Sprache prägt die Realität

EJB führt Gender_Gap ein

Liebe Leser_innen, schön dass Ihr hier seid. Ich frage mich, wer weiß, was dieser Unterstrich da soll? Aber keine Sorge wenn nicht, genau das möchte ich gerne erklären.

Vorweg: Eine Veränderung steht an! Die EJB verwendet nun die Gender_Gap. Das bedeutet, dass nicht nur die männliche und/oder weibliche Form genannt wird, sondern beide Formen werden in einem Wort mit einem Unterstrich verbunden.
Jetzt könnte man oder frau sich denken: Haben die nicht andere Probleme? Manche würden vielleicht sagen, es sei übertrieben, unnötig und verkomplizierend. Also warum haben wir das gemacht?

Die Evangelische Jugend hat sich auf dem Landesjugendkonvent 2017 mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beschäftigt – spätestens da wurde uns bewusst: Es gibt nicht nur Männer und Frauen, sondern viele Menschen, die sich zwischen diesen Geschlechtspolen bewegen. Das wird gesellschaftlich oft übersehen, was einfach ungerecht ist und gerade wir als Christen_innen, die davon überzeugt sind, dass Gott beim Menschenschaffen nicht ständig Unfälle baut, wollen mit dieser Benachteiligung nicht leben.

Aber was hat das jetzt mit einem Unterstrich zu tun?

Wenn wir uns die gesellschaftliche Entwicklung ansehen, hat sich gerade die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft innerhalb des letzten Jahrhunderts stark gewandelt. Früher wurden Frauen zu öffentlichen Belangen nicht angesprochen. Sie hatten kein Wahlrecht und durften nicht selber entscheiden, ob sie arbeiten gehen wollen. Stattdessen wurden sie von ihren Vätern oder Männern bevormundet. Sprache war männlich, der Lehrer, der Pfarrer, der Professor, aber das war meistens auch die Realität. Männer haben sich um alles wichtige Öffentliche gekümmert, also brauchte es nur die Ansprache der Männer. Und als Frauen dann immer mehr Rechte bekamen und auch angesprochen wurden, meinte man sie dann einfach mit.

Mitmeinen reicht nicht

Heute arbeiten wir nicht nur immer weiter auf eine Gleichberechtigung der Frauen hin, sondern auf die Anerkennung aller Geschlechter. Heute möchten wir alle Menschen ansprechen und das heißt, wir passen unsere Sprache an, weil „mitmeinen“ nicht reicht.
Warum? Studien belegen unter anderem, dass, wenn die männliche Form verwendet wird, in unserem Kopf Bilder von Männern erscheinen. Wir sprechen eben von Professoren und Lehrern aber von Putzfrauen und Kindergärtnerinnen. Und? Was für ein Bild erscheint in Eurem Kopf, wenn Ihr das lest? Ich unterstelle: Bilder von den Geschlechtern, von denen gesprochen wird, weil das „mitmeinen“ in unserem Kopf eben nicht so funktioniert und das prägt auch unser Handeln.

Wir werden stattdessen von Professor_innen und Lehrer_innen sprechen, von Reinigungskräften und Erzieher_innen. Es mag ein bisschen sperrig erscheinen, aber zumindest in meinem Kopf und hoffentlich auch in Deinem, bleibe ich kurz hängen und korrigiere mein Bild, ich sehe so alle Geschlechter vertreten. Und zwar nicht nur Männer und Frauen, sondern in dieser Lücke die unsere „gap“ bietet, haben noch alle anderen Platz, die sich nicht an den Polen Mann-Frau wiederfinden.
Das ist unbequem, ja. Und vielleicht nicht so schick, aber das ist es wert. Denn unsere Sprache prägt die Realität. Und wie soll sich eine Gesellschaft der Geschlechtervielfalt und Geschlechtergerechtigkeit besser bewusst werden, als wenn sie immer darüber spricht?

Lisa Schaube
Landesjugendkammer