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11.11.16, 11.11.16 - 13:20 Uhr Uhr

Bleibeperspektive für junge Geflüchtete

Jugendpolitisches Fachforum: sozial.RÄUMLICH.wirken

Wenn wir von Beteiligung und Partizipation junger Geflüchteter reden, brauchen wir für diese eine Bleibeperspektive, fordert Professor Gunther Graßhoff beim jugendpolitischen Fachforum „Integration junger Geflüchteter“.

Unter dem Motto „sozial.RÄUMLICH.wirken“ luden die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej), die Diakonie Deutschland und die Evangelische Jugend in Bayern (EJB) zum Fachforum am 3. und 4. November nach Würzburg ein. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie muss eine Integrationspolitik in Deutschland aussehen, damit der Integrationsprozess von jungen geflüchteten Menschen gelingt? Über 40 Experten und Vertreter/-innen der evangelischen Jugendarbeit diskutierten gemeinsam über Rahmenbedingungen für eine gelingende Integration.

Doch nicht nur Podium und Vorträge prägten die Veranstaltung, sondern auch der Dialog und die Begegnung mit den Betroffenen. Beim Sozialraumspaziergang „Study-Visit“ durch die Würzburger Altstadt wurde deutlich, dass multikulturelle Einflüsse ein Gewinn für unsere Gesellschaft sind. Cappuccino und Espresso gehören zu unserer Kaffeehauskultur wie die Orange oder Banane zu jedem Markt. Wie sich Kulturen ergänzen und miteinander verschmelzen, zeigte sich bei der Besichtigung des Würzburger Doms - geplant und gebaut von Menschen unterschiedlicher Ethnien.

„Nennt uns nicht Flüchtling“, zitiert Prof. Elisabeth Gräb-Schmidt, Hannah Arendt. Flüchtlinge waren immer die, die sich was zu schulden kommen lassen, führt die Theologin das Zitat fort und ergänzt: „Wir sind nicht der Grund unserer Flucht.“

Der Umgang mit Fremdheit ist Bestandteil des christlichen Glaubens, macht die Professorin in ihren theologischen Ausführungen deutlich. Sowohl das Alte, als auch das Neue Testament erzählen von Flucht und Vertreibung. „Es ist unsere Aufgabe, Fremde aufzunehmen und sie gleich zu behandeln, wie alle anderen.“ Aus biblischer Sicht ist Heimat nicht an Grund und Boden gebunden, sondern beziehe sich vielmehr auf das Kommende und Verheißende. Daran sollen wir uns erinnern und Geflüchteten Mut und Zuversicht geben.

Damit die jungen Menschen eine Zukunftschance haben, ist es notwendig, sie erst mal Ankommen zu lassen, fordert die Theologin. Sie brauchen Zeit, um sich zu orientieren, sie brauchen Wohnraum und eine Wohnkultur, die Begegnung mit anderen, aber auch Nähe zu den eigenen Kulturen zulässt. Und sie brauchen Bildung und Arbeit.

Damit Integrationsprozesse gelingen und sich Geflüchtete einbringen können, müssen wir Angebote setzen, wendet sich Prof. Gunther Graßhoff an die Teilnehmenden. „Alle reden von den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“, sagt er, „jedoch müssen die vielen begleiteten Kinder und Jugendlichen genauso einbezogen werden“. Wir haben es mit jungen Menschen zu tun, die in den Lebensbereichen Bildung, Beschäftigung und Freizeit noch wenig integriert sind.

„Die neu Ankommenden müssen nicht nur die Sprache, sondern auch Sprachkultur lernen“, gibt Jassin Akhlaqi von Jugendliche ohne Grenzen (JOG) zu bedenken. Wer zum Beispiel in Afghanistan aufgewachsen ist, hat andere Denkmuster über Politik. Wenn Kinder und Jugendliche in der Schule ständig Angst vor der Abschiebung haben, können sie sich nicht richtig auf die Lerninhalte konzentrieren und sich einbringen. Deshalb brauchen sie eine Perspektive und die Sicherheit, dass sie bleiben können, fordert Akhlaqi. Er ist auch überzeugt, „wenn wir den Jugendlichen helfen, bekommen wir es zurück und helfen uns damit selbst“.

In der abschließenden „Denkfabrik“ konnten die Teilnehmenden in unterschiedliche Rollen schlüpfen, um zu erleben, wie gelingendes Zusammenleben in der Nachbarschaft gestaltet werden kann. Die Kooperationspartner aej, ejb und Diakonisches Werk werden die Ergebnisse des Fachforums sichten und daraus Thesen und Forderungen für eine Sozialraumpolitik formulieren.

Christina Frey-Scholz
Öffentlichkeitsarbeit
9. November 2016

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