das baugerüst 4/17

Glauben weitergeben

 

Heft bestellen

nach oben

Inhalt

  • Materalhinweise

nach oben

Wolfgang Noack: Woran glaubst du?

Zur Themenwoche „Woran glaubst du?“ hat die ARD im Juni den Credomat * ins Netz gestellt. 74 Fragen mussten beantwortet werden und dann erfuhr man, ob man mehr oder weniger an Gott , an ein höheres Wesen oder lieber an sich selbst  glaubt und ob einem die gesellschaftliche Verantwortung oder die Kraft der Gemeinschaft wichtig sind. Man kann aber auch mit dem Credomaten spielen und die Fragen so beantworten, dass einem Gott und die Gemeinschaft völlig gleichgültig sind oder aber dass man als engagierter und kirchentreuer Mensch zertifiziert wird.

Objektiver sind da die Zahlen, die Emnid für die Themenwoche veröffentlichte. Auf die Frage „Welche Bedeutung haben Religion und Glauben für Sie? antwortete etwa ein Drittel der Deutschen eine „große“ oder „sehr große Bedeutung“, für 27 Prozent der Deutschen hat Religion und Glaube hingegen „gar keine Bedeutung“. Der Rest misst diesem Thema eher eine geringe Bedeutung zu.

Für die aktuelle Mitgliedschaftsstudie der EKD wurden erstmals auch ehemalige evangelische Kirchenmitglieder nach ihren Austrittsgründen befragt. Am häufigsten wurden hier genannt: die Kirche sei „unglaubwürdig“, man habe gemerkt, dass man „keine Religion fürs Leben brauche“, dass man „mit Glauben nichts anfangen“ könne und dass der „Glauben nicht in eine moderne Gesellschaft passe“.

„Vom Schrumpfen religiöser Milieus und dem Rückgang religiöser Sozialisation“ spricht der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel, einer der Autoren der EKD Studie. Von Entkirchlichung, von Traditionsverlust des Christentums und Bedeutungsverlust der Religion ist die Rede. Wenn Eltern „mit dem Glauben nichts mehr anfangen“ können, haben Kinder und Jugendliche auch keine die Chance, sich damit auseinander zu setzen. „Es gibt eine Mode“ sagt Fulbert Steffensky in dem baugerüst-Gespräch (S. 30ff), „die Grundfragen an das Leben nicht mehr zu stellen“.

Auf diesem Hintergrund ist die vorliegende Ausgabe des baugerüsts entstanden. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Religion (Schweitzer) und wenn das Elternhaus diesen Kontakt nicht (mehr) gewährleisten kann, bedarf es anderer Wege. Wie diese aussehen können und was das für die Konzeption der Angebote für Kinder und Jugendliche heißt, diskutieren die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe. 

* www.ard.de/home/themenwoche/Credomat__Glauben_im_Test/4022364/index.html


nach oben

Gert Pickel: Muss Glauben gelernt werden?

Vom Schrumpfen religiöser Milieus und dem Rückgang religiöser Sozialisation

Betrachtet man die Gegenwartsdiagnosen der Entwicklung des Religiösen in Deutschland und Europa, so dominiert in den Zahlen die Wahrnehmung einer Entkirchlichung, eines Traditionsverlustes des Christentums, eines sozialen Bedeutungsverlustes von Religion (Säkularisierung) oder gar eines weitreichenden Glaubensverlustes.(1) Zwar mag der eine oder andere Betrachter noch meinen der christliche Glaube bleibe auch erhalten, wenn es keine Institution Kirche mehr gäbe, sehr realistisch scheint dies aber anhand der bereits seit Jahrzehnten ablaufenden und nachprüfbaren Entwicklungen nicht zu sein. So wie sich die Kirchen leeren, Kirchenmitgliedschaftszahlen absinken, diffundiert auch der Glaube an Gott und die Zustimmung zu vielen Glaubensinhalten sinkt in der deutschen und den meisten europäischen Bevölkerungen. Mittelfris-​tig muss man sich vielleicht nicht mit einem vollständigen Verschwinden des Glaubens abfinden, dafür ist die Präsenz von Religion in der Gesellschaft, wie auch die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche doch noch deutlich zu verbreitet, ein Schrumpfungsprozess religiöser Milieus ist aber angesichts dieser Entwicklungen nur schwer zu leugnen. 

Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Hier könnte man viele anführen, speziell wenn man die Vielschichtigkeit der Erklärungskomponenten aus der Säkularisierungstheorie ernst nimmt. Zunehmender Wohlstand, zunehmende individuelle Mobilität, zunehmende Individualisierung, zunehmende Urbanisierung verbunden mit einer Landflucht, die zunehmende Rationalisierung des Lebens sowie eine abnehmende Bindung der Menschen an ihre Herkunftsgemeinden, sind nur einige davon. Entscheidender Schlüsselmechanismus ist in allen Varianten der Säkularisierungstheorie die religiöse Sozialisation. Und so ist es dann auch vor allem das langsame, über die Generationen zu beobachtende, Erodieren in der Weitergabe des Glaubens, welche zu den angeführten Tendenzen führt. Erst jüngst unterstrichen die Ergebnisse der V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD wieder den Befund des langsamen Schwindens der Weitergabe des Christentums an die nächste Generation.(2) So sagen nur noch 50% der 14- bis 29-Jährigen Protestanten 2012, dass sie das Gefühl haben, religiös sozialisiert worden zu sein. Dies steht im Gegensatz zu den über 65-Jähigen, wo diese Antwort noch von 80% gewählt wird. Sehr ähnlich sieht es in der gleichen Frage des Bertelsmann Religionsmonitors 2013 aus, wo der Anteil derjenigen unter den 16- bis 25-Jährigen Bürger, die sich als religiös erzogen ansehen bei gerade mal einem Viertel der Befragten in Westdeutschland und einem Achtel in Ostdeutschland liegt.(3) Diese Entwicklung drückt sich dann auch über die letzten Jahrzehnte stabil darin aus, dass je jünger die Generation der Deutschen, je geringer ist die Bindung an die Kirche, die Durchführung des persönlichen Gebetes, die selbstbekannte Religiosität und die Klarheit des Gottesglaubens.

