Jesu Geburt - ein Gegenentwurf

Mächtig ist die Adventszeit von pulsierendem Leben, Geschäftigkeit und Eile geprägt. In der Stadt verschlägt es einem den Atem. Zigtausende, ach was, Millionen von Menschen denken ans Schenken, und sie laufen und kaufen. 

Eine riesige Woge von Menschen schiebt sich durch die Stadt. Überall quellen sie herein und heraus. Und ein Teil spürt mal mehr, mal weniger die Sehnsucht nach der Heiligen Nacht. Auch wenn die Tage vor Weihnachten noch so anstrengend sind, erwarten alle etwas: Vielleicht Ruhe und Besinnlichkeit, daheim in unserer kleinen Welt. Oder in unseren Familien Harmonie und Frieden. Oder vielleicht weiße Weihnacht? Draußen Schnee und drinnen warm und wohlig. Ein bisschen geborgen sein in dieser Welt, das wäre schön. Aber was hat es mit der Geburt Jesu auf sich? Warum so viel Zauber um dieses Ereignis am Rand der Welt­geschichte? 

Es begann unspektakulär

Die erste Weihnachtsbotschaft der Welt ging an Maria. Ein Engel sagte ihr: Dein Sohn wird König sein, und sein Reich wird kein Ende haben. Von dieser Maria wissen wir nicht viel. Sie war eine sehr junge Frau und verlobt mit einem Zimmermann namens Joseph. Sie lebte in dem kleinen Dorf Nazareth. Maria gehörte zu einem Volk, das seit ewigen Zeiten beherrscht und herumgestoßen wurde. Doch in diesem Volk blieb eine wichtige Hoffnung lebendig. Mit ihrem jüdischen Volk war auch Maria überzeugt: Gott wird uns retten. Und das kann bald, vielleicht schon morgen soweit sein. 

Diese Maria hörte als Erste die Weihnachtsankündigung. Nach dem vermutlich ersten Schreck steigt Freude und Jubel auf: „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.“ Maria war begeistert. Gerade durch sie wollte IHR Gott der Welt seine Macht zeigen. Es gab unzählige reiche, erhabene Römer, da gab es den Kaiser Augustus und den König Herodes sowie unzählige mächtige Männer, aber die Tochter des geknechteten jüdischen Volkes wurde von Gott auserwählt. Eine Frau war es, die Gott dafür auserwählt hatte.

Der Gegenentwurf Gottes zur herrschenden Welt begann Formen anzunehmen. Wenn Gott eine Tochter des geknechteten jüdischen Volkes auserwählte und nicht die mächtigen Herren in Rom und Jerusalem, dann betraf das nicht nur ihr Leben; dann würde das die ganze Welt verändern. Maria spürte das: „Die ganze Welt wird anders!“ Gott ist nicht bei den Herrschern dieser Welt, er kommt zu den Kleinen, Schwachen und Niedrigen.

Und dann brach es aus Maria heraus. Alles, was Menschen seit Jahrhunderten erlitten und erduldeten, brach nun aus dieser unscheinbaren jüdischen Frau heraus: 
Gott, mein Retter hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
Hoffnung, Kraft und Mut tragen Marias Worte: Gott greift ein in dieser Welt. Er bringt Umsturz und Rettung, wo Leid und Ungerechtigkeit sind. 

Der Gegenentwurf zur herrschenden Welt nimmt Fahrt auf. Gott kommt zur Welt! Als kleines Menschenkind kommt Gott selbst in einem Stall zur Welt. Man stelle sich die Blamage für die Mächtigen vor. Für jeden Staatsgast wird der rote Teppich ausgerollt. Aber dieser Gott durchbricht die Etikette. Er geht auf staubigen Straßen, sucht und findet Freunde im Prekariat und Outlaw-Milieu. Er provoziert, wird angefeindet, ist am Ende allein, wird gefoltert und zuletzt gekreuzigt. Dieser Gott ist ein ständiges Ärgernis für alle, die über andere bestimmen. 

Der Gegenentwurf zur herrschenden Welt hat einen Kern: Diese Botschaft untergräbt jede Herrschaft, denn sie gilt jedem Menschen, allem Leben. „Du bist nicht allein, ich bin bei Dir“, flüstert Gott durch das Ohr in das Herz! Er ist da, wo die Tränen fließen, oft unbemerkt von der Welt, wo Schreie sind, ungehört oder unbeachtet, dort, mitten im Leid ist Gott am nächsten.

Der Gegenentwurf zur herrschenden Welt stellt auch uns heute in Frage: Die Krippe ist das Symbol der Weihnachtszeit. Die Krippe ist Zeichen der Niedrigkeit. Niemand legt sein Kind in einen Futtertrog, wenn er etwas Besseres hat. Dieses liebliche Jesuskind, das in dieser Krippe lag, wurde am Ende seines Lebens an ein Kreuz geschlagen. Die Krippe und das Kreuz stehen als größtes und mächtigstes Mahnmal aller Zeiten: der Gegenentwurf zur herrschenden Welt – damals, heute und auch in Zukunft. 

An Weihnachten sagt Gott jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben zu.
In der Adventszeit pulsiert das Leben mächtig! Wir denken ans Schenken und laufen und kaufen. Doch man kann die Botschaft hören, wenn´s laut ist, besonders in der Stille der Heiligen Nacht: Jesu Geburt, der Gegenentwurf zur herrschenden Welt.

Gerd Bauer
Landesjugendpfarrer