verorten.

I. Spannung: Freiwilligkeit und automatische Zugehörigkeit

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Tobias Petzoldt: Hauptberuflich jugendlich?

Grundsätze für Hauptberufliche in der
Evangelischen Jugendverbandsarbeit

Die Ausgangslage: Sehr verschieden

Die Arbeit unter dem Dach der Evangelischen Jugend, in Kirchengemeinden und Regionen, in Vereinen und Verbänden, in Gruppen und Projekten ist so vielfältig wie die Lebensäußerungen des Jugendverbandes an sich. Das zeigt sich auch in den Anstellungsverhältnissen für hauptberuflich Mitarbeitende: Ihr Arbeitgeber ist ein Verein oder eine Kirchengemeinde, sie sind für die Arbeit an einem konkreten Ort verantwortlich oder für eine ganze Region, sind für ein spezifisches Arbeitsfeld eingestellt worden oder für alles verantwortlich, arbeiten befristet und in Teilzeit oder sind vollbeschäftigt und unbefristet angestellt.

Dabei ist auch die Motivation der Mitarbeitenden sehr heterogen. Denn so wenig wie es die Jugendlichen gibt, gibt es auch die Hauptberuflichen und deren Motive, in der Evangelischen Jugend tätig zu sein: Man tut dies aus geistlicher Motivation und / oder aus (jugend-) politischer Überzeugung, man kommt über Studium und Stellenanzeigen zum ersten Mal mit evangelischer Jugendverbandsarbeit in Berührung oder war bereits als Teenager dort stark engagiert und hat nun ein Hobby zum Beruf machen können, man tut den Dienst in der Jugendarbeit gern und gut bis zur Rente oder würde bereits mit dreißig am liebsten die Stelle wechseln und weiß nicht so recht wohin.

Trotz aller Diversität in den Motivationslagen und Anstellungsverhältnissen, trotz unterschiedlicher Aufgabenschwerpunkte und regionaler Prägungen, haben sich in den letzten Jahren gültige Standards für die Arbeit Hauptberuflicher in der Evangelischen Jugend gezeigt. Sie orientieren sich  u.a. im 2010 vom Vorstand der aej beschlossenen und u.a. im „baugerüst“ 3/11 besprochenen „Kompetenzprofil für zukünftiges professionelles Handeln von Fachkräften in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit und zukünftige Anforderungen an die Aus- und Fortbildung“ (1). Darüber hinaus lassen auch aktuelle Studienergebnisse Rückschlüsse auf Art und Umfang der Begleitung junger Menschen durch Hauptberufliche im Jugendverband und in der Kirchengemeinde zu.

Vier mögliche, einander bedingende Grundhaltungen für hauptberufliches Arbeiten in der Evangelischen Jugend, wie sie auch für angehende Gemeindepädagogen und Jugendreferenten an der Evangelischen Hochschule Moritzburg gelehrt werden, sollen nachfolgend hier skizziert werden.

Zum Beispiel: Vier Grundhaltungen

Mittelpunkt: Die Zielgruppe
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„Die Jugendverbandsarbeit wird nicht verschwinden“

Gespräch mit Professor Werner Thole über die Situation der Jugendverbandsarbeit und die zukünftigen Herausforderungen der außerschulischen Bildung

baugerüst: Warum wird das Thema Jugendverband gerade jetzt so heftig diskutiert, auch intern? Steht Jugendarbeit unter einem Rechtfertigungsdruck?

Thole: Es gibt derzeit bei den Kirchen, aber auch bei Wohlfahrts- oder  Sportverbänden eine neue Aufmerksamkeit für Kindheit und Jugend. Die öffentliche Wahrnehmung der Jugendverbandsarbeit, die seit Jahrzehnten ja eine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist, erlebt in den Verbänden selber aber auch in den jeweiligen Erwachsenenorganisationen  gegenwärtig in der Tat eine Renaissance. Der demographische Wandel hat die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft auf die Agenda gesetzt, die Gesellschaft befürchtet ihre nachwachsende Generation zu verlieren und die Verbände registrieren, dass die Heranwachsenden nicht mehr automatisch den Weg zu den Jugendverbänden finden.

baugerüst: Trotzdem steht die Verbandsarbeit doch unter einem Rechtfertigungsdruck.