Hinter diesen Prozessen steht keine dramatische oder wohl begründete Abwendung der Menschen vom christlichen Glauben, oder auch nur der Kirche. Vielmehr handelt es sich um einen Abbruch der religiösen Sozialisation als einem langsamen, wenn man so will schleichenden, Prozess. So ist es mehr und mehr Eltern nicht mehr so wichtig, dass ihre Kinder im Glauben erzogen werden. Wenn sie dies noch relevant finden, dann ist es zudem keinesfalls die erste oder zweite Priorität dessen, was ihr Kind erlernen sollte. Wichtiger ist ihnen, dass ihre Kinder lernen unabhängig für sich zu entscheiden, sich selbst zu verwirklichen und mit anderen Menschen solidarisch zu sein. Auch die Fähigkeiten sich im Leben zu behaupten und etwas zu erreichen, liegen klar vor dem Wunsch, dass die Kinder religiös sind. Nicht, dass man aktiv gegen eine Beschäftigung mit Religion und Glauben arbeitet, es ist einem weitgehend egal, ob Kindern dies tun oder nicht. Es ist eben deren Entscheidung. Im Gegenteil, als Elternteil hat man eher ein schlechtes Gewissen, wenn sich das Gefühl einstellt, man würde seinen Kindern Glauben quasi aufoktroyieren. Dies ist heute vor dem Hintergrund des gesellschaftlich geteilten Kanons von Selbstverwirklichung und Überwältigungsgebot kaum akzeptabel. Eine solche, doch eher zurückhaltende, Haltung zur Glaubensweitergabe hat ihre Wirkung: So empfinden die Kinder Religion bei dieser defensiven Haltung in der Vermittlung kaum als etwas für ihr Leben wichtiges. Die Eltern leben ihnen ja in den meisten Fällen (denn es gilt natürlich nicht für alle) die Nachrangigkeit des Glaubens quasi exemplarisch vor. Dies drückt sich konsequenterweise in deren Engagement hinsichtlich einer Weitergabe des Glaubens an ihre Kinder – also jetzt die Enkelkinder – aus. Dieses sinkt über die Generationen hinweg weiter kontinuierlich ab. So ist es dann auch logisch nachvollziehbar, wenn Konfessionslose selten sagen, sie haben sich bewusst gegen einen Glauben entschieden, zumeist äußern sie, „sie haben Religion einfach nicht gelernt“. Ebenfalls wundert es nicht, wenn die Antwort auf die Frage, ob es wichtig ist, dass Kinder eine religiöse Erziehung bekommen in Westdeutschland 15 Prozent und in Ostdeutschland bei mageren fünf Prozent verbleibt, während noch 28 Prozent in Westdeutschland und 12 Prozent in Ostdeutschland sich dazu bekannten eine religiöse Erziehung erhalten zu haben.(4)

Fehlende religiöse Kommunikation als Umfeld fehlender religiöser Sozialisation?

......

Weiterlesen in Heft 4/17

nach oben

Michael Domsgen: Glauben weitergeben

Dass gegenwärtig die Frage nach der Weitergabe des Glaubens neu in das Blickfeld rückt, ist durchaus bemerkenswert. Denn die darin liegende Herausforderung begleitet das Christentum, wie übrigens andere Religionen auch, seit seinen Anfängen. Immer geht es dabei darum, das, was einer Generation wichtig geworden ist, an die nächste Generation weiterzugeben. Im historischen Rückblick gibt es also Kontinuitäten und Veränderungen zugleich. Beidem soll im Folgenden nachgegangen werden.

Zu Chancen und Grenzen der Glaubensweitergabe in pädagogischer und theologischer Perspektive


