Ich bin frei und muss mich doch frei machen.

Ich bin frei. Ich bin frei von Unterdrückung, Zwängen und Einschränkungen.

Das ist, wenn ich ehrlich bin, ganz normal für mich und selbstverständlich. Ich kenne es gar nicht anders (zumindest seit ich erwachsen bin). Und auch in meinem Umfeld kenne ich eigentlich niemanden, dem ein Staat oder eine Obrigkeit oder ein Herrscher vorschreiben, was er oder sie zu tun und zu lassen hat.

Aber wenn ich mir genauer Gedanken mache, fallen mir doch einige Beispiele ein von Freunden oder Verwandten, die nicht immer so handeln können, wie sie gerade wollen. Junge Eltern haben wohl eher nicht die Wahl, wie sie ihre Zeit neben der Arbeit gestalten. Jugendliche, deren Eltern gewisse Erwartungen haben und Druck ausüben, können wohl nicht frei ihren Beruf wählen und ihrer Berufung nachgehen. Wer unter finanziellem Druck steht, dem stehen nicht die Optionen offen, die andere ergreifen können, die mehr Zeit, Unabhängigkeit und Absicherung haben. Personen mit körperlichen, seelischen oder psychischen Beeinträchtigungen können nicht frei von Einschränkungen ihren Wünschen nachgehen. Und wer von Diskriminierung betroffen ist – sei es wegen Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung – der wird auch in vielen Situationen nicht frei von Angst seinen oder ihren Weg gehen können. Dass mich das alles zum Großteil nicht betrifft, ist ein großes Privileg, für das ich gar nicht genug dankbar sein kann. Ich bin frei.

Doch ich bin nicht frei von den Zwängen und Ängsten, die ich mir selbst schaffe.
Mit der Freiheit, meinen Wohnort zu wählen, kommt auch die Sorge, weit weg von anderen Orten zu wohnen, an denen ich lieber wäre oder die besser für mich wären. Die Freiheit der Berufswahl lässt mich auch gleichzeitig zweifeln, ob ich mich für das Richtige entscheide. Das lässt sich beliebig fortsetzen. Aus meinen unzähligen Freiheiten, die für mich selbstverständlich sind, folgt für mich aber auch manchmal die Befürchtung, mich falsch zu entscheiden, falsch zu wählen, die beste Option zu verpassen. Der Wille, die mir gegebenen Möglichkeiten optimal zu nutzen, macht andere Freiheiten stellenweise zunichte. Bei den ganzen Freiheiten fühlt es sich für mich so an, als wäre es kaum möglich, jeweils die eine richtige Entscheidung zu treffen. Das lässt mich an vielen Stellen zweifeln, wie ich handeln soll. Die Angst, etwas zu verpassen, lähmt mich. Und ich kann nicht im Moment leben, sondern überlege, was hätte sein können oder was noch werden könnte. Aber so kann ich nicht glücklich sein, denn die Freiheit, mich für alles Mögliche entscheiden zu können, fühlt sich dann an wie die Gefahr, sich ohnehin nicht richtig zu entscheiden. Es fehlt ein Gefühl von Sicherheit oder Halt. Na, danke auch für alle meine Freiheiten.

Kann ich jetzt auf Freiheit nur mit der Angst reagieren, etwas zu verpassen oder mich falsch zu entscheiden? Manchmal fühlt es sich so an. Wie soll ich als junger Mensch wissen, was für mein späteres Leben die richtige Wahl wäre? Ich müsste ja jetzt schon meine Ausbildung korrekt wählen, sonst lande ich später in einem falschen Beruf. Und ich sollte auch jetzt schon da wohnen, wo später mal mein Lebensmittelpunkt ist, denn sonst verpasse ich ja meine besten Jahre mit diesen oder jenen Menschen.

Mit Abstand kann ich das jetzt anders sehen und auf meine Freiheiten mit Zuversicht und Dankbarkeit reagieren. Ich muss nicht immer abwägen, was die beste Option sein könnte. Beim Blick zurück passiert es leicht, dass ich sehe, was besser hätte laufen können. Aber wäre es anders gekommen, hätte es mir auch schlechter gehen können. Ich sollte mich also eher an die positiven Erlebnisse erinnern, die mir möglich waren und in die Zukunft schauen ohne die Sorge, jetzt gerade nicht auf dem einen besten Weg zu sein. Vielleicht gibt es den auch gar nicht. Sinnvoller ist es doch, nicht bei allem einen Haken zu suchen, denn den findet man überall.

Ich kann jetzt so handeln, wie es sich für mich im Moment richtig anfühlt. Und ich weiß, ich kann mir Rat von verschiedenen Seiten holen. Meistens hilft es auch, mich jemandem anzuvertrauen und dabei mir selbst zuzuhören. Und ich kann mich immer noch umentscheiden. Nicht jede Entscheidung ist so unumstößlich und final, wie sie mir jetzt vorkommen mag. Vielleicht bin ich dann mit dem Ergebnis schon auf dem richtigen Weg, besser kann ich es ja gerade eh nicht machen. Und das muss ich vielleicht auch gar nicht.

Viele Freiheiten sind mir von außen gegeben. Und auch die wichtige Freiheit, nicht das Beste aus allem machen zu müssen. Von diesem Zwang muss ich mich selbst frei machen.

Pascal Laudenbach
Landesjugendkammer

Pascal Laudenbach ist GA-Mitglied der Landesjugendkammer. Nach der Schulzeit in Oberbayern studierte er mit 17 in Würzburg Nanostrukturtechnik, machte den Master-Abschluss und brauchte danach  einige Zeit zum Orientieren. Seit 2 Jahren studiert er Gymnasiallehramt und promoviert in Physikdidaktik.