Thole: Das ist quasi die andere Seite der zuvor genannten Entwicklung. Die öffentliche Wahrnehmung der Jugendverbandsarbeit, überhaupt von Organisationsformen der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist seit Jahrzehnten nicht herausragend. In den öffentlichen Diskussionen spielt die Jugendverbandsarbeit keine bedeutende Rolle. Es herrscht die Meinung vor, Jugendliche organisieren sich ja doch nicht, haben kein großes Interesse an direkten Begegnungen in Gruppen und alle intergenerativen Interaktionen verlagern sich in die medialen Netzwerke.

baugerüst: Diese Wahrnehmung ist öfters zu hören.

Thole: Aber dadurch, dass sie wiederkehrend zu hören ist, wird sie nicht zutreffender. Betrachtet man die entsprechenden Studien, so lässt sich feststellen, dass ein Großteil der Kinder, der jüngeren Jugendlichen und sogar der Jugendlichen bis in das zweite Lebensjahrzehnt hinein in irgendeiner Form sich auch organisieren. Alle vorliegenden Studien - auch die aktuelleren -  zeigen, dass um die 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sich weiterhin einer vom Wir-Gefühl geprägten Gleichaltrigen-gruppe zugehörig fühlen. Und laut Selbstauskunft sind über 60 Prozent der Heranwachsenden Mitglieder in Vereinen und Verbänden. Sicherlich, die Mehrzahl ist in Sportvereinen organisiert, aber insgesamt ist der Organisationsgrad wesentlich höher als gesellschaftlich wahrgenommen wird.
baugerüst: Also kein Bedeutungsverlust?

Thole: Schaut man sich die Zahlen an, dann ist erst einmal festzustellen, dass die verbandlichen Angebote und auch die Nachfrage seitens der Kinder und Jugendlichen insgesamt nicht wesentlich zurückgegangen sind. Welche Bedeutung diese Angebote für die Heranwachsenden selber haben, ist eine ganz andere Frage. Leider gibt es nicht sehr viele Studien, die etwas zur Bedeutung der Jugendverbandsarbeit aussagen. Aus den vorhandenen Befragungen lässt sich aber die These belegen, dass die Bedeutung von Aktivitäten in einem Jugendverband für die Biografie von Kindern und Jugendlichen und für die Gestaltung des eigenen Lebens an Relevanz verloren hat.

baugerüst: Das heißt, die gesellschaftliche Bedeutung von Jugendverbandsarbeit hat abgenommen.

Thole: Erstens hat die biografische Bedeutung eines Engagements im Jugendverband abgenommen und zweitens die Bedeutung der Jugendverbandsarbeit insofern, als dass sie als wesentlicher Akteur der Artikulation von Interessen von Kindern und Jugendlichen gesellschaftlich und politisch nicht mehr adressiert wird, auch weil die Jugendverbandsarbeit im öffentlichen Raum durchgängig kaum noch präsent ist. Und das dies so ist, dafür sind auch gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich. Wir sind schon seit einiger Zeit mit einer gesellschaftlichen Entwicklung konfrontiert, bei der zentrale Bezugspunkte der kulturellen und sozialen Orientierung sich massiv verändern. Die Bedingungen über die Sozialisation in einem stabilen Herkunftsmilieu in ein vorgegebenes Werte-, Normen- und Kultursystem mit festen Regeln und Ritualen hineinzuwachsen sind implodiert. Das hat natürlich auch enorme Folgen für Organisationen, bei denen konsensuale Werte zur institutionellen Verfasstheit gehören.

baugerüst: Jugendverbände werden also nicht mehr unbedingt als die Werkstätten der Demokratie gesehen?

Thole: Ja, vielleicht kann das so formuliert werden. Nach 1945 waren die Jugendverbände als Orte auch der Herstellung von Demokratie stark gefordert, da sie sich gegenüber dem Nationalsozialismus kritisch artikulierten, auch wenn wir heute wissen, dass viele Jugendverbände diese kritische Haltung zwischen den Jahren 1933 und 1945 nicht zeigten, sich nicht nur anpassten, sondern in die Spur der nationalsozialistischen Ideologie einschwenkten und dadurch eine gesellschaftliche Aufwertung erfuhren.

baugerüst: Weil der Nationalsozialismus die Jugend gewinnen konnte?

