Mir fehlen die Worte.

Klimaschutz ist keine Utopie, sondern faktische Notwendigkeit

Eine junge Klimaaktivistin spricht auf dem UN-Klimagipfel in New York und wendet sich ungewohnt emotional und aufgebracht an die führenden Persönlichkeiten und Mächtigsten dieser Welt. Sie findet klare Worte, für das, was sie sagen möchte: „How dare you?!“

Am 20. September gehen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt auf die Straßen. Demonstrieren laut, bunt, friedlich für ihre Zukunft und eine effektivere Klimapolitik. Sie soll nicht Utopie bleiben, sondern Wirklichkeit werden. Sie soll unserem Planeten einen längeren Atem verschaffen und uns Jüngeren eine Zukunft sichern.

Ich bin in München dabei. 40.000 Menschen protestieren gemeinsam. Nicht nur Schüler_innen, sondern alle Generationen und viele, viele Gruppen sind vertreten. Ganz Deutschland zählt ca. 1.4 Millionen für den Klimaschutz auf den Straßen. Die Bilder der Demos prägen die Nachrichten und machen Hoffnung auf Veränderung!

Zu wenig, zu langsam, zu spät

Gleichzeitig tagt das Klimakabinett in Berlin und verhandelt über ein sogenanntes „Klimapaket“ und ja, es bleibt danach nur ein Gedanke: „Wie können sie es wagen?“ Die Politiker_innen feiern sich für das Ergebnis, das so fernab des wissenschaftlichen Konsenses und der Pariser Klimaziele liegt. Und wir von der Straße wissen nicht, ob wir weinen oder lachen sollen, weil das Maßnahmenpaket so absurd, so schwach ist. Unsere Träume und Hoffnungen scheinen Wunschvorstellungen zu bleiben. In einem offenen Brief schreibt Fridays for Future an die Bundesregierung, die Entscheidungen zum Klimaschutz seien „eine politische Bankrotterklärung“ und „ein Schlag ins Gesicht aller Demonstrant_innen“. Von Seiten der Wissenschaft heißt es entsetzt über die Mutlosigkeit der Politik: „Zu wenig, zu langsam, zu spät!“. Mir selbst fehlen die Worte.

Die „How Dare you“-Rede am UN-Klimagipfel rüttelt an den Menschen. Es gibt viel Zustimmung und Begeisterung bei Sympathisanten. Bei den Gegnern löst die Rede unfassbare, so bisher nicht dagewesene Wellen des Spotts, der Aggression und des Hasses aus. In der Öffentlichkeit begegnen mir Menschen, die schamlos die jungen Protestierenden in den vollen U-Bahnen auf das Übelste beleidigen. Ich bin wütend, so wütend auf die unverschämte, überhebliche Ignoranz und die selbstverständliche Respektlosigkeit, mit der jungen Menschen begegnet wird.

Beim Lesen in den sozialen Medien, wie der Facebook-Gruppe „FridaysForHubraum“, bleibt mir die Wut im Hals stecken, mir wird schlecht: Erwachsene Menschen verhöhnen in zahlreichen grenzüberschreitenden Kommentaren, bis hin zu Gewalt-Fantasien und Todeswünschen, Schüler_innen, junge Menschen und ganz besonders die eine junge Aktivistin. Hemmungen fallen, sobald sie sich in einer zustimmenden Gruppe wähnen. Ich nehme einen Abgrund der Menschlichkeit wahr, mit dem ich nicht gerechnet habe und der so weit weg von politischer Meinungsverschiedenheit liegt. Wie kann ein Thema wie Klimaschutz, in so eine triefende, menschliche Hässlichkeit gelangen? Was für Ausmaße nimmt das an? In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben. Mir fehlen die Worte.

Ich frage mich: Wie kann unsere Regierung so schwerfällig sein, Experten und fachlichen Konsens ignorieren, Wissenschaft mit Füßen treten? Meine politische Desillusion scheint vollkommen. Ich bin wütend und ich bin ganz bei Greta: Wie könnt ihr es wagen? Klimaschutz darf eben nicht als Utopie junger Träumer_innen betrachtet werden. Nein! Er ist eine faktische Notwendigkeit, wenn wir nicht in der Dystopie landen wollen.

Ich bin ein junger Mensch mit hoffnungsvollen Zukunftsträumen von einer offenen, freundlichen und grünen Welt. Aber angesichts dieser Anstandslosigkeit, dieses Hasses, kann ich das, was gerade passiert, einfach nicht begreifen. Ich will es wie Greta den Verantwortlichen ins Gesicht rufen: „Wie könnt ihr es wagen?“ Aber mir fehlen die Worte.

Marlene Altenmüller
Vorsitzende des Landesjugendkonvents