Heimat – zwischen Stolz und Vorurteil

„Heimat“ ein großes Wort, mehr als ein Fleckchen Erde, ein starkes Gefühl - umstritten.

Die kurze Google-Suche bringt 5.960.000 Ergebnisse zu „Heimat“. Seit dem 15. Jahrhundert ist das Wort „Heimat“ in seinem Lautbestand nachweisbar mit seinen etymologischen Wurzeln im indogermanischen „liegen“ bzw. „Ort, an dem man sich niederlässt“.

Wenn Du Deine Augen schließt und an„Heimat“ denkst, was verbindest Du damit? Ist es der Ort, an dem Du geboren wurdest oder aufgewachsen bist? Oder ist es die Landschaft? Denkst Du an Bräuche und Traditionen, den Dialekt und die Sprache, an Essen und Trinken? Kannst Du sie förmlich riechen? Ist Heimat ein Stück Sehnsucht, Sicherheit und Geborgenheit? Bedeutet sie Familie und Freunde oder einfach Du selbst sein können?

„Heimat“ ist schillernd und vieldeutig. Doch das war nicht immer so. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Heimat ein juristischer Begriff mit geographischer Orientierung verbunden. Erst mit der Französischen Revolution und der Industrialisierung wurde Heimat regional und gemeinschaftsstiftend. Heute ist Heimat für die Allermeisten vor allem etwas Subjektives, Verträumtes und Intimes. Also kann ich auch stolz auf meine Heimat sein; ich meine jetzt aber nicht nur den Zufall der Geburt, sondern die Errungen- schaften von Menschen für meine bzw. für unsere Heimat oder unser Heimatland.

Also ist Heimat nur ein kitschiger Begriff? Nein. Heimat ist machtvoll, weil damit Grenzen gezogen werden (können), zwi- schen jenen, die dazu gehören und den anderen – ohne Heimat. Damit scheint es nicht verwunderlich, dass vermehrt Gruppen unterschiedlicher Couleur, z.B. Parteien, „Heimat“ für sich entdecken, auch als Kampfmittel.

Gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Umwälzungen bekommt Heimat eine zen- trale Bedeutung. Ich denke beispielswei- se an die Herausforderungen der Globa- lisierung, den rasanten technologischen Fortschritt, die Individualisierung nahezu aller Lebensbereiche, an Flucht und Asyl. Heimat ein Gegenpol zur Turbo-Moderne.
Heimat kann sämtliche Bedürfnisse befriedigen, z.B. das Bedürfnis nach Hunger, Durst, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Wert- schätzung, Selbstverwirklichung. Es ist leicht für jeden zu erahnen, was passiert, wenn der Verlust von Heimat droht, sie verloren gegangen ist oder gar eine neue Heimat verwehrt wird.

Auch die Bibel erzählt von Heimatverlust: von Adam und Eva, die aus dem Garten Eden geworfen wurden; von dem Auszug aus Ägypten und davon, wie das Volk Isra- el in neuen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen leben musste. Auch wir kennen die Sehnsucht nach Heimat, die Suche nach dem verheißenen Land, bis hin zur paradiesischen Heimat: Gottes Liebe. Unser Heimatbegriff ist geprägt von Gottes gelebter Menschenfreundlichkeit, der Würde aller Menschen und der Nächstenliebe. Heimat ergibt sich für evangelische Jugendarbeit also aus Beziehungen zu den Menschen und zu Gott.

Auf diese Heimat können wir stolz sein.

Jürgen Kricke
Jugendbildungsreferent der Evang. Landjugend in Bayern, Koordinator von „Plurability“

Die Angebote „Lieferservice Denk- anstoß“ rund um Entstehung und Abbau von Vorurteilen sowie das „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ können bei Jürgen Kricke gebucht werden.
E-Mail: juergen.kricke[at]elj.de   www.plurability.de

Auf der Webseite gegenrechtsextremismus.bayern-evangelisch.de/ findet sich die Auseinandersetzung von „Kirche und Rechtsextremismus“ sowie ein Kurzleitfaden zum Argumentieren.