Wer von der Weitergabe des Glaubens spricht, bewegt sich – pädagogisch gesprochen – im Feld von Erziehung. Die mit diesem Begriff beschriebene besondere Zuwendung zur jeweils nachfolgenden Generation gibt es seit es Menschen gibt, wurde aber erst nach und nach bewusst reflektiert, begrifflich gefasst und in eigenen Tätigkeiten ausdifferenziert. Immer jedoch geht es dabei letztlich um die Reaktion „auf das Problem von Geburt und Tod“(1). Erziehung fungiert als „Vermittlung des nichtgenetischen Erbes durch die ältere Generation an die jüngere“(2). Das, was der älteren Generation wichtig geworden ist, was sie im Leben und Sterben getragen hat, stünde in der Gefahr verloren zu gehen, wenn es nicht bewusst weitergegeben würde. Dazu kommt, dass sich die Welt, in die die jüngere Generation hineingeboren wird, nicht unmittelbar selbst erklärt. Deswegen brauchen Menschen zusätzlich zu den in ihnen angelegten „Bauplänen“ (Montessori) Impulse, um sich in Interaktion mit ihren jeweiligen Lebensbedingungen zu entwickeln. Der Glaube bildet hier keine Ausnahme. „Kein Kind kann sich einfach aus sich heraus religiös entwickeln, durch bloßes ‚Reifen’.“(3) Es braucht Impulse von außen, die seiner jeweiligen Entwicklungsphase angemessen sind. Aber auch damit ist Glaube nicht herstellbar. Vielmehr finden Menschen ihren eigenen Glauben „nur durch selbständiges ‚Entdecken’“(4), wobei sich auch dieses Entdecken letztlich der Machbarkeit entzieht, also unverfügbar bleibt. Dass Menschen ergriffen werden von der Zusage Gottes „Ich bin für dich da“ (Ex 3,16), kann letztlich nicht anerzogen werden.
Die Weitergabe des Glaubens gehört also in den Kontext von Erziehung, geht darin allerdings nicht vollständig auf. Dass die absichtsvollen Impulssetzungen auf innere Resonanz stoßen, lässt sich im Rahmen des erzieherischen Handelns nicht bewerkstelligen, ja es entzieht sich letzten Endes den damit gegebenen Möglichkeiten, ohne sie jedoch überflüssig zu machen.
Pädagogisch gesehen steht der Glaube hier in vergleichbaren Zusammenhängen wie andere Lebenshaltungen auch. Dass Menschen beispielsweise im Gegenüber eine mit unverlierbarer Würde ausgestattete Person sehen, ergibt sich nicht von selbst, ist also anzubahnen und kann zugleich nicht letztgültig hergestellt werden. Die innere Evidenz, das Einleuchten dieses Interpretationsmusters verbleibt im Feld des Unverfügbaren.
Theologisch korrespondiert eine solche Sichtweise mit dem Gedanken von Glaube als Geschenk Gottes, wie sie besonders deutlich in der Rechtfertigungslehre zum Ausdruck kommt. Sie erinnert an die Grenzen des Machbaren und kann so vor überzogenen Erwartungen im pädagogischen Feld schützen. Das vertrauensvolle Sich-Einlassen auf Gottes Zuwendung zu den Menschen ist nicht herstellbar. Hier kommen bewusst und unbewusst angestoßene Lehr- und Lernprozesse an ihre Grenzen. Allerdings können sie die „Bedingungen in Sachen Glauben“ durchaus „möglichst günstig bereiten“, „also alles, was die Inhalte und die Art und Weise des Glaubens betrifft ... Doch der Akt des Glaubens ... ist eine Sache, die sich zwischen dem gnadenhaften Geschenk Gottes und der freien Zustimmung des einzelnen Menschen im Verborgenen vollzieht.“(5) Hilfreich kann hier eine Unterscheidung sein, die auf Augustin zurückgeht. Der Glaube hat eine inhaltliche Seite „fides quae creditur“ (= der Glaube, der geglaubt wird) und eine beziehungsorientierte Seite „fides qua creditur“ (= der Glaube, mit dem geglaubt wird“). Für Ersteres sind Impulse unabdingbar. Letzteres ist nicht herstellbar. Gleichwohl gibt es Faktoren, die das vertrauensvolle Sich-Einlassen auf die Inhalte des Glaubens tendenziell begünstigen und solche, die es tendenziell erschweren.

Zur Bedeutung der Sozialisation als vorstrukturierender Faktor

....