Thole: Blicken wir kurz zurück auf das Jahrzehnt vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren ein Zeitalter der Jugend und des Aufbruchs. Jugend als Generationsphase wurde glorifiziert. Ernst Bloch beispielsweise sah in der Jugend das Zukünftige und die Hoffnung, andere entdeckten in der Jugend das noch nicht Gegenwärtige. Aber auch die Nationalsozialisten griffen das auf und glorifizierten die Jugend. Der Satz „Heute marschieren wir, morgen regieren wir“ dokumentiert dies. In der Zeit nach 1945, insbesondere dann in den 1950er Jahren knüpften die Jugendverbände an dieser Haltung aus den 20er Jahren wieder an. Ihre Politik war bestimmt von der Haltung, was damals Jugend wollte, Teilhabe am demokratischen Prozess, das ist nun in der neuen Gesellschaft nur mit uns möglich. Die Jugendverbände nahmen für sich in Anspruch und wurden auch gesellschaftlich so angesprochen, das Sprachrohr der Jugend zu sein. Jugendverbände artikulierten sich als die institutionelle Gestalt der Jugend, die nach Demokratie strebt.

baugerüst: Unterstützt wurden sie von den Alliierten, die darin einen Beitrag zum Aufbau der Demokratie sahen.

Thole: Ja, die omnipotente Idee der Jugendverbände, für die gesamte Jugend zu sprechen und sie auch zu präsentieren, paarte sich anfänglich mit den Hoffnungen der Alliierten, zumindest bis Ende der 1950er Jahre. Wie trügerisch diese Hoffnung war, zeigte sich dann mit den neuen informellen Jugendgruppen, den Halbstarkencliquen und den Existentialisten, später dann in den Lehrlingsbewegungen, den studentischen Protestbewegungen. Wiederum eine Jugendgeneration später, zu Beginn der 1970er Jahre, fand diese Stimmung, nicht nur Objekt von Verbänden, sondern Subjekt einer Idee zu sein, in der Bewegung für unabhängige Jugendzentren ein wahrnehmbares Aktivitätsfeld. Diese Bewegung war auch eine Reaktion auf die Haltung der Jugendverbände, die immer noch meinten, sie sprächen für alle Jugendlichen.

baugerüst: Das Interesse, sich zu organisieren nahm bei den Jugendlichen ab.
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Mike Corsa: Jugendverbände? Ja – immer noch und auch weiterhin

Ein Standpunkt in der Debatte

Das baugerüst stellt wieder einmal Jugendverbände und ihr Wirken zur Diskussion. Diese programmatische evangelische Zeitschrift versteht sich als eine Plattform für bedenkenswerte, grundlegende Fragen im Kontext der Gegenwart. Sie will anstößig sein, um eine Auseinandersetzung zu bewirken, um Bewusstsein zu schärfen und um Handeln herauszufordern – in der Evangelischen Jugend und darüber hinaus. Nun also Jugendverbände als ein Thema, das neu zu bedenken aufgefordert wird. Woher kommt aktuell die Frage nach dem Jugendverband?

In der fachwissenschaftlichen Debatte und in der Kinder- und Jugendpolitik brennt eher die Frage nach der Zukunft der Kinder- und Jugendarbeit. Ihr wird scheinbar die Luft abgedreht in ihrer Sandwichposition zwischen Ganztagsschule, dem Druck einer verdichteten Jugendphase und einer Vielzahl von Möglichkeiten der Vergemeinschaftung und der Gestaltung von Zeiten außerhalb der Familie und der Schule. Sie wird gedrängt zu beschreiben, warum es sie überhaupt noch geben soll, was sie leisten kann zur Unterstützung des Aufwachsens. Ihr Markenkern, mit jungen Menschen jenseits von Schule (und an der Schnittstelle) auszuhandeln, was junges Leben sein kann, wird angefragt. Natürlich steht damit auch ein wesentlicher Teil jugendverbandlicher Arbeit zur Disposition – aber nicht ihre Existenz als jugenddominierte Organisation, wie dies noch in den 1990-er Jahren gerne versucht wurde. Die Intention des baugerüsts aufgreifend, schärfe ich mal den Blick.

