Landeskonferenz

Landeskonferenz der Hauptberuflichen und Dekanatsjugendpfarrer_innen
2. bis 5. März 2020 in Pappenheim

Wir brauchen emotionale Erfahrungsräume
„Haste mal Feuer?“- unter diesem Motto stand die Tagung der Hauptberuflichen und der Dekanatsjugendpfarrer_innen in Pappenheim.

Aktuelle Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft lassen die Frage nach der Relevanz des christlichen Glaubens und der Kirche für die junge Generation immer wichtiger werden. Studien und Statistiken zeigen, dass die Austrittsneigung aus der Kirche bei jungen Menschen am höchsten und Zugänge zu den Inhalten des christlichen Glaubens nicht mehr automatisch vorhanden sind.

„Kirchenmitgliedschaft ist für junge Menschen nicht mehr identitätsstiftend“, wendet sich Professor Tobias Faix von der CVJM-Hochschule in Kassel in seinem Referat an die über 200 Konferenzteilnehmer_innen. „Jugendliche suchen nach religiösen und spirituellen Antworten und Erlebnissen, aber nicht in Institutionen“, so der Professor. Für sie seien subjektive Erfahrungen entscheidend, allerdings spiele es keine Rolle, ob es im kirchlichen Rahmen oder in einem anderen stattfindet. Jugendliche holen sich von überall ein bisschen und würden Symbole oder Glaubensformen ganz unterschiedlich und meistens sehr subjektiv bewerten, Tobias Faix spricht hier von „Patchworkglaube“. Die Hauptamtlichen fordert er auf: „Bauen Sie neue Brücken für die Botschaft, schaffen Sie ganzheitliche Erfahrungsräume.“ Dass dies nur im Austausch mit den Jugendlichen geht, verstehe sich von selbst. „Jugendliche sind selbst Experten und wir müssen sie beteiligen, um neue Formen zu finden.“

Der Journalist und Politikwissenschaftler Erik Flügge stellt es noch drastischer dar: „Als Kirche stellen wir Gott und Religion als eine Gegenwelt dar und nicht als normalen Teil des Alltags.“ Er ist überzeugt, dass dies so nicht funktionieren kann. Den Hauptberuflichen wirft er vor, einen Glauben der Vergangenheit zu organisieren. Mit Jugendlichen Lieder aus den 1970er oder 1980er-Jahren zu singen, sei nicht richtig. „Wenn die Jugendlichen behaupten, ihnen würde dies gefallen, lügen sie Sie an“, behauptet Erik Flügge.
„Wir haben die Jugend aus den Kirchen getrieben, hinaus sozialisiert, heraus gesprochen.
Heute stehen wir vor dem Scherbenhaufen und müssen anerkennen: Die Frage nach Gott hat keine Mehrheit mehr“, so der Referent, der selbst in kirchlicher Jugendarbeit aufgewachsen und katholische Theologie studiert hat.

„Der Kontakt - insbesondere der Erstkontakt -für junge Leute mit Kirche müsse ein emotionales Geschehen sein“, fordert Flügge: Dabei zeichnet er eine Idee auf und schlägt vor, für alle 35.000 Jungen und Mädchen, die in Bayern in der achten Jahrgangsstufe den evangelischen Religionsunterricht besuchen, ein einwöchiges Event zu organisieren. Dort könnten sie selbst Kirche gestalten und zu den Gottesdiensten eigene Musik komponieren. So hätte dieses Ereignis eine gewisse Alltäglichkeit, da die Mehrheit der Klassenkameraden dies auch miterlebt haben. 

Die Hauptberuflichen in der Jugendarbeit diskutierten in Workshops diesen Vorschlag sowie weitere Modelle. Vielfach würden in der Jugendarbeit längst emotionale Erfahrungsräume angeboten, in denen sich Jugendliche entfalten könnten und sie über Gott sprechen können.  Die Palette ist vielfältig und reicht z.B. von Konfi-Camps, Jugendkirchen, Natur- und Erlebnisangeboten, dem gemeinsamen Bau einer Kapelle. Hier konnten sie alle Erstkontakt mit Gott und Kirche bekommen. Die emotionalen Erfahrungsräume müssten flächendeckend ausgebaut werden. Offen sei die Frage, wie es für die jungen Menschen nach der Jugendarbeit weiterginge bzw. welche Angebote zur Verfügung stehen würden.

Eine mögliche Lücke im Bereich der digitalen Angebote für Jugendliche soll im nächsten Jahr geschlossen werden. Die Konferenz 2021 wird sich mit „Jugendarbeit digital“ beschäftigen.

Die Landeskonferenz der hauptberuflichen Jugendrefent/-innen und Dekanatsjugendpfarrer/-innen dient dem Erfahrungsaustausch, der Fortbildung und der Vertretung berufsspezifischer Interessen. Sie entwickelt zusammen mit dem Amt für evangelische Jugendarbeit Zielvorstellungen für die evangelische Jugendarbeit und findet jährlich in der Woche nach den Faschingsferien statt.

Christina Frey-Scholz
Öffentlichkeitsarbeit
05. März 2020