Jährlich kommt …

Ja was eigentlich?

12. Sept.
Ich habe es echt so satt. Ich fühle mich gefangen in einem Hamsterrad ständig wiederkehrender Ereignisse. Gerade ist der Sommer vorbei und schon sind alle in Weihnachtslaune. Ich mach da nicht mehr mit! Dieses Jahr fällt für mich Weihnachten aus! Basta! Ich beuge mich nicht dem Jahresverlauf, der immer am 1. Januar seine Repeat-Taste bemüht. Dem jährlichen Wahnsinn der Wiederholung biete ich dieses Jahr entschieden die Stirn. Jawohl!

15. Sept.
Heute habe ich mich an einer Palette Lebkuchenlieferung am großen Zeh verletzt. Kein Wunder, denn bei 25 Grad Außentemperatur kann man ja noch mit Flip Flops einkaufen gehen. Bei dem Versuch, im Zick-Zack-Kurs den Schokonikoläusen, den Zimtsternen und Dominosteinen auszuweichen, war eine direkte Kollision jedoch leider nicht vermeidbar. Das machen die jedes Jahr! Man sollte es eigentlich besser wissen. Ich habe schlechte Laune!

18. Sept.
In dem festen Vorhaben, mich aller Weihnachtsidylle zu entziehen und meinem Entschluss des Nicht-Einverstanden-Seins mit den sich wiederholenden Jahreszeiten bin ich zufrieden aufgewacht. An die ungewollte Begegnung mit den ersten Weihnachtsleckereien erinnert nur noch ein dumpfes Pochen im rechten großen Zeh. Einigermaßen gut gelaunt steige ich ins Auto und fahre in die Arbeit. Als mit dem Hinweis „es wär schließlich höchste Zeit“ Last Christmas von Wham erschallt, überlege ich kurz, mein Auto zu verschrotten. Dann fällt mir ein, dass es ja durchaus reicht, das Radio zu entsorgen. Ich fahre seither ohne Radio. Meine Laune ist nachhaltig auf dem Tiefpunkt!

 

Sept./Nov.
Habe die Weihnachts-Vermeidungstaktik zur Perfektion gebracht. Meide entschieden größere Menschenmassen und schalte weder Radio noch Fernseher ein. Klappt eigentlich ganz gut. Fühle mich zwar etwas einsam, aber alles hat seinen Preis. Meine Laune: ok!

1. Dez.
Habe heute wieder meine Sonnenbrillen in den Bestand der täglich verwendeten Gegenstände aufgenommen. Es scheint mir verantwortungslos, ohne ebendiese das Haus zu verlassen. Die LED-Beleuchtung meiner Nachbarschaft lässt selbst die dunkelste Nacht taghell erstrahlen. Langsam erholen sich meine Augen wieder. Habe gestern direkt in ein beleuchtetes Rentier geschaut. Merkposten für das nächste Jahr: Die Investition in eine neue Winterjacke lohnt sich nicht. Ich kann in meinem Viertel das ganze Jahr ohne Jacke raus, die Beleuchtung sorgt für stete und angenehme 15 Grad. Meine Laune: Eigentlich ganz ok, ich bin froh, dass ich wieder sehen kann.

5. Dez.
Anfängerfehler! Bin heute ohne näher nachzudenken, in die Stadt gegangen. Als ich meinen Irrtum bemerkte, war es schon zu spät. Der dichte Strom der Einkaufsbegierigen hat mich verschluckt. Keine Möglichkeit zu entkommen. Meine Laune: Keine Ahnung, sie ist mir unterwegs abhanden gekommen.

6. Dez.
Hab mich gerade mit einer Mutter an der Bushaltestelle gestritten. Mein Einwand, dass wenn überhaupt am 6. Dezember der Nikolaus käme und der Weihnachtsmann lediglich die Erfindung eines großen amerikanischen Getränkeherstellers sei, kam nur mäßig gut an. Dass ihre beiden Kinder ob der verstörenden Situation in Tränen ausgebrochen sind, hat die Stimmung nicht wesentlich entspannt. Bin heute eigentlich ganz zufrieden! Die Wahrheit darf ja wohl gesagt werden! Meine Laune: fast schon heiter!

16. Dez.
Habe heute kurz überlegt, ob ich etwas Entscheidendes verpasst habe. Die panischen Hamsterkäufe im Supermarkt haben mich echt verstört. Zu Hause fiel mir dann ein, dass ja bereits in acht Tagen Weihnachten ist. Meine Laune: mies!

24. Dez.
Dankbar und erleichtert, dass der Spuk bald zu Ende ist, bin ich heute aufgewacht. Meinen lautstarken Einwand nicht mit in die Kirche zu gehen, hat meine Mutter völlig ignoriert und mich in den Gottesdienst geschleppt.  Als die Orgel einsetzt und der Chor zu singen beginnt, merke ich wie ich ruhig werde und mich entspanne. Bei aller Aufgeregtheit kommt mir das erste Mal die frohe Botschaft der Geburt Jesu in den Sinn. Und dann verstehe ich, dass Weihnachten zu mir kommt, ob ich es will oder nicht. Weihnachten ist das Gefühl, dass der Friede uns Menschen erreicht und wahrhaftig unter uns wohnt. Ob mit oder ohne Vorbereitung, ob ich es zulasse oder nicht. Weihnachten ist eben keine jährlich wiederkehrende Selbstverständlichkeit, sondern (s)ein Geschenk an mich. Meine Laune: christkindlich und voller Dankbarkeit!

Ach ja: Und bei dem Lied: „Oh du fröhliche“ habe ich dieses Jahr besonders laut mitgesungen!

(Auszüge aus dem Tagebuch von Nikola L., 35 Jahre aus Winterfeld)

Ilo Schuhmacher
Referentin für Grundsatzfragen und Jugendpolitik