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15.01.17, 15.01.17 - 17:00 Uhr Uhr

Reformation reloaded: Denkanstoß im Januar

Neugierig auf Neues

Ein neuer Pulli. Ich liebe die Farben. Er ist noch unverwaschen und sauber. Wie schön, ihn zu tragen!
Hey, sieht gut aus, dein neues Oberteil!
Dankeschön!
Neue Kleidung. Neues Tragegefühl.
Ein neuer Besen. Der kehrt voll gut.
Neuer Glaube. Hä?
Altes ist auch gut.
Verlässlich. Vertraut.
Ich kenne mich aus.
Lieblingsstück.
Wer braucht es neu?
Es geht nicht mehr alt.
Weil neu verstanden.
Neu übersetzt in meine vertraute Sprache.
Ich verstehe, was gemeint ist.
Ich begreife, dass es gut ist.
Der Druck ist weg.
Ich bin nicht nur klein. Ich mache nicht nur Fehler.
Ich brauche mich nicht knechten lassen.
Denn Gott ist gnädig.
Gott ist barmherzig.
Gott liebt mich.
Ich bin frei.
Verantwortlich vor mir, vor den anderen, vor Gott.
Das ist neu.
Das ist gut!
Das fühlt sich top an.
Wie mein Pulli.
Wer sieht`s?

Erklärung:
Wenn ich mir einen neuen Pulli gekauft habe dann freue ich mich auf den Moment, in dem ich ihn zum ersten Mal anziehen kann. Wenn es dann soweit ist, ist das schon ein guter Augenblick. Für mich fühlt es sich besonders an, das neue Kleidungsstück zu tragen. Es ist noch nicht ausgebleicht, fleckenfrei und ich freue mich an seinen schönen Farben. Und ich habe heimlich die Erwartung, dass die Menschen in meinem Umfeld die Neuheit dieses Kleidungsstückes bemerken und freue mich, wenn das tatsächlich jemandem auffällt und am Ende sogar noch gefällt.  So geht es mir mit neuen Kleidern.  

Martin Luther hat vor 500 Jahren viele Neuerungen für unseren Glauben erarbeitet. Dabei ging es weniger um die Äußerlichkeiten der Kirche, sondern viel mehr um die Inhalte, um ihre Überzeugungen und um die damit verbundenen Haltungen. Martin Luther erkannte durch die intensive Beschäftigung mit der Bibel neue Seiten bzw. ein neues Verständnis von Gott. So gehörte es schließlich zu seinen Grundüberzeugungen, dass Gott gnädig und barmherzig ist. Das heißt, dass Gott uns Fehler vergeben kann und dass über Gut und Böse nicht der Mensch, sondern Gott entscheidet. Gottes Liebe lässt sich nicht mit Geld oder entsprechenden Gebeten erkaufen, sondern allein durch den Glauben erleben.
Alt: Gott straft.
Neu:
Gott vergibt.  

Luthers Entdeckungen führten zu einem völlig neuen Menschenbild. Gott prüft uns Menschen nicht vorrangig, aber er liebt uns unbedingt, so seine Überzeugung. Wir Menschen machen Fehler, bekommen aber immer wieder neu die Möglichkeit, uns zu ändern und Gott wieder nahe zu kommen. Wir brauchen uns nicht knechten lassen, sondern uns dienen in gegenseitiger Verantwortung.
Alt: Der Mensch ist voll Sünde und deshalb minderwertig gegenüber Gott.
Neu: Wir Menschen haben Verantwortung und sind von Gott geliebt.  

Dies alles führte letztendlich zu einem neuen Verständnis von Kirche und von der Spaltung des damaligen bestehenden Systems. Die grundlegende Neuigkeit war für Martin Luther bei allen Erkenntnissen die große Freiheit, die wir Menschen als Gegenüber Gottes leben können. Wir sind frei uns so zu verhalten, wie es uns als Gottes Gegenüber und Gottes Geschöpf entspricht. Wir sind frei unseren eigenen Verstand zu benutzen und unsere getroffenen Entscheidungen selbst zu verantworten. Wir sind frei so zu leben, wie es uns in der Verantwortung unseren Mitmenschen und Gott gegenüber ansteht.
Alt: Wir haben uns ins bestehende System und damit auch in die damaligen Strukturen der Kirche zu fügen.
Neu:
Wir sind so frei, das System und damit auch die Strukturen der Kirche verantwortlich zu gestalten.  

Schließlich übersetzte Luther die bestehende Bibelüberlieferung zum ersten Mal in eine Sprache, die die Menschen verstehen konnten. Alle sollten wissen können, was da Befreiendes und damals unerhört Neues zu lesen war. Reformation verbinde ich deshalb mit diesen vielen guten neuen Gedanken: uns Menschen wird viel zugetraut, wir können vieles richtig machen, wir haben Gott auf unserer Seite und wir können uns frei und geliebt wissen. Liebe, Freiheit, Neuanfang – wenn ich schon mit einem neuen Pulli stolz durch den Tag gehe, wie sehr müsste ich es dann ausstrahlen, frei und geliebt zu sein! Ob die Menschen in meiner Umgebung mir das ansehen?  

Text: Barbara Gruß, Evangelische Jugend in Nürnberg

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