Karten neu mischen

Player werden
in der Auseinandersetzung mit brennenden Themen

Auf einer Freizeit sitzen Jugendliche zusammen und spielen Karten. Die Karten werden gemischt und ausgeteilt, und dann kommt die leicht empörte Frage eines Mitspielers: „Wer hat denn da gemischt?“ Sein Gesicht lässt erkennen, er hat grottenschlechte Karten und kaum eine Chance, das Spiel zu gewinnen. Doch so ist es beim Kartenspielen: Vor jeder Runde wird neu gemischt, damit werden die Chancen auf alle gerecht verteilt.
Jetzt kann man sich über die Karten in der Hand ärgern oder einfach damit umgehen und das Beste daraus machen.

Erstmalig findet sich in Deutschland nach einer Bundestagswahl nicht sofort eine Regierung zusammen und erstmalig zieht eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag ein. „Wer hat denn da gemischt?“ „Wer spielt denn alles mit?“ „Wie lange wird gemischt, bis eine Regierung steht?“ Das sind auch hier aus unterschiedlichen Perspektiven berechtigte Fragen.
In der Wiege der Demokratie, in Griechen­land, wurden Namen von Bürgern auf Karten geschrieben und es wurde gelost, wer ein politisches Amt bekam. Es konnte jeden treffen und jeder musste damit zufrieden sein, was das Los entschieden hatte. „Wer hat denn da gemischt?“ Das war im alten Griechenland wohl eine politisch gesehen korrektere Frage als heute.
Heute dürfen wir Politik und Gesellschaft aktiv mitgestalten. Wir dürfen unsere Stimme abgeben, wählen und gewählt werden, wir dürfen unsere Meinungen äußern, also mitmischen und mitspielen!
Sind wir aber nicht gerade dabei, das Regelwerk des Spiels zu hinterfragen? Fake-News haben Konjunktur. Ausgrenzung und Diskriminierung sind nicht mehr wegzudiskutieren. Damit werden sogar weltweit Wahlen gewonnen. Sie werden gewonnen, weil Bürger lieber den Populisten und den einfachen Antworten folgen.

Unsere Aufgabe als Evang. Jugend ist es, dass junge Menschen Demokratie als wertvoll erleben, indem sie mitreden, mitgestalten und teilhaben dürfen. Partizipation, Begegnung und die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie Digitalisierung, Migration oder Gleichberechtigung stehen daher wieder deutlich mehr auf der Agenda unserer Konvente und Bildungsangebote.
Wir sind gefordert, deutlich zu machen, wofür die christliche Botschaft steht. Es braucht Räume für eine ehrliche und kritische Auseinandersetzung.
In denen Träume und auch Ängste Platz finden, um gemeinsam ein Gesellschaftsbild der Zukunft zu entwickeln. Eine Frage, die sowohl in unseren Gruppen und ich Gremien, wie auf unseren Freizeiten Platz haben sollte. Vielleicht sogar während eines Kartenspiels.

So werden wir nicht zum Kartenhalter, sondern auch Player in der Auseinandersetzung mit den brennenden Themen der Menschen von heute. Nur wer mitspielt, kann das Spiel mitgestalten.

Benjamin Greim
Referent für Gesellschaft und Sozialethik