Evangelisch und Jugendverband

Ja, da gibt es einige sehr grundsätzliche Fragen, zwischen den ideologischen Fronten von Jugendverbandsfürsten und den Protagonisten gemeindepädagogischer Ausrichtung. Sie berühren Punkte wie Organisationsverständnis, Eigenständigkeit und Verfügung über Ressourcen sowie die Grundsatzfrage: was interessiert junge Menschen, wenn sie den Weg in die evangelischer Kinder- und Jugendarbeit finden.

Diese Fragen sind nicht neu und wurden zeitbezogen immer wieder möglichst eindeutig beantwortet (vgl.: Corsa, Gutachterliche Stellungnahme zum grundlegenden jugendverbandlichen Selbstverständnis der Evangelischen Jugend und zum Verhältnis zwischen Evangelischer Jugend und der evangelischen Kirche, 1997). Doch in der Praxis kann bei Kirchenverantwortlichen und bei hauptberuflichen Fachkräften die Gabe einer notwendig differenzierten Betrachtungsweise hinter den Anforderungen zurückbleiben. Aktuell geben beispielsweise die Verwerfungen in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) viel Anlass für schlechte Laune, weil die Konflikte über die Verfasstheit der Jugend in der Kirche und der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit  unterbinden, dass sich die Potentiale der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit zum Besten von jungen Menschen und damit auch für die evangelische Kirche entfalten können. Wieder einmal wird nicht verstanden, dass jungen Menschen ein gutes Stück Freiheit zur Selbstbestimmung zugestanden werden muss, wenn die evangelische Kirche ihnen eine tragfähige Heimat bieten will. Der ausbleibende Dialog mit den jungen Menschen in der EKBO, zumal mit denen, die diesen Dialog gerne führen würden, und die offensichtlich unzureichende Anleitung der hauptberuflichen Fachkräfte im Blick auf eine zeitgemäße evangelische Kinder- und Jugendarbeit (s.u.) ist nicht professionell, überaus ärgerlich und folgenschwer für die Zukunftsentwicklung der evangelischen Kirche. Ich kann nur immer wieder die kluge Aussage der EKD Synode von 1978 in Bethel zitieren, die von großer Kenntnis über gelingende Bedingungen für das jugendliche Heranwachsen geprägt ist: „Sie wollen auf ihre Mitverantwortung hin angesprochen werden, in ihrer wachsenden Selbständigkeit freigegeben und in ihrer Einsatzbereitschaft ernst genommen werden“. Der kleine Ausflug in die EKBO mag als ein singuläres Phänomen gesehen werden, doch zeigen die Diskussionen der letzten Jahre in einigen Landeskirchen ganz ähnliche Grundmuster – sicher nicht in immer so krass, doch mancherorts auch erst nach intensiven Interventionen abgemildert. Häufig sind andere Logiken ausschlaggebend bei Entscheidungen, die sich dann aber auf das Feld evangelische Kinder- und Jugendarbeit auswirken, ohne deren Zusammenhänge ausreichend zu berücksichtigen und ohne junge Menschen zu beteiligen. Im Kern geht es immer um eine angemessene Beteiligung junger Menschen am Geschehen in Kirche, Politik und Gesellschaft – Jugendverbände sind dazu ein bewährtes, gut organisiertes Mittel.

Dessen bewusst kann man nur begrüßen, dass das baugerüst die Frage nach Jugendverbänden im evangelischen Kontext aufgreift und zur Diskussion der Bedeutung ihrer Verfasstheit und ihrer Arbeit aufruft. Die Erfahrungen mit dem ersten Durchlauf des bundesweiten Fortbildungskurses für hauptberufliche Mitarbeiter*innen „Evangelische Kinder- und Jugendpolitik mit Wirkung“ haben gezeigt, wie wichtig es auch im laufenden Betrieb noch ist, Grundlagen über evangelische Kinder- und Jugendarbeit als Jugendverband und kirchliches Handlungsfeld zu vermitteln. Es scheint wirklich notwendig, jugendverbandliche Funktion und jugendverbandliches Funktionieren im evangelischen Rahmen aufzuzeigen und zu überprüfen, welche Wandlungsprozesse die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse in der Jugendverbandsarbeit ausgelöst haben.

