Das erste Mal

Was wird da für ein Hype gemacht um das erste Mal.

Der erste Sex wird hochstilisiert, angefan­gen von abenteuerlichen Beschreibungen in der Bravo über Erlebnisberichte in irgendwelchen Chats bis hin zu persön­lichen mehr oder weniger realitätsnahen Berichten aus dem Freundes-und Bekann­tenkreis. Das macht Druck. Die Erwar­tungen sind hoch, manchmal so hoch, dass sie nur enttäuscht werden können. Der damit verbundene Leistungsanspruch ist enorm und kann dafür sorgen, dass man das erste Mal vor lauter Aufregung oder Sorge, es nicht gut genug hinzube­kommen, nicht wirklich genießen kann.

Unser Leben bietet uns viele „erste Male“ und wir brauchen sie, um uns zu entwickeln.

Ein Kleinkind, das die ersten Schritte geht, fällt unzählige Male, bis es sicher auf eigenen Beinen unterwegs ist. Und wenige Wochen später rennt es selbstver­ständlich durch die Gegend.
Beim Lernen eines Musikinstruments klingt das Ganze in den ersten Unter­richtsstunden vielleicht mühsam und noch gar nicht musikalisch. Doch beim er­sten Konzert darf man bereits ein kleines Solo spielen.

Wer sich zum ersten Malselbst ums Wä­schewaschen kümmert, kann schon mal eine Ladung verfärbter Kleidung aus der Maschine holen. Einige Zeit später lacht man herzlich über die eigene Unerfahren­heit. Vieles meistern wir aber auch beim ersten Anlauf, wir wissen es nur vorher nicht.

Auch Robert und Johanna ging so. Noch nie hatten sie selbständig ein komplettes Abendprogramm verantwortet, und dann sollte es auch noch mit der ganzen Grund­kursgruppe durchgeführt werden! Sie waren aufgeregt und fragten sich: Würde alles so klappen, wie sie es sich überlegt hatten? Hatten sie in der Vorbereitung an alles gedacht? Was würden die anderen von ihnen denken, wenn der Abend dane­ben ginge?

Das erste Malist oft verbunden mit Un­sicherheiten, Sorgen oder sogar Ängsten und eine gewisse Aufregung gehört des­halb dazu. Denn vor dem ersten Mal ist ja nicht klar: Was genau kommt da auf mich zu? Werde ich die Aufgabe bewältigen? Wie werde ich das hinbekommen? Was werden andere von mir denken, wenn etwas schief geht?

„Sage nicht, du bist zu jung“

Diese Fragen stellte sich auch Jeremia, als er eine Aufgabe bekam. Gott beauftragte ihn damit, Prophet zu werden. „Das kann ich doch gar nicht. Und außerdem bin ich zu jung.“ So versucht er, sich um Gottes Vorhaben zu drücken. Er traut sich dieses große Amt einfach nicht zu. Doch Gott lässt nicht locker: „Sage nicht, du bist zu jung, (...), ich bin bei dir und will dich erretten“. So wird Jeremia ermutigt. Er nimmt Gottes Aufgabe schließlich an.

Der amerikanische Pädagoge Robert J. Havighurst ging davon aus, dass wir Men­schen im Laufe unseres Lebens immer wieder unterschiedlichsten Problemen und Herausforderungen gegenüberste­hen, die wir zu bewältigen haben. Diese gehören in bestimmten Altersstufen zu unserer Entwicklung, z.B. der erste Schul­tag, das erste Malverliebt sein, der erste Liebeskummer, der erste Ausbildungstag, die erste Autofahrt. Dazu kommen dann Ziele, die sich Jede_r selbst setzt, z.B. auf die Zugspitze steigen oder eigenständig in einer eigenen Wohnung leben. Nach Havighurst sind wir Menschen dann zufrieden, wenn wir die jeweilige Aufgabe zum ersten Mal erfolgreich gemeistert haben und das hat Folgen: Positive Erleb­nisse und Erfolge stärken unsere Resi­lienz, also die Fähigkeit, mit stressigen, krisenhaften oder sogar traumatischen Erfahrungen umgehen zu können. Wir machen die Erfahrung, dass uns etwas zugetraut oder anvertraut und dass wir in der Lage sind, das auch zu schaffen. Das motiviert und stärkt das Selbstvertrauen.

In der Evangelischen Jugend ist das ein wichtiger Grundsatz: Kinder und Jugendli­che sind in einer Lebensphase, in der sie viele Dinge zum ersten Mal machen. Sie finden in der EJ Erfahrungsfelder, in denen sie sich selbst ausprobieren und erleben können. So finden sie heraus, dass sie gut diskutieren und argumentieren können, dass sie kreativ sind oder dass sie andere toll motivieren können. Das erste Mal eine Kinderfreizeit bekochen, zum ersten Mal einer großen Konfigruppe ein Spiel erklären, zum ersten Mal an den Kirchen­vorstandswahlen teilnehmen (die nächste und vielleicht erste Gelegenheit ist am 21. Oktober!), das alles sind wichtige Aufga­ben, an denen junge Menschen wachsen und über sich selbst hinauswachsen können.

Das erste Mal – wir brauchen es. Es warten noch viele erste Male darauf, von uns gewagt zu werden.

Nur Mut – es lohnt sich!

Barbara Gruß
Dekanatsjugendreferentin Nürnberg