[zett] die Zeitung für evangelische Jugendarbeit

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Zett Mai 2013

Auszug aus dem Inhalt der aktuellen Ausgabe:

Toleranz - was ist das eigentlich?

Toleranz ist ein schillernder Begriff, der scheinbar erst dann eindeutig wird, wenn er beschreibt, was nicht zu tolerieren ist.

„Zero tolerance-policy!“ heißt es dann und meint – getragen von einem breiten gesellschaftlichen Konsens – beispielsweise: Keine Toleranz für Rechtsradikalismus, keine Toleranz für Gewalt in Fußballstadien, keine Toleranz für Rassismus!

Die Grenze ist also leicht zu setzen. Umso herausfordernder sind deshalb die Situationen, in denen eine solch eindeutige, breite Zustimmung erntende Grenzziehung nicht so einfach möglich ist, denn: Dann wird die Frage nach Toleranz zu einer ganz persönlichen Grundsatzfrage, geht es doch bei ihrer Klärung darum, sich auf der Basis des eigenen Blicks auf die Welt und der individuellen ethischen Grundsätze zu entscheiden. Diese Grauzone ist ein sehr sensibles Terrain für alle, die an solch einer Auseinandersetzung beteiligt sind – und deshalb haben gerade hier Plattitüden, gebrüllte Parolen, vorschnelle Urteile und pauschale Setzungen nichts zu suchen. Was hier zählt, ist vielmehr die kleinteilige, mühevolle, arbeits-, zeit- und gesprächsintensive Auseinandersetzung rund um die jeweilige Toleranzgrenze.

Toleranz ist also zuallererst ein Konfliktbegriff, denn er eröffnet mindestens zwei Konflikte: Erstens mit demjenigen, der um Toleranz bittet; zweitens mit sich selbst, um zu einer Antwort auf diese Bitte zu gelangen. Ohne Selbstvergewisserung lässt sich also keine Toleranzdebatte führen:
Wer sich selbst beispielsweise nicht klar ist, wie er zu Deutschland als Einwanderungsland steht, sondern da primär aus einer diffusen Gefühlslage agiert, kann kaum ernsthaft in einen Dialog treten, in dem es darum geht, die eigene Position zu benennen  und gleichzeitig eine möglicherweise entgegengesetzte Einschätzung zu hören und verstehen zu wollen.

Dieser DIALOG lebt davon, dass Toleranz offen erbeten werden kann.

Die Frage nach Toleranz beginnt also mit der Frage nach einem selbst und nach den eigenen Begrenztheiten. Sprache ist dabei entlarvend: Verallgemeinerungen wie „alle“ und „immer“ und „der Islam“ und „die Ausländer“ verweisen dabei auf unausgegorene Gedanken und verlangen nach Differenzierungen, damit es nicht bei solchen pauschalen Setzungen bleibt, die nicht selten noch emotional überhöht werden. Erst dann wird ein Dialog auf Augenhöhe möglich  und erst in einem solchen Dialog wird deutlich, dass es am Ende nicht darum geht, den anderen schlicht zu „ertragen“, wie das Verb
„tolerare“ nahelegt, sondern sich mit ihm ernsthaft auseinanderzusetzen.

Dieser Dialog lebt davon, dass Toleranz offen erbeten werden kann. Wenn sich beispielweise Christen angesichts einer sich zunehmend säkularisierenden Welt zurückziehen und nur noch mit anderen Christen unterwegs sind, verneinen sie den Dialog mit den Menschen, die ihren Glauben nicht teilen und erbitten so auch keine Toleranz und keine Auseinandersetzung darum. Das ist eine vertane Chance, denn so können sie in der Grauzone rund um die Toleranzgrenze das sorgsame Gespräch nicht suchen – und auch nicht finden.
Toleranz ist also ohne das Erkennen und Erleiden der eigenen Toleranzgrenze nicht zu haben. Gerade deshalb braucht das Ringen um ein tolerantes Miteinander so viel Kraft und Zeit, denn beide Gesprächspartner werden plötzlich in ihren Haltungen angefragt. Sich hier auf einen bisweilen mühevollen Weg einzulassen und sich dabei auf die Landkarte des anderen vorzuwagen, kann zu einem gelungenen und damit beglückenden Dialog auf Augenhöhe führen.