Weiterlesen in Heft 4/17

nach oben

Uta Pohl-Patalong: "Religiöse Kommunikation" in der evangelischen Jugendarbeit

Klärungsversuche und Vorschläge

Warum „religiöse Kommunikation“ so „in“ ist

Seit einigen Jahren ist der Begriff der „religiösen Kommunikation“ in der Praktischen Theologie wie in der kirchlichen Praxis beliebt, auch im Kontext der evangelischen Jugendarbeit. Diese Attraktivität entsteht meiner Wahrnehmung nach durch mehrere Faktoren: Zum einen erhöht die gesellschaftliche Individualisierung mit ihren permanenten Entscheidungsdruck die Notwendigkeit, Produkte, Inhalte und Orientierungen auf dem „Markt“ zu plausibilisieren, damit sie gewählt werden – und Plausibilität entsteht über Kommunikation. In dieser Hinsicht unterliegt der christliche Glaube den gleichen Bedingungen wie kommerzielle Produkte. Insofern ist Kommunikation in gewisser Weise an die Stelle von Traditionen und selbstverständlichen Normen getreten, (1) die früher darüber entschieden, wie man lebt und was man glaubt. Erst recht gilt dies für Jugendliche, die zum einen Traditionen noch stärker hinterfragen als ältere Menschen und zum anderen medial-kommunikativ vernetzt aufwachsen.Diese Kommunikationsbemühungen der Kirche stehen dabei in einer besonderen Konstellation im „postsäkularen“ Kontext der Spätmoderne: Ob das gewachsene Interesse für Religion und religiöse Traditionen gerade auch bei Jugendlichen zu einer stabilen religiösen Überzeugung und erst recht, ob diese zu einer engeren Bindung an die Institution Kirche führt, ist stark von der Kommunikation mit und in der Kirche abhängig. Statt selbstverständlich eine Leitfunktion in der Gesellschaft zu beanspruchen wie vor der Moderne oder von einer wachsenden Irrelevanz auszugehen wie in der frühen Moderne, sind in der Spätmoderne seitens der Kirche Argumente und emotionale Überzeugungskraft gefragt – eben Kommunikation. Gleichzeitig hat in der innerkirchlichen Verständigung über den Charakter ihrer Arbeit der Kommunikationsbegriff in den letzten Jahrzehnten zunehmend den Verkündigungsbegriff abgelöst. Ernst Lange prägte den Begriff der „Kommunikation des Evangeliums“ bereits in den 1960er Jahren und beschrieb damit die Aufgabe der Predigt, aber auch als Aufgabe des kirchlichen Handelns insgesamt. (2) Mit dem Begriff ist programmatisch eine Abwendung von einem monologischen und am Amt orientierten Ausrichten einer vorgegebenen Botschaft verbunden und eine Wahrnehmung der am Kommunikationsprozess Beteiligten als Subjekte, was für die evangelische Jugendarbeit ohnehin konstitutiv ist. Zudem erscheint „Kommunikation“ hinreichend offen, um den reformatorischen Grundlagen der protestantischen Kirchen, die die Freiheit des Glaubens betonen, gerecht zu werden. Wird in dieser Variante mit dem Terminus „Evangelium“ der Fokus auf die christlichen Gehalte gelegt, ist der Begriff der religiösen Kommunikation noch offener, was gerade angesichts der für das Jugendalter typischen religiösen Suchbewegungen von Vorteil ist. Gleichzeitig ist er damit aber auch unbestimmter. Häufig wird in Definitionsversuchen auf Hartmut Tyrell zurückgegriffen, der betont, dass Religion deswegen immer auf kommunikative Bestätigung angewiesen ist, weil man sich des Unsichtbaren nur gemeinsam mit anderen, also kommunikativ vergewissern könne. Gleichzeitig zeichne sich religiöse Kommunikation gegenüber sonstiger Kommunikation durch einen symbolischen, metaphorischen, gleichnishaften und allegorischen Charakter aus, da das Transzendente nur in Metaphern und Gleichnissen zugänglich wird. (3) Diese grundsätzlichen Überlegungen reichen aber nicht aus, wenn man den Möglichkeiten religiöser Kommunikation mit Jugendlichen auf die Spur kommen möchte, denn diese müssen zunächst fragen, was damit genau gemeint ist. Um hier einen Klärungsversuch zu leisten, möchte ich zunächst die beiden Wortbestandteile getrennt betrachten – denn beide sind schon für sich genommen außerordentlich klärungsbedürftig.

Terminologische Klärungsversuche

Was ist Religion?

In der komplexen Debatte lassen sich zwei Grundtypen der Religionsdefinition unterscheiden. Auf der einen Seite stehen „substantielle“ Religionsdefinitionen, die inhaltlich einen Bezug auf Gott, Heiliges oder Transzendentes voraussetzen. Auf der anderen Seite stehen „funktionale“ Religionsdefinitionen, die nach der Leis-​tung von Religion für Individuum, Gesellschaft oder Kultur fragen. Religion konstruiere beispielsweise Sinn, antworte auf existenzielle Fragen und ordne unerklärliche Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang ein. Die offene funktionale Definition hat den Vorteil, nicht aus einer zu engen Perspektive über Religion im Vorwege zu urteilen, bevor man überhaupt ihre vielfältigen Formen wahrgenommen hat. Sie hat den Nachteil, dass der Religionsbegriff dann sehr weit wird und die Abgrenzung, wo Religion beginnt und endet, schwierig wird - „Religion Fußball“ ist ein prominentes Beispiels dafür.Um die Vorteile beider Zugänge möglichst groß und die Nachteile möglichst klein zu halten, schlage ich vor, beide Zugänge in einem weiten Sinne anzuwenden und die nötige Begrenzung des Gegenstandes durch ihre Kombination herzustellen. In der funktionalen Linie scheint mir der Bezug auf existenzielle Fragen, die das Fassbare und Messbare übersteigen, ein geeigneter weiter Zugang. Wenn sich dieser mit der (ebenfalls weiten) substanziellen Kategorie des Bezugs auf eine transzendente Größe verbindet (was auch religionssoziologisch gut an Niklas Luhmann anschließt), kann Religion sinnvoll von Nichtreligion unterschieden werden. Religion definiere ich also vorläufig als die Bearbeitung existenzieller Fragen im Horizont einer transzendenten Größe.

Was ist Kommunikation?