Evangelische Jugend (verbandsarbeit) – halten wir fest:

  • Alles Wirken und Handeln, das sich mit evangelischer Kinder- und Jugendarbeit fassen lässt, ist Ausdruck des Jugendverbands „Evangelische Jugend“. Das begründet sich in den folgenden zwei Bezügen:

    Zum einen entsteht evangelische Kinder- und Jugendarbeit nur, wenn junge Menschen die Angebote maßgeblich mitbestimmen können. Sie kommen freiwillig und haben Alternativen, die freiverfügbare Zeit zu gestalten - heute auch an entlegenen Orten. Sie sind nicht auf Angebote der Evangelischen Jugend angewiesen. Also müssen diese sich als gestaltbar und für den Einzelnen als interessant und relevant erweisen. Es ist deshalb richtig, dass Kinder- und Jugendliche nicht nur die einzelnen von ihnen genutzten Angebote mitgestalten. Die Wirkung evangelischer Kinder- und Jugendarbeit wird maßgeblich erweitert, wenn die gesamte Ausrichtung der Arbeit kontinuierlich von jungen Menschen mitgestaltet wird – Kern eines jugendverbandlichen Selbstverständnisses. Das ist Jugendverband.

    Zum anderen gelten Organisation und Formen der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit in der sozialwissenschaftlichen Betrachtung und förderpolitisch als Angebote in jugendverbandliche Strukturen. Sie werden auch förderpolitisch entsprechend zugeordnet. Kurz: Alles was die Evangelische Jugend tut ist evangelische Kinder- und Jugendarbeit und umgekehrt.
  • Die Evangelische Jugend ist gleichzeitig ein Forum von Kindern- und Jugendlichen. Sie ist eine Artikulationsplattform für die Sichtweisen und Interessen der nachwachsenden Generation in der Kirche, in der Politik und in der Gesellschaft. Hier agieren junge Menschen ohne Bevormundung durch kirchliche Verantwortungsträger und Vorgaben von Politik im Rahmen der Grundlagen der Evangelischen Jugend. Sie schafft als dauerhafte eigenständige Struktur systematisch Zugänge in die Erwachsenenwelt und ihre Entscheidungszentren. Das ist Jugendverband.
  • In der Geschichte der Jugendverbände haben sich viele von ihnen zu Nachwuchsorganisationen von zivilgesellschaftlichen Verbänden und Organisationen entwickelt. Für die evangelischen Kirchen gilt dies ebenfalls. Die Evangelische Jugend ist heute neben der Konfirmandenarbeit und neben der Studierendenarbeit eine zentrale Säule des kirchlichen Nachwuchses. Bewerten Nutzer*innen die Angebote der Evangelischen Jugend und ihre Erlebnisse positiv, vermittelt die Praxis der Evangelischen Jugend jungen Menschen die Relevanz des Glaubens für ihr Leben, dann können dort tragfähige Bindungen an die evangelische Kirche entstehen. Auch das ist Jugendverband.
  • Evangelische Jugend bietet in vielfältiger Weise Anlässe und Möglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement. Junge Menschen übernehmen dabei in unterschiedlicher Form Verantwortung für sich und andere („Jugend führt Jugend“). Sie organisieren Gruppenprozesse, planen, organisieren Projekte, Veranstaltungen und Ferienfreizeiten und führen sie durch. Sie wachsen durch die Verantwortungsübernahme für Tätigkeiten in die Organisation, lernen, ihre persönlichen Interessen und die jeweiligen Anforderungen ihrer Tätigkeit zu vertreten und ggf. gegen andere Interessen und andere Verantwortungsbereiche zu behaupten. Diese Engagementpraxis der Evangelischen Jugend ist ein Erfahrungsfeld für eine gelingende eigenverantwortliche Lebensführung, für eine demokratische Lebensgestaltung und für dauerhaftes gesellschaftliches Engagement. Das ist Jugendverband.