Sr. Nicole Grochowina
Christusbruderschaft Selbitz

Über die eigenen Bilder von Jugendarbeit nachdenken

Interesse und Zeit für Kinder und Jugendliche
Interview mit Wolfgang Noack

„2025. Volle Kraft voraus – Visionen und Perspektiven evangelischer Jugendarbeit in Bayern“ lautete das Thema der gemeinsamen Konferenz der Jugendreferentinnen und Jugendreferenten sowie der Dekanats­jugendpfarrer/-innen in Pappenheim.
Dr. Ulrich Schwab, Professor für praktische Theologie an der LMU München und der Konzeptionsreferent im Amt für evangelische Jugendarbeit in Bayern, Reinhold Ostermann referierten bei der Konferenz.

Die Jugendgruppe war Markenzeichen evangelischer Jugendarbeit. Von der Jungschar bis zur jungen Gemeinde trafen sich Jugendliche in der wöchentlichen Gruppe. Was, wenn das Interesse an Gruppen so nicht mehr besteht?

Ostermann: Für Jugendliche ist es egal, ob sie bei einem Projekt mitmachen, einen offenen Treff besuchen, ob sie auf eine Sommerfreizeit mitfahren oder eine klassische Jugendgruppe besuchen. Sie sprechen immer von ihrer Gruppe.

Schwab: Kirchliche Jugendarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass Jugendliche hier so sein können, wie sie sind und sich mit ihren Gaben einbringen. Die Angebote drehen sich um die persönliche Entwicklung, um gesellschaftspolitische Themen oder um Spiritualität. Alles zusammen macht das Profil evangelischer Jugendarbeit aus.

Viele Mitarbeitende in der Jugendarbeit engagieren sich auch in der Konfirmandenarbeit. Dennoch begegnen sich beide eher wie feindliche Schwestern. Warum ist das so?

Schwab: Solange die feindlichen Schwestern miteinander reden, ist noch Leben in der Bude, schwierig wird es erst, wenn Stille herrscht. Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit kommen historisch aus verschiedenen Richtungen und haben ursprünglich auch verschiedene Zielsetzungen. Die Konfirmandenarbeit ist sehr viel stärker katechetisch geprägt als die Jugendarbeit.
Es kann durchaus eine punktuelle Verknüpfung dieser beiden Arbeitsbereiche geben, wenn aber Jugendarbeit instrumentalisiert wird, um dann doch wieder Katechetik daraus zu machen, kann das nicht im Sinne einer eigenständigen Jugendarbeit sein.

Ostermann: Wenn Hauptberufliche in  der Jugendarbeit angewiesen werden die gemeindliche Konfirmandenarbeit zu übernehmen, bekommen sie oft innerkirchlich eine höhere Anerkennung, als für die Angebote für Jugendliche. 
 
Hauptberufliche bekommen Anerkennung, wenn sie in der Konfirmandenarbeit mittun. Aber auch viele Jugendliche wollen nach der Konfirmation weiter als Tutoren mitmachen. Was bekommen sie hier, was sie woanders nicht bekommen?

Ostermann: Wenn in einer Gemeinde keine Vorstellung mehr von einer funktionierenden Jugendarbeit vorhanden ist und Jugendliche die Konfirmandenzeit positiv erleben – Gemeinschaft, etwas machen können etc. – dann wollen sie danach auch dabei bleiben. Die Anerkennung und Wertschätzung in der Gemeinde hierfür ist sehr hoch.

Schwab: Es gab in der Geschichte der Konfirmanden- und Jugendarbeit schon einmal ein Alternativmodell. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Nürnberger Pfarrer Wilhelm Stählin in der Jugendarbeit sehr weit nach vorne gedacht. Er hatte ein Konzept entwickelt, das die Konfirmandenarbeit in die Jugendarbeit integrierte und verstand die Konfirmation als Portal in die junge Gemeinde hinein. Er sah die Konfirmation viel stärker im Kontext von Jugendarbeit und nicht als abstrakten Übergang in die offizielle Kirchenmitgliedschaft. Dies lag den Jugendlichen bestimmt näher.