„Kommunikation“ ist ein ebenso weiter Begriff, der sowohl alltagssprachlich als auch als Fachbegriff unterschiedlicher Disziplinen gebraucht wird. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Kontexten, dass zur Kommunikation immer mindestens zwei Größen gehören, die beide immer aktiv am Kommunikationsvorgang beteiligt sind und als Subjekte angesehen werden. (4) Kommunikation beschränkt sich keinesfalls auf das gesprochene Wort und die intendierte Mitteilung, sondern findet verbal und nonverbal, intendiert und nicht intendiert, bewusst und unbewusst statt. Kommuniziert wird mit Worten, Taten, Gesten, Blicken, Symbolen, Ritualen, Atmosphären, Einrichtungen, Kleidungsstilen etc. Für Theologie und Kirche bedeutet dies, im Sinne eines religionsästhetischen Ansatzes das Spektrum intendierter und unbewusster Kommunikationen im Blick zu haben, die sie tätigt. In reformatorischer Tradition ist dabei ein besonderes Augenmerk auf Kommunikationsformen jenseits des Wortes zu legen. Kommunikation ist weiter nicht auf die Kommunikation unter Anwesenden beschränkt, sondern bedient sich vielfacher Medien. Kommunikation hat schließlich zwar in der Regel Ziele, aber das Resultat eines Kommunikationsvorgangs ist grundsätzlich offen. Es ist nicht machbar und planbar, dass die intendierten Inhalte vom Gegenüber genau so verstanden werden. (5) Erst recht gilt dies für die Kommunikation über religiöse Themen, denen eine besonders große Deutungsoffenheit eigen ist. Zudem rechnen wir christlicherseits immer mit Gott als dritter Größe im Kommunikationsvorgang – theologisch als Wirken des Geistes beschreibbar. Gleichwohl ist es nicht gleichgültig, wie kommuniziert wird – den eigenen Part kann man angemessener oder weniger angemessen gestalten. Diese Spannung scheint mir für die Kommunikationsbemühungen in der evangelischen Jugendarbeit besonders wichtig zu sein.

Und was ist religiöse Kommunikation?


....

Weiterlesen in Heft 4/17

nach oben

"Brot suchen, nicht die Steine"

Ein Gespräch mit Fulbert Steffensky über die Würde und die Schönheit des Glaubens, über Zweifel, Gnade und über Ängste der Kirchen.

baugerüst: Religion, so zeigen verschiedene Studien, habe immer weniger Bedeutung bei den Menschen, die Entkirchlichung nehme zu und die Botschaft des  Christentums wird nicht mehr weiter gegeben. Wie nehmen Sie das wahr?

Steffensky:  Das ist ja nicht zu bezweifeln. Man sieht es in der eigenen Familie, in den Schulen, bei den Studierenden, auch bei den Theologie Studierenden. Nicht nur das Wissen über Religion ist geringer, auch die Ausübung von Religion, die Praxis und die Bräuche.  Ich glaube, dass sich Religion auf Dauer nur hält, wenn sie eine ausgeübte Religion ist. Früher hatte man die Losungen, das Abend- und Morgengebet, das Tischgebet und selbstverständlich den Sonntagsgottesdienst. Wenn von Religion nur noch etwas blass Gedachtes bleibt, dann ist sie natürlich bedroht.

baugerüst: Seit Generationen gaben Menschen ihren Glauben an die Kinder weiter, erzählten die Geschichte von Moses und dem Volke Israel, von Jesus, seinem Leben und seinem Wirken. Es war eine Selbstverständlichkeit für die Menschen. Mit welcher Haltung geschah das und was ist heute anders?

Steffensky: Es war ein Horizont von stummen Selbstverständlichkeiten. Man zieht sonntags andere Kleider an, geht in die Kirche, man fastet in der Fastenzeit, man heiratet nicht im Advent und was es sonst noch alles gab. Es war ein Horizont von unhinterfragten Traditionen.

baugerüst: Man hat es einfach so gemacht.

Steffensky: Das hieß natürlich auch, der Zweifel war ausgeschlossen und die Freiheit war zumindest beschränkt. Nun will ich nicht sagen, dass das alles schlecht war, aber auf jeden Fall waren die Menschen in dieser Religiosität weniger Subjekte als sie es heute sind. Man kann nur Subjekt sein, wo man die Wahl hat, zu bleiben oder zu gehen oder es anders zu machen. Und diese Wahl haben heute Menschen.

baugerüst: Der Einzelne ist auf sich geworfen, vorher gab es einen Rahmen, ein Geländer, eine Klarheit, jetzt ist der Einzelne sich selbst überlassen. Gleichzeitig beginnt auch wieder die Suche nach Halt, weil es überfordert, alles aus sich selbst herausholen zu müssen.

Steffensky: Allein bist du klein, das gilt ja auch religiös. Aber allein ist dein Gewissen gefragt. Du musst dich entscheiden und wir können uns entscheiden. Das ist ja die Schwierigkeit, man muss sich entscheiden.

baugerüst: Die Vielzahl der Entscheidungsmöglichkeiten ist ja auch eine psychische Schwierigkeit, die mich entscheidungsschwach machen kann.

Steffensky: Wenn du tausend Optionen hast, bist du in der Gefahr, keine zu ergreifen. Ich habe ja früher immer etwas gespottet über die vielen spirituellen religiösen Landschaften und Praxen, die es gibt. Ich sage eigentlich nichts mehr dagegen. Es gibt viele Felder auf denen sich Menschen tummeln, das sind Formen der Sehnsucht.

baugerüst: Warum wenden sich Menschen ab? Tun sie dies bewusst oder ist Religion und Glaube einfach kein Thema mehr? Empfinden sie das als Befreiung oder wenden sie sich ab, weil Druck und Kontrolle nicht mehr vorhanden sind?

Steffensky: Zunächst einmal sind der Druck und die Kontrolle nicht mehr da. Es ist ein Stück Freiheit, ich kann gehen. Ich kann auch bleiben, auch das gehört zur Freiheit. Es gibt auch eine Mode, die Grundfragen an das Leben nicht mehr zu stellen. Das halte ich schon für eine Verarmung. Man kann dieser Mode heute straflos folgen. Früher war es fast undenkbar, nicht gläubig zu sein. Es gibt den ernsthaften Atheismus, den ich schätze, auch das sind meine Geschwister im Glauben und im Unglauben. Aber es gibt auch die Mode, diesen Gewohnheitsatheismus.

baugerüst: Die Menschen fragen sich, was bringt mir das, was bringt mir Glaube und Kirche für mein Leben?

