Die Jugend und Europa

2019 wird das Jahr, in dem sich die Geschichte der EU wenden wird.

So lesen und hören wir es überall. Eine „Schicksalswahl“ ist im Mai zu erwarten. In diesem Jahr werden Anti-Europäer gewählt, es wird das Jahr des Brexit, der scheinbar unheilbaren Migrationspolitik, das Jahr, in dem Regierungschefs die internationalen Abkommen nach und nach aufkündigen und die bewaffneten Konflikte wieder näher rücken.

Bei diesem Szenario kann einem Angst und Bange werden, doch es ist nicht die ganze Wahrheit. Die EU war von Beginn an von Verhandlungen und Kompromissen geprägt. Die Europäer_innen haben sich Schritt für Schritt mehr Zusam- menhalt und europäische Integration erkämpft.

Für die Weiterentwicklung der EU ist konstruktive Kritik wichtig, aber gleich ein Abgesang auf die europäische Idee? Das passt nicht zusammen mit den vielen Menschen, die für Klimaschutz, gegen Uploadfilter oder mit „Pulse of Europe“ auf die Straße gehen. Bis heute ist die EU nicht „fertig“, sondern muss weiter gedacht, ausgehandelt und gebaut werden. Zukünftige Pläne, wie etwa für eine europäische Sozialpolitik, liegen auf dem Tisch. Diskussionen um die Datenschutz-Grundverordnung oder die Copyright-Richtlinie werden leidenschaftlich geführt. Dabei geht es nie um einfache Lösungen, sondern um komplexe Zusammenhänge und europäische Kompromisse.

Die anstehende Europa-Wahl am 26. Mai hat genau hier Einfluss. Die Wahlbeteiligung bei der letzten Wahl war vergleichsweise niedrig. Nur 27 Prozent der zwischen 18- und 24-Jährigen wählten, und das, obwohl junge Menschen in allen Umfragen hohe Zustimmungswerte für Europa zeigen. Eine Welt ohne die EU kommt der Jugend in Europa gar nicht mehr in den Sinn. Für sie ist die EU ganz normal, sie war einfach schon immer da. Junge Menschen können heute reisen, wohin sie wollen, an Austauschprogrammen teilnehmen oder im Nachbarland arbeiten. Europa steckt in allen Lebensbereichen, ob in der Bildung, Arbeit oder Freizeit. Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist, spielt Europa in unserem Leben eine große Rolle.

Auch umgekehrt wird die Jugend in der europäischen Politik immer mehr zum Thema. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit, gerade in Südeuropa, beschäftigt die EU seit Jahren. Das Jugend- und Bildungsprogramm soll im neuen Finanzrahmen eines der wenigen Programme sein, die trotz Brexit nicht gekürzt, sondern aufgestockt werden. Und obwohl Jugendpolitik keine EU-Kompetenz ist, fällt die neue EU-Jugendstrategie stärker aus als die bisherige: „Indem alle jungen Menschen einbezogen und befähigt werden, kann die Jugendpolitik dazu beitragen, erfolgreich die Vision eines Kontinents zu verwirklichen, auf dem junge Menschen Chancen ergreifen und sich mit europäischen Werten identifizieren können.“

Engage, Connect & Empower

Unter den Schlagworten Engage, Connect und Empower will die EU-Jugendstrategie die Mitgliedsstaaten überzeugen, Jugendpartizipation zu realisieren. Klar müssen erst die Nationalstaaten aktiv werden, aber auf europäischer Ebene sollen Marker gesetzt, Daten erhoben, Vergleiche angestellt, Berichte geschrieben und Forschung betrieben werden. Jugendkoordinator_innen sollen in Zukunft sicherstellen, dass Jugendpolitik Querschnittspolitik ist. Das heißt, Jugend wird als Aspekt in allen Politikfeldern wahrgenommen und damit auch die Themen, die in der Jugendarbeit wichtige Anliegen sind: Umwelt- und Klimapolitik, Migration und Flucht, non-formale Bildung, Mobilität, Gleichberechtigung und Gleichstellung, um nur einige zu nennen.

Die Europäische Union, das sind wir alle

Wenn nun die jungen Menschen Europa wollen und die EU sich stärker mit der Jugend beschäftigen möchte - ist dies dann nicht genau der Zeitpunkt für Jugendverbände, Jugendarbeit und junge Menschen selbst, sich aktiv zu Wort zu melden? Das EU-Parlament oder die Kommission sind genauso wenig die Europäische Union wie Brüssel oder Straßburg, dies sind nur die Institutionen oder Verhandlungsorte. Die Europäische Union, das sind wir alle, ob jung oder alt und egal aus welchem Mitgliedsstaat. Uns einzubringen und mitzugestalten, muss gerade für die Verbände und Organisationen eine Aufgabe sein, die Menschen vertreten, die (noch) nicht an die Wahlurnen gehen können. Ihre Stimme muss gehört und politisch vertreten werden. Dafür braucht es gute Netzwerke und Kooperationen. Dafür braucht es Politiker_innen und Entscheidungsträger_innen mit einem offenen Ohr. Aber dafür braucht es auch Menschen, die sich trauen, ihre Meinung zu sagen und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

Lea Sedlmayr
Referentin für Europäische Jugendpolitik des BJR