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15.10.16, 15.10.16 - 17:00 Uhr Uhr

Reformation reloaded: Denkanstoß im Oktober

Vom Kirchenlied zur multimedialen Diskussionskultur  

Unter vielen Aspekten erscheint die Reformation als ein Vorspiel zur Moderne und steht uns in ideeller Hinsicht näher als manch spätere Epoche. Weltanschauliche Debatten werden heutzutage im Internet ausgetragen. Zum Beispiel in Blogs, die durch die Wendigkeit der Internetaktivisten die Autorität ganzer Staaten erschüttern können. Auch die Reformation war eine religiös-weltanschauliche Debatte, wirkte in ihrem Bestreben, die Autorität der römischen Kirche zu untergraben, subversiv und bediente sich bei der Vermittlung ihrer Botschaft aller ihr zur Verfügung stehenden Medien, auch der damals modernsten. In dieser Hinsicht war sie also auch ein multimediales Ereignis.

An erster Stelle steht hier der um die Mitte des 15. Jahrhunderts erfundene Buchdruck. Doch nicht allein die Verbreitung theologischer Abhandlungen in Buchform machte es unmöglich, die Reformation zu ignorieren oder tot zu schweigen. Auch Flugschriften, als frühes Massenmedium unmittelbarer Vorläufer der Zeitungen, verhalfen ihr zum Durchbruch. Ihre Sprache war trotz theologischer Inhalte nicht mehr Gelehrtendiktion, sondern volkstümlich, durchsetzt mit Humor, Spott und Polemik. Da jedoch nur rund zehn Prozent der Bevölkerung lesen konnten, bedienten sich die Reformatoren ebenso illustrierter Flugblätter mit Holzschnitten und Kupferstichen.  

Porträts machten Luthers Aussehen bekannt. Obwohl die Ablehnung von Bildern als Objekte religiöser Verehrung unter den Reformatoren groß war, waren Illustrationen mit narrativem Zweck hochwillkommen. Die Inhalte sollten schließlich auch Analphabeten erreichen. So bewirkte die Reformation auch, dass sich das für die Kunstgeschichte Europas so zentrale Genre des Tafelbildes langfristig wandelte: Es sollte nicht mehr Gegenstand distanzloser Bewunderung sein, sondern Bedeutungsträger und als solcher auch Geschichten erzählen.  

Ein weiteres gängiges Medium zur Verbreitung von Nachrichten aller Art war Musik und im Besonderen das Lied. Wiedererkennbare Melodien ließen sich gut mit in Reimen gefassten Nachrichtentexten kombinieren. Auch Luthers eigene geistliche Lieder erfreuten sich enormer Popularität und konnten außerhalb der Kirchen auf Marktplätzen und in Wirtshäusern erklingen.  

Durch die Vielzahl der verwendeten Medien und den populären Tonfall waren die Thesen der Reformation scheinbar allgegenwärtig. Wer sie nicht lesen konnte, hörte sie im öffentlichen Raum. Durch das rege Interesse an Glaubensfragen entstand so eine Frühform von multimedial geprägter Öffentlichkeit und Diskussionskultur. Berücksichtigt man zusätzlich die bescheidenen demographischen Dimensionen in deutschen Städten des 16. Jahrhunderts, so sind die Nachrichtenlieder und Flugschriften jener Zeit durchaus mit Fernsehen und Internet in der Gegenwart vergleichbar.  

Text: Sabine Otterstätter-Schmidt, Amt für evang. Jugendarbeit

Linkempfehlungen zum Thema:  

1.    „Reformation reloaded“ – Der Film

2.    Mottolied zum Reformationsjubiläum „Allein aus Gnade“

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