Steffensky: Da haben wir in unseren eigenen Traditionen etwas versäumt. Wir haben immer gesagt, das musst du glauben, das ist der richtige Glaube und der Zweifel ist ausgeschlossen. Wir haben aber vergessen - und das ist für mich immer mehr ein Thema geworden - wir haben vergessen, die Würde und die Schönheit des Glaubens zu explizieren. Ich glaube, dass man auf Dauer nur etwas glauben kann, was man schön und charmant findet. Und das haben wir verpasst. Es gab das Muss des Glaubens, das Verbot des Zweifels und man hat sich von den eigenen Schätzen selber entfernt. Man hatte die Nüsse, aber man hatte nicht die Erlaubnis sie zu knacken.

baugerüst: Welche „Nüsse“ müssen „geknackt“ werden?

.....

Weiterlesen in Heft 4/17

nach oben

Simone Birkel: Sprechen von, mit und über Gott

Wie geht das mit Jugendlichen?

Von klein auf suchen Menschen nach Fixpunkten, an denen sie sich festmachen bzw. orientieren können: die vertrauten Bezugspersonen, feste Ordnungen durch Rituale und Orte sowie verlässliche und wiederkehrende Sprachmuster, wie sie beispielsweise durch Reime und Rhythmen vorgeben sind. Intuitiv vertrauen Kinder darauf, dass das, was benennbar ist, auch existiert und sie sich darauf verlassen können. Nichts anderes meint Religiosität: In dem Wort Religion steckt das lateinische Wort religare, das mit „rückbinden“ oder mit „sich an etwas festmachen“ übersetzt werden kann.
Was aber ist, wenn diese kindlich-verlässliche Ordnung spätestens im Jugendalter unterbrochen ist? Wenn klar wird, dass das, was beispielsweise mit Gott bezeichnet wird, eben vielleicht nicht existiert? Wenn es alles Erfindung ist? Wenn es keine Möglichkeit zu geben scheint, sich das Sprechen von Gott überhaupt leisten zu können ohne als weltfremdes Wesen abgestempelt zu werden? Wenn, wie es Erik Flügge in seinem Buch „Der Jargon der Betroffenheit“ formuliert, die kirchlichen Sprachmuster nicht mehr funktionieren und „die Kirche an ihrer Sprache verreckt“?(1)

Im hier vorliegenden Beitrag wird es in erster Linie um das Sprechen über Gott, sprich religiöse Einstellungen und Überzeugungen gehen. Das Sprechen von Gott, wird gemeinhin als Verkündigung und das Sprechen mit Gott als Gebet bezeichnet, diese beiden Komponenten stehen hier nicht im Fokus, hier geht es um die Frage, welche Voraussetzungen vorhanden sein müssen, damit religiöse Erfahrung von Jugendlichen in Sprache gebracht werden können. Wie unschwer zu erkennen, wird dazu der klassische pas-​torale Dreischritt von Sehen – Urteilen – Handeln bemüht.

Sehen:
Dimensionen von Religiosität


Bei der Frage, wie sich religiöse Erfahrung in Sprache fassen lässt, sind unterschiedliche Grundvoraussetzungen mitzubedenken. Religiöse Kommunikation gehört nach Ulrich Hemel zu einer der vier Dimensionen, die eine religiös motivierte Lebensgestaltung kennzeichnen.(2) Als Grundlage dafür braucht es zunächst einmal eine religiöse Sensibilität, also die Ermöglichung der Erfahrung, dass mein Leben in ein größeres Ganzes eingebettet ist, das sich meiner unmittelbaren Kontrolle und Eingriffsmöglichkeit entzieht. Theologisch wird dies mit dem Verweis auf die Transzendenz gekennzeichnet. Einfallstore für solche Transzendenz-Erfahrungen sind die Konfrontation mit Leid, Tod, Krankheit, aber auch positiv konnotierte Erfahrungen wie das unbedingte Angenommensein durch Freundschaft, Partnerschaft und Liebe. Dem gegenüber steht ein religiöses Ausdrucksverhalten, der Wunsch, den nicht fassbaren Empfindungen einen bestimmten Ausdruck zu verleihen. Religiös geschieht dies traditionell mit unterschiedlichen religiösen Frömmigkeitsformen wie Gebet, Wallfahrt, Meditation o.Ä., mit denen aber gerade viele jungen Menschen wenig anfangen können. Aber auch weitere Formen von Ausdrucksverhalten zeigen den Wunsch, dieser Sensibilität nach Transzendenz doch irgendetwas Gegenständliches oder Performatives entgegenzusetzen, um es an die Oberfläche zu bringen. Die Kunst und Literatur ist voller Beispiele von Versuchen, das Unbenennbare abzubilden, in Form zu bringen (vgl. auch Artikel „Bilder in der religiösen Sprache“) oder in Worte zu kleiden. Hier deutet sich eine erste Spur an, wie (nicht nur bei Jugendlichen) die Sehnsucht nach dem Unbenennbaren doch in Form gebracht werden kann, nämlich durch Kunst und Kultur.

