Gott macht das Wesentliche

Bastle dir dein Weihnachten. Gebastelt habe ich früher die Geschenke für meine Eltern. Ein Bild, einen Kalender,  selbstge­macht und ganz persönlich. Es war für mich selbstverständlich, für Weihnachten zu basteln. Heute kaufe ich Geschenke. Doch das Passende zu finden – auch mit Geld – ist nicht so einfach: Ein Geschenk, das Freude macht – doppelte Freude. Und auf die Freude kommt´s doch an.

Bastle dir dein Weihnachten. Das klingt wie liebevoll selbstgemacht. Vielleicht nicht hundert Prozent und deshalb genau­so, wie es zu mir passt.
Manchmal besteht dieses zusammengebastelte Weihnachten aber auch aus der Summe der Erwartungen, die von allen Seiten kommen. Weihnachten muss so sein – nein so – und doch auch so und auch noch ganz anders. Das kann das Fest ziemlich belasten, muss es aber nicht. Weihnachten muss nicht perfekt sein. Weihnachten ereignet sich in einer Welt, die wahnsinnig unperfekt ist, in einer Welt, die sich nach Erlösung sehnt.

Bastle dir dein Weihnachten. Es trägt eine große Verheißung in sich. Man hat es selbst in der Hand und darf selbst gestalten – das eigene, persönliche Weihnachtsfest und: Gott macht das Wesentliche.

Wie bastelst du dir dieses Jahr Weihnachten? Was gehört unbedingt mit dazu? Was darf auf keinen Fall fehlen? Und: Was würde dir Weihnachten so richtig versauen?

Dieses Jahr wird Weihnachten anders. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Und damit auch Weihnachten. Das alt hergebrachte, mit Ritualen versehene Fest, wird anders gefeiert werden. Die Christkindelmärkte sind abgesagt. Geselliges Beisam­mensein muss anders laufen – über Zoom?  Zwei Haushalte, zehn Personen? Der Weihnachtsgottesdienst platzbeschränkt, nicht  alle dürfen rein oder vielleicht im Stadion die alten Lieder singen, die alten Worte der Weihnachtsgeschichte hören? Wie wird es werden? Stille Nacht, heilige Nacht? Einsame Nacht? Göttliche Nacht?

Weihnachten war schon immer besonders.
„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde“ (Luk 2,1). Da machen sich auch auf Maria und Josef und ihr noch nicht geborenes Kind. Eine zusammen-gebastelte Familie, Patchwork würde man heute sagen. Ein junges Mädchen, schwanger von einem Anderen (Heiliger Geist) und Josef. Sie machen sich auf den Weg. In die Geburtsstadt. Eine Volkszählung ist angesagt. Der Kaiser braucht Geld.
In Bethlehem finden sie keinen Platz in der Herberge. (Beherbergungsverbot? Wegen Überfüllung geschlossen? Der Wirt mit einer weiß-blauen M-N-B?) Ein Stall, eine Notunterkunft – ein Dach über dem Kopf. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.
Da kommt Jesus auf die Welt. Da wird Gott Mensch. Am Rand, bei denen, die am Rand sind, die nicht gesehen werden. Da geschieht „dass alle Welt geschätzt würde“ – Wert-geschätzt! Da wird es Weihnachten. Die Wertschätzung Gottes beginnt bei denen, die man nicht sieht. Den Unperfekten, den Bedeutungslosen, bei denen, die sich und die Hoffnung auf gelingendes Leben schon lang abge­schrieben haben, weil sie von anderen abgeschrieben wurden. Bei denen, die Gott brauchen, wird es Weihnachten.
Es sind Hirten, denen der Engel erscheint. „Und sie fürchteten sich sehr.“ Und der Engel sagt: Fürchtet Euch nicht! #keine Bange! #Große Freude! Euch ist heute der Heiland geboren. Und sie kommen und staunen. Und sehen das Wunder mit eigenen Augen.

Gott menschelt. Ein kleines Kind. Ein Baby. Himmel und Erde berühren sich. Und neues Leben wird möglich. Der Zuspruch, den die Hirten erfahren, gilt uns. Heute, hier, jetzt: Fürchtet Euch nicht! Freut Euch! Euch ist der Heiland geboren! Erfülltes, gelingendes Leben ist möglich. Für jede_n von uns – und für alle Menschen. Dann ist es unsere Aufgabe,

Weihnachten zu basteln, mitten im Leben, mitten im Alltag. Die Zutaten sind: Schalom, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Solidarität, ein Schiff, ein offenes Ohr, Zeit, eine Umarmung, Da sein. Dann wird es Weihnachten. Auch unterm Jahr.

Das Weihnachtsfest basteln wir auch dieses Jahr. Das kriegen wir hin. Manches bleibt bei mir wie gewohnt: Das Glöck­chen klingelt, die Tür zum Wohnzimmer  öffnet sich, Kerzenlicht, Tannennadelgeruch, Geschenke und große Kinderaugen – Himmel und Erde berühren sich. Manches wird anders: Der Weihnachtsgottesdienst, Hedi wird nicht mitfeiern (sie ist mit 100 Jahren gestorben) – und dann wird Corona einiges durcheinanderwürfeln.

Bastle dir dein Weihnachten. Ich weiß: Es wird Weihnachten. Gott ist Mensch geworden!

Michael Stritar
Dekanatsjugendpfarrer in München und Mitglied in der Landesjugendkammer