Die Wirksamkeit Evangelischer Jugend hat Vorgaben:

  • Sie benötigt einen organisatorischen Rahmen, der abgesichert ist. Wie im Sozialgesetzbuch (§§ 11 u. 12 SGB VIII) müssen im Rechtswerk der evangelischen Kirchen die Grundlagen der eigenständigen Organisation im Rahmen der Kirche beschrieben und gesichert werden. Will Evangelische Jugend wirksam sein, kann sie nicht von der zufälligen Zustimmung bei Wohlverhalten abhängig sein.
  • Sie muss teilhaben können an den Ressourcen von Kirche und Staat. Dafür benötigt sie eine eigenständige Verankerung im Finanzwesen der evangelischen Kirchen. Die zur Verfügung gestellten Finanzmittel müssen von der Evangelischen Jugend gesteuert werden können.
  • Die Evangelische Jugend benötigt hauptberufliche Fachkräfte. Ihre Aufgabe ist, die Rahmenbedingungen zu sichern, junge Menschen zu unterstützen und Impulse für die Auseinandersetzung mit Gott und den Fragen der Welt zu geben.


Wie sieht es mit Realität aus?

Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht und geschieht sicher auch in anderen Beiträgen dieser Ausgabe des baugerüsts. Zunächst ist zu sagen, dass immer noch eine beträchtliche Zahl von jungen Menschen die Angebote der Evangelischen Jugend nutzen und mit ihrem freiwilligen, ehrenamtlichen Engagement die überwiegende Mehrzahl der Angebote ermöglichen. Das zeigen die Daten der bundesweiten Statistikerhebung (http://www.evangelische-jugend.de/statistik) und Einzelstudien (Ilg u.a.: Jugend zählt, 2014). Etwas zurückhaltender fällt die Beschreibung bei folgenden Punkten aus:

  • Die Beteiligung von älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Gremienstruktur, dem Rückgrat der Evangelischen Jugend, könnte als rückläufig bezeichnet werden. Schwerpunkt des Engagements ist der örtliche Kontext im Rahmen von Aktivitäten und örtlichen Beteiligungsformen / Gremienstrukturen. Für übergeordnete Gremien muss vermehrt geworben werden.
  • Die aej-Studie „Jugend im Verband“ und das damit verbundene Praxisentwicklungsprojekt mit Mitgliedern der aej haben gezeigt, dass die Evangelische Jugend ein Beteiligungsdefizit zu haben scheint. Überwiegend können jugendliche Mitarbeiter*innen und junge Erwachsene mitgestalten – hauptsächlich aus bildungsorientierten gesellschaftlichen Kreisen, weniger die Kinder und Jugendliche, die die Angebote nutzen. Auf überregionaler Ebene sind in der Regel nur im Delegationsprinzip Ehrenamtliche beteiligt. Dies kann zu einer „Familiarisierung“ führen, wie dies in der Wissenschaft bezeichnet wird – man trifft sich im Kreis der Gleichgesinnten und vertritt die eigenen Sichtweisen als die Verbandsposition. Die Diskrepanz zwischen der Sichtweise der Auserwählten und der vielfältigen Realität der Evangelischen Jugend kann zu unnötigen Selbstbeschränkungen schlechtestenfalls zu Fehlentscheidungen führen, die der verbandlichen Realität nicht mehr angemessen sind.
  • Die Organisationsstrukturen auf überörtlicher Ebene und im Bundeskontext befinden sich in Veränderung. Erhöhte administrative Anforderungen, der Zwang, die Arbeit durch zusätzliche Drittmittel mit sehr unterschiedlichen Förderbedingungen abzusichern, die Notwendigkeit, kirchliche und gesellschaftliche Herausforderungen über eigenständige, drittmittelgeförderte Projekte zu bearbeiten, die Übernahme von zusätzlichen Aufgaben an der Schnittstelle zur Kinder- und Jugendarbeit können Veränderungen in der Rechtsträgerstruktur notwendig machen.
  • Die Praxis zeigt, dass hauptberufliche Fachkräfte für ihre Professionalität mehr Wissen über ihre spezifische Funktion im Jugendverband zwischen ehrenamtlichen Mitarbeiter(inne)n, Kindern und Jugendlichen sowie den evangelischen Kirchen und der Politik benötigen. Kurz gesagt: Die Tatsache, dass professionelles Handeln in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit weniger ein spielpädagogischer Job sondern eine breitgefächerte Managementaufgabe (Personen, Engagement, Finanzen, Netzwerke, pädagogische Prozesse) mit christlich-evangelischer Führung (mit der Aufgabe, das Evangelium kommunizieren zu können) ist, scheint die Ausbildung und die Praxis noch nicht ausreichend durchdrungen zu haben.
  • Wie oben dargestellt, scheinen die Gelingensbedingungen für die Evangelische Jugend nicht (mehr) überall in der verfassten Kirche ausreichend verstanden zu werden.