Neben der religiösen Sensibilität und dem religiösen Ausdrucksverhalten gibt es auch noch die Achse der religiösen Inhaltlichkeit, die eng mit der der religiösen Kommunikation korrespondiert. Es sind vor allem die Inhalte, die insbesondere von jungen Menschen nicht mehr nachvollzogen werden können: Was bedeutet es beispielsweise, von der „Menschwerdung Gottes“ zu sprechen oder die „Gnade der Erlösung“ anzuführen? Solche Worthülsen werden – wenn überhaupt noch – im „Theotop“ verstanden, um ein Bild des Religionspädagogen Georg Langenhorst zu bemühen, also eine Art gut gehegtes Biotop, in dem die traditionell fest verwurzelten Gläubige gedeihen und sich verständigen können, das aber mit den faktisch vorfindbaren sonstigen Lebensräumen wenig gemein hat. (3) Die im Theotop verwendete Sprache, so Langenhorst, wird zunehmend zur aussterbenden Fremdsprache, die nicht mehr verstanden und schon gar nicht gesprochen, will heißen, praktiziert wird. Eine Suche nach Bildern, Metaphern und Ausdrücken, die die Menschen und vor allem Jugendlichen von heute verstehen, ist notwendig. Hier gilt es, die durch soziale Medien und Kommunikationsdienste geprägte Ästhetik erstens verstehen und zweitens nachvollziehen zu können. Ein Versuch geht beispielsweise dahin, die Sprache an die neuen Kommunikationsformen anzupassen: „Am siebten Tag war Gott fertig mit seinem Kreativ-Projekt, fand das Ergebnis genial und beschloss ab jetzt zu chillen.“(4) So wird beispielsweise die Kernbotschaft der ersten biblischen Schöpfungserzählung  in der „Bibel in Kurznachrichten“ zusammengefasst, mit den Schlüsselwörtern „Kreativ-Projekt“, „genial“ und „chillen“ können Jugendliche zumindest etwas assoziieren. Auch die verschiedenen Ausgaben von Jugendbibeln versuchen, das Wort Gottes neu in verstehbare Sprache zu übersetzten.

Aber sind nicht auch diese Versuche einer versteh- und nachvollziehbaren biblischen Sprache nicht doch wieder nur an die Adressat-/innen im binnenkirchlichen Raum gerichtet? Es hat den Anschein, je kleiner der Kreis religiös überzeugter Jugendlicher wird, umso mehr Literatur wird diesbezüglich auf den Markt geworfen, die Recherche bei einem bekannten Online-Buchhändler bringt beispielsweise zum Stichwort „Jugendbibel“ über 100 Einträge.

In der zuletzt 2016 durchgeführten SINUS-Jugendstudie wurde deutlich, dass bei Jugendlichen durchaus eine religiöse Sensibilität und damit ein Bedürfnis nach Sinnfindung vorhanden ist, sie diesen aber nicht mehr zwingend in kirchlich institutionalisierten Räumen suchen. Individualität und persönlicher Glaube wird für Jugendliche zunehmend wichtiger, die traditionellen Räume religiöser Kommunikation, wie beispielsweise Bibelkreise, nehmen hingegen ab. Fakt ist, dass viele Jugendliche kaum oder wenig Möglichkeiten haben, sich über religiöse Fragestellungen und Inhalte auszutauschen, religiöse Überzeugung gilt als Privatsache, die zwar toleriert wird, über die aber im privaten Raum nicht oder kaum gesprochen wird. Umso wichtiger ist es für die jugendpastorale Arbeit, neue Räume und Formen zu erschließen, in denen religiöse Kommunikation öffentlich zum Thema wird. Eine mögliche Form ist, wie oben bereits angedeutet, sich an jugendkulturellen Events zu orientieren.

....

Weiterlesen in Heft 4/17

nach oben

Florian Karcher: Herzschlag der Kirche!? Evangelisation als Kommunikation des Evangeliums

„Wenn die Kirche ein Herz hätte, ein Herz, das noch schlägt, dann würden Evangelisation und Mission den Rhythmus des Herzens der Kirche in hohem Maße bestimmen.“ (Jüngel 2001: 15)

Dieses Zitat des großen Theologen Eberhard Jüngel rückt Evangelisation in das Zentrum des Wesens der Kirche. In der Realität jedoch spielt der Begriff der Evangelisation in Kirche und Jugendarbeit eher eine Nebenrolle, in manchen Kreisen ist er sogar verpönt. Das mag vor allem daran liegen, dass Evangelisation sehr unterschiedliche Assoziationen hervorruft. Während einige dabei an große Massenveranstaltung mit feurigen Rednern und den Elementen der Manipulation und Massenpsychologie denken, erinnern sich andere eher an einen positiv besetzten Moment in der eigenen religiösen Entwicklung. Doch wenn Evangelisation für Kirche eine solch wichtige Rolle spielt, wie Jüngel es betont, dann muss mehr dahinter stecken, als mehr oder weniger gut gemachte Bekehrungsveranstaltungen. Dieser Beitrag möchte das Wesen und Anliegen von Evangelisation beleuchten und dafür werben ihr wieder einen zentralen Platz in der Kommunikation des christlichen Glaubens einzuräumen, sie zum Herzschlag von Kirche zu machen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Begegnung mit jungen Menschen.

