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Für die Seele sorgen heißt Raum lassen

Manchmal passieren Dinge im Leben, die scheinen unbegreiflich. Sie machen uns sprachlos oder sie drängen uns zu reden. Wir sind sehr verschieden darin, wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen. Was mir guttun würde, ist nicht unbedingt, was anderen guttut. Jemanden in guten Zeiten zu kennen, heißt nicht, diese Person auch in schlechten Zeiten zu kennen.

Wer mich kennt, der weiß: Ich rede gerne, viel, offen und auch sehr persönlich.

Als mein bester Freund sich vor drei Jahren das Leben nahm, wollte ich nicht reden. Darüber zu sprechen fühlte sich an, als würde ich Erinnerungen und Gefühle weggeben. Und das war das letzte, was ich wollte. Ich wollte alles für mich behalten. Ich wollte die ganze Trauer spüren und zulassen. Für mich war diese Trauer nicht erdrückend und eng, sondern umarmend und tief. Und für mich war es der richtige Weg: Der Weg, mit dem es mir gut ging und der mir geholfen hat, auf den Beinen zu bleiben. Aber ich weiß auch, dass es für einige Menschen in meinem Umfeld komisch, vielleicht sogar besorgniserregend war, dass ich nicht reden wollte. Von Vielen forderte das durchaus Akzeptanz und Verständnis. Akzeptanz, dass nicht jeder Mensch reden will und Hilfe nicht immer gebraucht wird. Verständnis, dass das Angebot wichtiger sein kann, als das Gespräch selbst. In vielen Bezügen erwähnte ich deshalb gar nicht, was vorgefallen war. Ich wollte nicht ständig diesen gut gemeinten, aber ungelenken Tanz von
„Oh, das tut mir leid“ – „Danke, schon ok“ – „Was kann ich für dich tun“ – „Nichts, danke, schon ok“ spüren. Für mich war das damals eine Welt „außerhalb“ und eine Welt „innerhalb“, die sich nicht mischen ließen. Nach Tanzen zwischen zwei Welten war mir nicht zumute.

Wie macht man weiter nach so einem Erlebnis?

Es klingt zwar hohl, aber ja, das Leben geht weiter, auch nachdem ein geliebter Mensch viel zu früh aus dem Leben gegangen ist. Für mich mit meinen zwei unmischbaren Welten bedeutete das, ich brauchte Raum für beides: Innehalten und Trauern genauso wie Nachvornesehen und Weitermachen. Ein Raum, in dem beides sein konnte, wo mein Umgang nicht hinterfragt, sondern angenommen wurde. Für mich war dieser Raum damals mein Ehrenamt. Das erste, was ich aus der Welt „außerhalb“ wieder anpacken wollte, war ein Klausurwochenende. Lange Sitzungstage, kreatives und konzentriertes Arbeiten, das klingt erstmal kontraintuitiv.

Aber für mich war dieses Wochenende der erste Schritt nach draußen. Ich wusste, dass ich hier den für mich richtigen Raum fand. Ich konnte mich zwar auf Samthandschuhe verlassen, wenn es nötig wurde, aber auch, dass ich nicht ständigen mitleidigen Blicken ausgesetzt war und niemand unbedingt mit mir Ge­spräche führen wollte. Ich wusste, hier wird mir kein festgefahrenes Konzept von Seelsorge übergestülpt.

Dieser Raum hat meiner Seele geholfen zu heilen und mein „Innen“ und „Außen“ wieder zu versöhnen.

Aber genauso, wie mein Ehrenamt für mich nur Sinn stiftet, wenn ich Raum für eigene Gestaltung habe, kann die Seele nur heilen, wenn ihr Raum gegeben wird, das auf ihre eigene Art zu tun. Menschen suchen oft nach eindeutigen Antworten. Für die eigene Seele und die Seele Anderer zu sorgen, ist aber keine Aufgabe mit einfachen Lösungen. Wir brauchen den Raum, uns selbst zu ergründen. Und, auch wenn es manchmal von unserem „Außen“ schwer auszuhalten ist, müssen wir anderen den Raum geben, ihren eigenen Umgang mit ihrem „Innen“ zu finden.

Das heißt natürlich nicht, wir sollten aufhören zu fragen „Wie geht es dir?“ oder „Willst du reden?“. Gesprächsangebote zu machen, die Hand auszustrecken und auch zu erzählen, was persönlich in schweren Zeiten geholfen hat, das ist alles erstmal gut. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass Akzeptanz und Verständnis für unsere psychische Verschiedenheit immer an erster Stelle kommen müssen. Es gibt keine einfache Lösung. Für die Seele sorgen, heißt Raum lassen.

Marlene Altenmüller
Vorsitzende des Landesjugendkonvents