Dieses Konzept ist vom damaligen Landeskirchenrat sehr schnell verboten worden, weil es zu wenig gemeindebezogen war. Stählin wollte die Jugendlichen in den Jugendverband hineinkonfirmieren.  Aus heutiger Sicht macht diese Überlegung durchaus Sinn, weil es den Jugendlichen mehr entsprechen würde, in ein kirchliches Angebot für ihre Altersstufe zu gehen.

Besteht die Gefahr, dass die Konfirmandenarbeit die Jugendarbeit zurückdrängt?

Schwab: Das ist ja schon Realität, weil die Ressourcen für die klassische Konfirmandenarbeit aus der Jugendarbeit abgezogen werden, ohne dass ein integrales Konzept für diese beiden Arbeitsbereiche existiert. Gäbe es ein verknüpfendes Konzept, wäre gegen eine Mitarbeit nichts zu sagen. Aber so besteht die Gefahr einer Austrocknung der Jugendarbeit zu Gunsten der Konfirmandenarbeit. Das kann niemand wollen, der die Vorteile von Jugendarbeit schätzt.

Nutzt Jugendarbeit die Chance zu wenig, Jugendlichen nach der Konfi-Zeit ein attraktives Angebot zu machen?
 
Ostermann: Da sind wir wieder bei der Frage, wer in den Gemeinden für die Jugendarbeit verantwortlich ist. In erster Linie muss der Kirchenvorstand diese Arbeit wollen und dafür die Voraussetzungen schaffen. So ist es zumindest in der Ordnung beschrieben. Ein Dekanatsjugendreferent, der oder die alleine oder zu zweit für 25 und mehr Gemeinden da ist, kann lediglich unterstützend mitwirken.

Was müsste geschehen, damit ein Gemeindepfarrer drei bis vier Stunden pro Woche für die Jugendarbeit investiert?

Schwab: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Wichtig wäre zuerst einmal ein Interesse an den Jugendlichen selber. Bei der Diskussion Konfirmandenarbeit versus Jugendarbeit steckt ja auch immer die Frage mit drin, was ist nützlicher für die Gemeinde. Hier kommen dann viele zu dem Ergebnis, dass die Konfirmandenarbeit nützlicher sei für das Gemeindeleben als die Jugendarbeit.
Ich halte es für notwendig, über die Idee und über die inneren Bilder von Jugendarbeit nachzudenken. Hier geht es nicht um ein Konzept, den gleitenden Übergang in die Erwachsenenkirche zu gestalten, vielmehr geht es um die Jugendlichen selbst. Als erstes braucht es Interesse an den Jugendlichen, dann kommt auch die Bereitschaft, hierfür Zeit zu investieren.

Und wenn die Pfarrerin oder der Pfarrer sagt: „Meine Jugendarbeit ist die Konfirmandenarbeit“?

Schwab: Hinter so einem Satz steht ein Gemeindekonzept, bei dem es darum geht, die Jugendlichen in die Gemeinde zu integrieren. Dieses Interesse ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber in der Jugendarbeit geht es in erster Linie darum, die Jugendlichen zu fördern und weniger darum, für Nachwuchs in der Gemeinde zu sorgen. Das ist eine andere Denkweise.

Ostermann: Zur Jugendarbeit gehören unabdingbar Freiwilligkeit, Partizipation und Elemente von Selbstorganisation. Hier unterscheidet sich dieses kirchliche Angebot von anderen Arbeitsfeldern, in denen Kirche auch auf Jugendliche und Kinder trifft: Konfirman  denarbeit, Kindergottesdienst etc.

An vielen Orten geht die Jugendarbeit mit ihren Angeboten in die Schule.

Schwab: In den 50er und 60er Jahren entstand das Konzept des offenen Gemeindehauses für Kinder und Jugendliche. Dieser Ansatz der klassischen Jugendarbeit alleine wird der heutigen Realität nicht mehr gerecht. Jugendarbeit muss heute auch dahin gehen, wo die Jugendlichen sind und das ist nun mal die Schule. Schulnahe Jugendarbeit, Jugendarbeit in der Schule heißen die Konzepte. Hinzu kommt, dass sich an diesen Orten Angebote der Sozialarbeit viel besser verknüpfen lassen. Jugendarbeit wird in Zukunft noch viel pluraler werden.

Ostermann: Das Engagement der Jugendarbeit in der Schule muss aber auch finanziert werden können. Einzelne Dekanate, die in die Schulen gegangen sind, ziehen sich wieder zurück, weil sie der Meinung sind, es kann nicht sein, dass sie für dieses Engagement auch noch Geld mitbringen müssen.

