Interview: Drei Schritte weiter gedacht …

Reinhold Ostermann, Referent für Konzeptionsentwicklung im Amt für Jugendarbeit verabschiedet sich in den Ruhestand. Wir wollen wissen: Wo steht evangelische Jugendarbeit, wenn sie weiter gedacht wird?

zett:
Lieber Reinhold, seit 50 Jahren engagierst Du Dich in und für die evang. Jugend- arbeit. Seit 1994 bist Du Referent für Konzeptionsentwicklung. Jetzt hast Du Dich mit einem Fachtag in den Ruhestand verabschiedet.
Thema des Fachtags: „Drei Schritte weiter – Impulse für eine gegenwärtige christ- liche Jugendarbeit“. Wo steht aus Deiner Sicht evangelische Jugendarbeit, wenn sie drei Schritte weiter gegangen ist?

Reinhold Ostermann:
Sie ist dann stabiler und nutzt die Mög- lichkeiten, die sie jetzt schon hätte, aber nicht im Blick hat. Sie ist lebendiger und Hauptberufliche lernen, in einer sensibleren Art und Weise mit Jugendlichen umzugehen.

zett:
Wie sieht diese „sensiblere Art“ aus?

Reinhold Ostermann:
Hintergrund ist die Frage: Sind wir Anbie- ter? Ich glaube nein, denn wir organisie- ren Freizeitleben. Und in diesem sollen, neben anderen Lernerfahrungen, auch religiöse Erfahrungen gemacht werden. Da geht es nicht darum, dass ich Pro- gramme gestalte, sondern es geht darum, dass ich sehr sensibel auf das reagiere, was Jugendliche bewegt. Dafür müssen Hauptberufliche hörend-wahrnehmende Personen sein, die auch die Zwischentöne verstehen. Das heißt, sie nehmen einen Nebensatz eines/einer Jugendlichen wahr und entdecken darin das Potenzial für eine Projekt- oder Gestaltungsidee. Sie sind zugewandte Partner_innen für gemeinsames Handeln, weil sie ihre Wahrnehmung mit Ernst und Kreativität den jungen Menschen als „Das Ihre“ zurückspiegeln und dadurch Motivation aufbauen, die handlungsfähig macht. Hauptberufliche sind Geburtshelfer_innen für neue Programme, die Resonanzen bei Jugendlichen auslösen. Ich möchte das „sehendes Hören und hörendes Spüren“ nennen, das spannende Programme und thematische Gestaltungen in der Arbeit partizipativ möglich macht, weil den Jugendlichen so die Mitverantwortung für das Geschehen nicht abgenommen wird.

zett:
Was braucht evangelische Jugendarbeit, um diese drei Schritte weiter zu gehen?

Reinhold Ostermann:
Sie braucht ein Innehalten und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Evangelische Jugendarbeit ist ja – sag ich mal – nicht selbstständig. Sie ist abhängig von den Ausbildungsstätten, die die Hauptberuflichen geprägt haben. Sie ist abhängig von den Gemeinde- und Kirchenbildern, die wir in den jeweiligen Gemeinden und auch Dekanaten haben. Und diese sind geprägt von dem, was in der Vergangen- heit war. Man versucht das, was war, in verschiedene Formen zu gießen, aber es passiert kein Umschalten auf ein neues Bild, das zeigt, wie man heute, in der zweiten Moderne, arbeiten könnte.

Ich denke, Erneuerung braucht zwei Din- ge: mich von der Logik der Vergangenheit zu lösen und mich in eine neue für die zweite Moderne tragfähige Arbeitslogik hineinzubegeben. Diese Arbeitslogik ist dann nicht mehr eindeutig von den The- men bestimmt, sondern eher vom „Wie“. Wie mache ich Dinge. Und das ist in Trans- formationsprozessen wesentlich schwie- riger, als nur ein paar formelle Methoden vorzugeben oder Rahmenbedingungen zu ändern. Es geht eigentlich in der zweiten Moderne um die Art und Weise des Wie. Es gibt Kolleg_innen und es gibt Ehrenamtliche, die können das intuitiv und für andere ist das eher schwierig. Sie müssen neu lernen. Vor uns liegen schwierige Transformationsprozesse und wir sind erst ganz am Anfang.

zett:
Was möchtest Du evangelischer Jugendar- beit und den Menschen, die sie gestalten, noch mitgeben?

Reinhold Ostermann:
Den Gottesbezug des Lebens nicht ver- gessen. Der ist ganz stark gebunden an die Fragen von Jugendlichen. Nicht die Re- ligion ist der Schlüssel, sondern die Sinn- und Lebensfragen der Jugendlichen. Das betriff alle Ebenen, von den Kleingruppen bis hin zum Gemeinwesen. Wenn es uns gelingt, jungen Menschen mitzugeben, dass es außerhalb von uns noch was gibt, wäre das eine spannende Sache.

zett:
Drei Schritte weiter für Dich ganz per- sönlich: Was werden Deine ersten drei Schritte im Ruhestand sein?

Reinhold Ostermann:
Der erste Schritt ist Pause machen und zur Ruhe kommen. Ein zweiter Schritt ist einen neuen Rhythmus für den Alltag zu finden, der eindeutig meine Ehefrau in den Fokus rückt. Und ein dritter Schritt wird sein zu schauen, welche Dinge ich tue: Musik, Aufräumen, Gestalten. Und vielleicht schreibe ich noch was, was die Jugendarbeit gebrauchen kann (lacht).

zett:
Für diese drei Schritte und alle noch Fol- genden wünschen wir Dir alles Gute und Gottes Segen!
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Daniela Schremser.

Die Vorträge des Fachtags sind auf www.ejb.de zu finden.