Die Jugend: Radikal konsequent

1. Jede Gesellschaft braucht Revolution – immer wieder!

Es ist eine Binsenweisheit: Jede Gesellschaft wandelt sich, entwickelt sich weiter, lässt Altes zurück und erschafft Neues. Jeden Tag. Neue Technologien werden erfunden und verbreiten sich, dabei müssen neue Strategien gefunden werden und neue Gesetze verabschiedet werden, um das Zusammenleben neu zu regeln.

Im Wort „Revolution“ steckt auch „Evolution“, also Entwicklung oder Fortschritt, eine höhere Stufe der Entwicklung. „Stabilität“ steht dem gegenüber als ein Strukturmerkmal, das ebenfalls für das Zusammenleben in einer Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Man will sich auf manche Dinge einfach verlassen können, auf Bewährtes wird vertraut.

Der Duden nennt zwei Definitionen für den Begriff Revolution: 1. auf radikale Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteter, gewaltsamer Umsturz; 2. tiefgreifende Wandlung […], grundlegende Neuerungen“.
Ich plädiere dafür, den Fokus dieser Definition auf den zweiten Aspekt zu legen. Oft ist es die Jugend, die an drängenden gesellschaftlichen Fragen Handlungsbedarf erkennt. Aus ihrer Perspektive sind die bisherigen Strategien und Strukturen nicht unbedingt als die Lösungen zu erkennen, als die sie mal geplant waren, sondern werden als Ursache für die Probleme betrachtet, vor denen die Welt nun steht. „Stabilität“ erscheint aus dieser Sicht verständlicherweise eher als Verhinderungsargument für neue Lösungsansätze im Sinne der „(R)Evolution“.

 2. Wir brauchen Konsequenz und müssen „radikal“ sein!

Junge Menschen beschweren sich, weil sie im Begriff sind, die Welt, ihre inneren Zusammenhänge und ihre Bedingungen zu verstehen. Mit dem unvoreingenommenen Blick, der sich auf Widersprüchliches oder Festgefahrenes richtet, identifizieren sie Themen mit Handlungsbedarf, legen den Finger in die Wunden der Gesellschaft und entwickeln Ehrgeiz, selbst aktiv zu werden. Damit stören sie aber ein bestehendes gesellschaftliches Gefüge. Beispielsweise den Schulbetrieb mit Fridays-for-Future-Demos oder mit illegalen, weil nicht genehmigten „Black Lives Matter“-Kundgebungen. Dabei fordern sie Veränderung des Bestehenden und pochen auf konsequentes Handeln der politisch Verantwortlichen.

Ihnen gegenüber stehen die, die sich (zu Recht) dafür an den Pranger gestellt oder angegriffen fühlen. Aus deren Sicht sind die Forderungen der Jugend einfach nur radikal. Und weil diese radikal sind, sollte man sie auch nicht ernst nehmen und sich mit den Inhalten dieser Forderungen auch nicht beschäftigen.

Um junge Menschen als gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft ernst zu nehmen, müssen wir auch ihre Anliegen und Ziele ernst nehmen.

3. Ein Jugendverband muss (R)Evolution aushalten und institutionalisieren.

Es gibt viele Gründe, warum ein junger Mensch einem Jugendverband beitritt: Er oder sie findet neue Freunde, hat Spaß an den Angeboten, lernt Neues kennen, kann sich ausprobieren und seine Rolle in der Gesellschaft finden. Jugendverbände verstehen sich aber auch als Institutionen, die eine zentrale Aufgabe im Bereich der außerschulischen Bildung wahrnehmen. Sie sind oft der Ort, an dem junge Menschen über „Gott und die Welt“ sprechen wollen und wo sie Ermutigung finden.

Selbstverständlich nehmen sie dabei nicht nur die „Außenwelt“, also politische Institutionen in den Blick, sondern auch die eigene „Heimat“, den eigenen Jugendverband. So liegt es auf der Hand, dass Jugendorganisationen nicht nur eingeforderte Entwicklungen ihrer Basis – also Revolutionen – aushalten müssen, vielmehr muss die (R)Evolution als natürlicher Moment und wiederkehrendes Muster  in der eigenen Existenz wahrgenommen werden. Das heißt für die eigenen Strukturen, dass diese Revolutionen nicht nur akzeptiert und ertragen, sondern auch proaktiv ermöglicht werden müssen.

Wer dogmatisch an den Themen, Strategien und Strukturen von gestern festhält, wird die jungen Menschen verlieren, denn sie werden Mittel und Wege suchen und finden, sich für ihre Anliegen einzusetzen und Unterstützung an Stellen suchen, an denen ihre Interessen auf offene Ohren stoßen.

Christian Schroth

Christian Schroth ist Grundsatzreferent beim Bayerischen Jugendring. Er hat Politikwissenschaft und Geschichte
studiert. Zugang zur Jugend­arbeit waren die Pfadfinder, die Vorstandsarbeit im KJR Nürnberger Land.