Wohin geht die Entwicklung? Werden   2025 die Jugendlichen in die Jugendkirche gehen und die Alten in die Altenkirche?

Schwab: Es geht sicherlich nicht darum, die Gemeinden in Jahrzehnte-Abschnittsgruppen aufzuteilen. Aber genauso wie Erwachsene kein Interesse an Angeboten der Jugendarbeit haben, kommen Jugendliche oft nicht mit dem Programm der Kirchengemeinde zurecht. Und da Kirchengemeinden bestimmte Altersgruppen stärker bedienen, sind für Jugendliche Gegenmodelle notwendig.

Wird sich das spirituelle Angebot der Kirche stärker ausdifferenzieren müssen?

Schwab: Ja natürlich. Die Vorstellung, dass der Sonntagsgottesdienst die Mitte der Gemeinde ist, ist theologisch korrekt, aber empirisch falsch.

Welche Bedeutung wird die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen 2025 in der Kirche haben?

Schwab: Jugendarbeit wird sich verändern, aber nicht so radikal, dass man sie nicht mehr wiedererkennen kann. Ich hoffe für Jugendliche, dass Jugendarbeit 2025/30 eine wichtige Bedeutung haben wird, weil es ihnen für ihr Leben sehr viel bringen kann. Ich hoffe das aber auch für die Kirche, weil Kirche ohne Jugendarbeit ihren Zukunftsmotor verliert. Mit mehr Offenheit und Kooperationsbereitschaft wird dies gelingen. •

 

Ach übrigens ...

Alles da und doch nicht zufrieden!

Laut der aktuellen UNICEF-Studie haben junge Menschen in Deutschland hervorragende Lebensbedingungen. Im Vergleich von 29 Industrieländern landet Deutschland auf Rang sechs. Fragt man die jungen Menschen selber - was UNICEF sinnvollerweise tat – landet Deutschland abgeschlagen im letzten Drittel.

Gerechnet hätte man wohl mit mehr Glücksgefühl, Zufriedenheit und Dankbarkeit gegenüber den gesellschaftlichen und politischen Anstrengungen im Bereich Bildung und Förderung. Doch reichte es hier nur auf Rang 22.

Wie gut, dass die jungen Menschen selbst gefragt wurden. Denn sie sind es, die in gepressten Tagesabläufen den Schulalltag verbringen und durch komprimierte Lehrpläne ihre Freiräume schrumpfen sehen. Was sie wollen ist ganz einfach ZEIT: nach der Schule, ohne Notendruck, ohne Bewertung. Sie brauchen Räume, zum Spielen, zum Erobern, zum Fehler machen, zum Ausprobieren. Das Leben läuft – anders als Bildungs- oder Wirtschaftspläne – nicht nach einem Curriculum!

In der Evangelischen Jugendarbeit erleben wir das anpackende, kreative Gestalten der jungen Menschen. Zugleich sprechen die Jugendlichen von ihrer Zeitknappheit und dem Druck, alles richtig machen zu müssen. Ihre Spielräume sind sehr klein geworden. Es scheint ein Trugschluss zu sein, dass Erfolg unsere Kinder und Jugendlichen automatisch auch glücklich macht. Erfolg und Glück hängen nicht so direkt zusammen, wie es uns die leistungs­orientierte Bildungspolitik einreden möchte. Die ehrlichen Antworten der jungen Menschen lassen keinen Zweifel daran.

Wie wird man wohl mit den Erkenntnissen umgehen? Sarkastisch nachgedacht, könnte man auf folgende Variante kommen: Das Schulfach „Glück“ wird eingeführt. Geprüft würden darin „Glück zu empfinden“, „Dankbarkeit gegenüber gesellschaftlichen Wohltaten“ und „Zufriedenheit in der Leistungsgesellschaft“. Wer aber Hoffnung auf positive Entwicklungen hat, wird über Selbstbestimmung und zweckfreie Zeiten und Räume für Kinder und Jugendliche nachdenken, oder: Er wird – wie UNICEF – mit den jungen Menschen ins Gespräch kommen.

Dr. Hans-Gerd Bauer
Landesjugendpfarrer