Jetzt erst recht!

Evangelische Jugendsozialarbeit ist #zukunftsrelevant

Lockdown, Mitte März. Fast alle Angebote fahren runter, auch in der Jugendsozialarbeit. Alles muss sich den nunmehr geltenden Corona-Regeln unterordnen. Beratungsgespräche in Jugendmigrationsdiensten fallen aus. Die Arbeit in Jugendwerkstätten ruht. Und an Schulen sind keine Schüler_innen mehr, die zu Mitarbeitenden der Jugendsozialarbeit Kontakt aufnehmen können.

Für viele junge Menschen ist das eine dramati­sche, teils unerklärliche Situation. Gerade jetzt wären Erklärungen dringend erforderlich, vor allem für die Jugendlichen, die es auch ohne Corona nicht leicht haben, sich Unterstüt­zung in ihrem Umfeld zu organisieren. Von Problemen mit dem Alleinsein und dem Gefühl allein gelassen zu werden, ganz abgesehen. Warum Kontaktbeschränkungen? Wieso nicht mehr arbeiten in der Jugendwerkstatt, wo es sonst sogar Sanktionen hagelt, wenn man nicht erscheint? Die Prepaid-Handys sind rasch leertelefoniert. Drucker oder geeignete Endgeräte für das, was Homeschooling sein soll, gibt es kaum. Kontakt zu Beratern, Betreuerinnen und Anleiterinnen fehlt ganz plötzlich. Einige geraten in ihren persönli­chen „Lockdown“.

Beratung vom Balkon

Und doch: In vielen Fällen gelingt der Kontakt. Jugendwerkstätten öffnen und die jungen Leute kommen, weil sie dort das finden, was man sonst nirgends bekommt: Aufmerksamkeit, Erklärungen, Kopien und Ausdrucke, ein leistungsfähiges WLAN, Ansprache und Ermutigung, Begründungen für Beschränkungen, die bis dahin noch niemand kannte. Erste Beratungsgespräche vom Balkon der Beratungsstelle aus gelingen ebenso wie bei Spaziergängen. Sogar das Telefon ist neben der Daddelei und SMS für etwas gut: Es sichert Kontakt zur Sozialpädagogin, zum Schulsozialarbeiter und zwar in beide Richtungen.

So sichert Jugendsozialarbeit Zukunft! Weil es immer wieder gelingt, mit den jungen Menschen Perspektiven aufzubauen und gemeinsam an deren Realisierung zu arbeiten: Bildungsverläufe anbahnen und sichern, erneut Startchancen  ermöglichen, Ausbildungen beginnen und häusliche sowie schulische Probleme an­packen – all das sichert Zukunftschancen junger Menschen. Insoweit ist Jugendsozialarbeit zukunftsrelevant!

Die Corona-Zeit und ihre Folgen ermöglichen in besonderer Weise flexible und teils auch ganz neue Lösungen. WhatsApp wird genutzt, was bisher immer tabu war. Hilfeleistungen werden so erbracht, wie es bisher nicht möglich schien. Manche junge Menschen wachsen über sich hinaus und zeigen überraschend neue Seiten. Viele Fachkräfte werden kreativ und suchen neue Wege ihre „Leistungen“ zu erbringen. Deshalb keimt Hoffnung, dass über Corona hinaus etwas bleibt von dieser Kreativität, Spontaneität und Offenheit für neue, teils digitale Wege und Formen in der Jugendsozialarbeit.

Mut zur Veränderung

Wir brauchen diese Aufbruchsstimmung,  diesen Mut zur Veränderung. Gesellschaftlicher Wandel kündigte sich schon vor Corona an, nun ist er plötzlich allgegenwärtig und fordert uns nachhaltig heraus – auch in der Jugendso­zialarbeit.

Und die Kirche? In Zeiten von Corona ziemlich abgetaucht, für manche kaum noch greifbar, ist Jugendsozialarbeit zu  einer „Docking-Station“ geworden. Für eine Zielgruppe, die von Kirche selbst eher als „fern“ bezeichnet wird, die aber sehr wohl da ist und durch konkrete Angebote erreicht werden kann. Und Kirche kann damit in der Gesellschaft zeigen, welche Wege es gibt zu mehr Gerechtigkeit und Gemeinschaft – gerade jetzt in Zeiten von zunehmender Ungerechtigkeit und Armut, tieferen Trennungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und den aktuellen Kontaktbeschränkungen.  Corona könnte Mut machen!

Klaus Umbach
Geschäftsführer ejsa Bayern