Ausblick

Jugendverbände wie die Evangelische Jugend werden nicht überflüssig. Sie sind und bleiben eine einzigartige und systematische Vergemeinschaftungsstruktur für junge Menschen, um ihre Interessen zusammen mit Gleichaltrigen zu artikulieren und zu vertreten. Für Kirche, Politik und Gesellschaft bleiben sie als systematische und organisierte Struktur ein wichtiger Zugang zur jungen Generation und ein notwendiger Gesprächspartner. Sie geben der jungen Generation ein Gesicht und sind ein Ort, wo Jugend stattfindet – freiwillig, eigenwillig und auch unbequem.

Nicht zu unterschätzen ist das Engagement junger Menschen in den verbandlichen Strukturen für die Stabilität der demokratischen Gesellschaft und ihrer etablierten Organisationen. Sie erfahren dabei die Funktion und das Funktionieren von demokratischer Organisation und der Organisation der Demokratie. In einer Zeit der wachsenden Distanz zur verfassten Demokratie wächst die Bedeutung dieser Funktion von Jugendverbänden. Deshalb fördern Kommunalpolitiker*innen, Regierungen und Parlamente der Länder und des Bundes unabhängig von der politischen Farbe und Provenienz sie immer - manchmal mit knirschenden Zähnen.

Eine wichtige Aufgabe haben Jugendverbände über die Plattform von Kinder- und Jugendinteressen hinaus: die Kinder- und Jugendarbeit braucht mehr Orte der fachlichen Auseinandersetzung und mehr politische Vertretung – aus meiner Sicht eine zentrale Aufgabe für Jugendverbände und Jugendringe, die es zu stärken gilt. Seit Jahren werden Freiräume für junge Menschen beschnitten und anderen Interessen geopfert. Auch der Bestand von Kinder- und Jugendarbeit ist gefährdet – damit würde jungen Menschen ein eigenwilliges Feld für die experimentelle Suche nach Zukunftswegen verloren gehen. 

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Torsten Pappert: Mehr Beteiligungskultur!

Die Evangelische Jugend Hannover braucht eine neue Internetpräsenz. Stadtjugenddienst und die Jugendkirche sollen auf der Website auch zu finden sein. „Jung und frisch“ soll die Homepage werden. Ein Hingucker. Der erste Anlauf: Agentur. Kick-Off, um erste Leitlinien festzulegen. Den beteiligten Ehrenamtlichen ist die Gestaltung besonders wichtig, den beruflich Tätigen eine große Transparenz ihrer Arbeit. Die Agentur stellt einen ersten Entwurf vor. Die aktiven Ehrenamtlichen aus der Jugendarbeit sind entsetzt: Die Seite, so ihr Eindruck, bediene eine innerkirchliche Öffentlichkeit in Entscheidungsgremien, wirkt wie ein Arbeitsnachweis für die Beruflichen. Sie selber fühlen sich und ihr kirchliches Engagement schlecht repräsentiert, Freunde würden sie darauf nicht hinweisen wollen. Nach einem Eklat nehmen sie die Seite selbst in die Hand.