Evangelisation ist mehr als „frommer“ Small Talk

Es gibt viele Formen der Kommunikation des Evangeliums. Innerhalb dieser vielfältigen Kommunikationsformen kommt der Evangelisation vor allem die Aufgabe zu, mit denjenigen, die die Botschaft des Evangeliums noch nicht gehört haben oder noch nicht angenommen haben, zu kommunizieren. Sie spiegelt also den tiefen Wunsch, ja das Herzensanliegen (um in Jüngels Bild zu bleiben) Gottes wieder, mit Menschen in Beziehung zu treten und folgt dem damit verbundenen Auftrag Gottes an seine Kirche. Evangelisation richtet sich also an die Noch-Nicht-Glaubenden. Sie ist in erster Linie nicht Kommunikation in die Kirche hinein, sondern sie lädt Außenstehende ein, den Glauben für sich zu prüfen. Somit ist sie zentraler Bestandteil von Mission. Mission und Evangelisation sind nämlich keineswegs gleichzusetzen, weil Mission sich auch anders ausdrücken kann, z.B. durch Diakonie. Der südafrikanische Missionswissenschaftler David Bosch formuliert es so: „Evangelisation kann definiert werden als diejenige Dimension und Aktivität der Mission der Kirche, die versucht, jeder Person an jedem Ort eine wirkliche Gelegenheit anzubieten, um unmittelbar durch das Evangelium zum expliziten Glauben herausgefordert zu werden“ (Bosch 2012: 626). So ist Evangelisation von der tiefen Sehnsucht geleitet, dass jeder und jede die Chance haben sollte eine eigene Haltung zur Botschaft des Evangeliums zu finden. Dies gilt auch und besonders für Jugendliche, deren Vorerfahrung mit Glaube völlig unterschiedlich sein kann:

Manche Jugendlichen sind im Kontext christlichen Glaubens aufgewachsen. Sie kennen die Begriffe und Geschichten, die Riten und Verhaltensmuster. Ähnlich wie die Geschichten der Märchenwelt oder die Serienhelden der Kindheit, ist der Glaube Teil ihres Alltag (gewesen), ob durch das Elternhaus oder den Kindergottesdienst. Doch ebenso wenig wie der Froschkönig oder die Biene Maja ist er nicht Teil ihrer Identität, Teil ihres Lebens im eigentlichen Sinne. Gerade in der Phase der Identitätsfindung brauchen sie eine Neukommunikation und eine Einladung den kindlichen Glauben zu reflektieren und zu überprüfen, ob Glaube Teil ihrer Identität werden darf und soll.

An manchen Jugendlichen ist das Thema Glaube „vorbeigerauscht“. Die sporadischen Kontakte, z.B. im Religionsunterricht, haben bisher zu keiner echten Auseinandersetzung geführt. Glaube und Religion waren irgendwie da, hatten jedoch keinen echten Bezug zum eigenen Leben. Für sie hat Evangelisation die Aufgabe deutlich zu machen, dass Glaube sie betrifft, etwas Persönliches ist, dass er darauf angelegt ist, sich dazu ins Verhältnis zu setzen.

Und immer mehr Jugendliche haben biografisch gesehen keine Berührungspunkte mit Glauben. Vielleicht haben sie davon gehört, dass es sowas wie Kirche gibt, aber selbst die zentralen Inhalte sind ihnen nicht bekannt. Im Osten Deutschlands sind sie sogar in der Mehrheit. Hier hat Evangelisation die Aufgabe tatsächlich Erstkommunikation zu sein; Jugendlichen zu erzählen, dass es einen Gott gibt und deutlich zu machen, dass dieser Gott sich für sie interessiert und Glaube als eine neue Option für das eigene Leben ins Gespräch zu bringen.

Zusammengefasst kann man sagen, dass Evangelisation eine konkrete Möglichkeit missionarischen Handelns neben anderen ist. Ihre Besonderheit ist, dass es ihr nicht nur um ein erstes Kennenlernen, um ein Vorstellen des Glaubens geht, sondern dass sie immer darauf ausgerichtet ist, dass Menschen eingeladen werden, selbst zu Glaubenden zu werden und zwar unabhängig von ihrer Vorgeschichte.

....

Weiterlesen in Heft 4/17

nach oben

Autorinnen und Autoren

Dr. Bernd Beuscher, Bochum
Professor

Dr. Simone Birkel, Eichstätt
Dozentin für Jugend- und Schulpastorale

Rainer Brandt,
Josefstal
Pfarrer, Leiter des Studienzentrums

Kristina Braun, Bochum
Ehrenamtliche Mitarbeiterin

Ruth Ditthardt, Bochum
Jugendreferentin

Dr. Michael Domsgen, Halle
Professor für Religionspädagogik

Dr. Karl Foitzik, Neuendettelsau
Professor em.

Andrea Holm, Ulm
Pfarrerin

Dr. Florian Karcher, Kassel
Dozent CVJM-Hochschule

Dr. Uta Pohl-Patalong, Kiel
Professorin

Dr. Gert Pickel, Leipzig
Professor

Günter Ruddat, Bochum
Professor em.

Beatrice Schmeißer, Nürnberg
Sonderpädagogin M.A.

Dr. Fulbert Steffensky, Luzern
Professor em., Autor

Dr. Friedrich Schweitzer, Tübingen
Professor

Bernd Wildermuth, Stuttgart
Landesjugendpfarrer

Christine Wolf, Karlsruhe
Pfarrerin

nach oben