Szenenwechsel. Der Stadtjugendkonvent bei der Finanzsitzung. Listen mit Anträgen auf Pasuschalmittel. Eine Kirchengemeinde hat einen Zuschuss für die Renovierung des Jugendkellers beantragt. Es wird kontrovers. Eine Ehrenamtliche aus dem Finanzausschuss weiß, dass Baumaßnahmen nicht „förderungsfähig“ seien. Ein Delegierter aus der Nachbargemeinde schlägt vor, das trotzdem durchzuwinken, weil hier engagierte Jugendliche etwas machen wollen und das unterstützt werden solle. Die gute Hälfte der Anwesenden beteiligt sich nicht. Einige sind da, weil Anträge nur besprochen werden, wenn eine Delegierte aus der entsprechenden Gemeinde beim Finanzkonvent anwesend ist. Einige sollen im Rahmen ihrer Juleica-Schulung kennen lernen, dass Jugendarbeit auch Gremienarbeit ist. Sie wirken fast deplatziert neben den „Alten“ und „Erfahrenen“. Am Ende wird der Antrag auf Renovierungsmittel aus formalen Gründen abgelehnt.

Zwei Beispiele zwischen Gremien und Leben der Evang. Jugend einer westdeutschen Großstadt. Sie zeigen etwas Symptomatisches für die kirchliche Jugendverbandsarbeit und die Gesellschaft überhaupt.

Formale Beteiligung – nahezu flächendeckend – krisenhaft


Das betrifft den Nachwuchs für Gremien, Kirchenvorstände, Wahlen, Verbände, Parteien. Es ist schwierig geworden für Systeme, die voraussetzen, dass man sich an die Gepflogenheiten und Regeln, an die Systemkultur anzupassen hat.

Auf der anderen Seite boomt nahezu jede Art informeller Beteiligung: Foren, Campact, Community-Posts, diskussions- und aktionsförmige Beteiligungsformate. Mit den Piraten funkte das sogar mal (kurz) als politisches Projekt auf: Beteiligung an Diskussions- und Entscheidungsprozessen ohne jahrelanges Parteisoldatentum.

In der Evangelischen Jugend zeigt die Lage ein gemischtes Bild. Da gibt es Gegenden mit funktionierenden Gremien im Jugendverband, aber ohne nennenswerte Jugendarbeit durch den Verband. Und dann gibt es auch Aktivposten, wo immer etwas los ist und vielfältig junge Menschen Kirche gestalten, dafür laufen die Gremien nicht. Dann gibt es auch noch beides – in fast geisterhafter Koexistenz: Ich tu dir nichts, solange du mich in Ruhe lässt. Und schließlich gibt es Orte, an denen beides nicht nur nebeneinander, sondern auch ineinander übergeht. Es scheint Bedingungen für das Gelingen zu geben. Darauf werde ich zurückkommen.

Umbrüche
......

Weiterlesen in Heft 2/16

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Autorinnen und Autoren

Mike Corsa, Hannover
Generalsekretär der aej

Michael Freitag, Hannover
Grundsatzreferent bei der aej

Silke Gütlich, Schwerte
Referentin für Grundsatzfragen

Benjamin Heimerl
, Eppstein
Dipl. Politologe

Roland Mecklenburg, Düsseldorf
Referent für Politische Bildung und Jugendpolitik

Gottfried Müller, Karlsruhe
Oberkirchenrat und Jugenddezernent

Norbert Müller, Berlin
Jugendpolitischer Sprecher Fraktion DIE LINKE

Volker Napiletzki, Bad Tölz
Dekanatsjugendreferent

Reinhold Ostermann
, Nürnberg
Konzeptionsreferent

Marc di Pancrazio, Darmstadt
Geschäftsführung des LV der Evang. Jugend in Hessen

Torsten Pappert, Hannover
Stadtjugendpastor

Tobias Petzoldt, Moritzburg
Dozent für Bildungsarbeit

Sönke Rix, Berlin
Jugendpolitischer Sprecher SPD Fraktion

Michael Schradi, Stuttgart
Bildungsreferent

Dr. Ute Sparschuh,
Düsseldorf
Grundsatzreferentin

Dr. Werner Thole, Kassel
Professor

Marcus Weinberg
, Berlin
Jugendpolitischer Sprecher CDU/CSU Fraktion


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