Transformation der Jugendkirche in Bayern

Zwischen Neugründung und Neuausrichtung: Wie sich die evangelischen Jugendkirchen in Bayern weiterentwickeln – von der ersten Jugendkirche in Nürnberg über eine Neugründung bei Landshut bis zur Neuausrichtung im Allgäu.

Nürnberg, 29.07.2026. Jugendkirchen sind wichtige Experimentierräume der evangelischen Kirche: Orte, an denen junge Menschen Glauben ausprobieren, Gottesdienste selbst gestalten und erfahren, dass sie selbst Gemeinde sind. In Bayern sind alle diese Räume im „Netzwerk Jugendkirchen“ der Evangelischen Jugend in Bayern (EJB) verbunden – und dieses Netzwerk ist in Bewegung: Während in Landshut gerade eine neue Jugendkirche entsteht und etablierte Räume wie in Nürnberg und München neue Akzente setzen, richtet sich die Jugendkirche in Lindau nach zehn Jahren neu aus. Ein Überblick über die Transformation einer jungen kirchlichen Bewegung.

Aus dem Jugendkeller in die Kirche

Was Jugendkirchen ausmacht, lässt sich in einem Bild zusammenfassen: Jugendarbeit findet nicht mehr in Räumen am Rande statt, sondern an einem zentralen Ort mit kirchlicher Symbolik und jugendgemäßer Ästhetik, den sich junge Menschen auf ihre Weise „aneignen“ können. Jugendkirchen verstehen sich als eine Art spirituelles Jugendzentrum, das zwanglos zu Erfahrungen mit dem christlichen Glauben einlädt – mit Musik, Theater und kreativen Formen der Jugendkultur. Beteiligung, Mitwirkung und Partizipation spielen eine besondere Rolle: Junge Menschen erleben, dass sie selbst Gemeinde sind und Kirche gestalten können. Als überparochiale Orte ergänzen Jugendkirchen andere Formen evangelischer Jugendarbeit – sie ersetzen sie nicht, sondern ergänzen sie.

„Dass sich Jugendkirchen gründen, wandeln und manchmal auch neu ausrichten, ist ein Zeichen von Lebendigkeit in unserer Kirche. Eine Kirche, die junge Menschen ernst nimmt, muss sich mit ihnen bewegen. Genau das geschieht in Bayern gerade an ganz unterschiedlichen Orten“, sagt Tobias Fritsche, Landesjugendpfarrer und Koordinator des Netzwerks Jugendkirchen. „Wichtig ist mir: Junge Menschen gestalten hier Kirche selbst. Dieser Kern bleibt, auch wenn sich die Formen wandeln.“

LUX – Junge Kirche Nürnberg: Bayerns erste Jugendkirche

Am Anfang der Bewegung steht LUX in Nürnberg: Bayerns erste Jugendkirche, seit 2009 ein kreativer Begegnungsort am Nordostbahnhof für junge Menschen zwischen 15 und 27 Jahren. Der umgebaute Kirchenraum verbindet Spiritualität mit jugendlicher Kultur. Seit der Gründung spricht LUX vor allem junge Menschen an, die wenig mit Kirche zu tun haben, aber auf der Suche nach Begegnung mit Gott und Gemeinschaft sind, eigene Ideen für Veranstaltungen haben und sich einbringen möchten. Ausgebaut wurde in den letzten Jahren zusätzlich eine stärkere Verbindung mit den Kirchengemeinden und Schulen in Nürnberg. Konfi-Tage, Schulband-Contest und Jugendgottesdienste für verschiedene Altersgruppen sind fester Bestandteil im Programm. Dazu kommen Events wie Poetry-Slams, Lesungen, Comedy-Abende und Theateraufführungen, aber auch neue spirituelle Formate wie Yoga+ oder Worship-Angebote. Junge Menschen gestalten in LUX aktiv mit und verändern dadurch Strukturen, Programmangebote und Schwerpunkte. Ehrenamtliche der LUX bringen sich auf allen Ebenen der Evang. Jugend Nürnberg ein. Die enge Anbindung an die dekanatlichen Strukturen und die Relevanz der Jugendkirche zeigt sich in Zeiten von Kürzungsdruck und Landesstellenplanung in ersten zukunftsweisenden Beschlüssen des Dekanatsauschusses für die Arbeit der LUX.

Jugend in der Kirche München: Kooperation in der Rogatekirche

In München ist die Jugendkirche als Teil der gesamten Jugendarbeit im Dekanat, die sie hier vertieft. Sie teilt sich das denkmalgeschützte Zentrum der Rogatekirche kooperativmit der „klassischen“ Sophie-Scholl-Gemeinde und weiteren Angeboten aus der Jugendarbeit wie den Freiwilligendiensten. Als „Jugend in der Kirche“ bietet sie flexible Räume, moderne Technik und Formate von Gottesdiensten und Partys bis hin zu Escape-Rooms. Gestaltet wird die Arbeit von den Jugendlichen selbst im eigenen Leitungsgremium (JuKiLk); charakteristisch ist die enge Vernetzung mit der Jugendarbeit auf Dekanatsebene.

Neugründung bei Landshut: eine junge Kirche in der Gnadenkirche Auloh

Ganz am Anfang steht die Junge Kirche Landshut: In der Gnadenkirche Auloh bei Landshut wird bis Ostern 2027 ein „Haus für Kinder-, Jugend- und Familienarbeit“ aufgebaut. Bis August 2026 werden zunächst Büro- und Jugendräume renoviert und das Jugendwerk zieht in die Gnadenkirche; parallel läuft das Fundraising für das Bauvorhaben. Ab den Sommerferien 2026 folgen die inhaltliche Konzeptarbeit sowie die Renovierung von Kirche, Saal und Außenanlagen. Bis Ostern 2027 sollen Bau und Konzept fertiggestellt und die Eröffnung vorbereitet werden – die Einweihung ist zu Ostern 2027 geplant.

Junge Kirche luv in Lindau: Neuausrichtung nach zehn Jahren

Am anderen Ende des Entwicklungszyklus steht luv – junge kirche lindau. Seit 2013 gestaltet luv die Jugendarbeit für fünf evangelische Gemeinden in der Region Westallgäu; Herzstück sind das Jugendgottesdienstformat „LuvOase“ mit der LuvBand und niedrigschwellige Angebote wie der Queer-Treff und der offene Mittagstisch. Mit luv wurde ein neuer Ansatz erprobt: eine Jugendkirche, die über Lindau hinaus in die ganze Region wirken sollte. Diese zehnjährige Modellförderung der Landeskirche endet nun planmäßig zum Jahresende 2027. Die Erfahrung zeigt die besondere Herausforderung eines Flächendekanats – und eine klare Erkenntnis: Junge Menschen brauchen Bezugspunkte vor Ort. Genau die bietet luv in Lindau; für weiter entfernte Regionen aber waren die Wege zu weit. Die evangelische Jugendarbeit in Lindau und der Region geht weiter, nun getragen von den Regelstrukturen im Dekanat Kempten.

„Auch der bewusste Wandel eines Formats gehört zur Transformation. luv hat Chancen und Grenzen der Jugendkirchenarbeit im ländlichen Raum ausgelotet. Auf diesen Erfahrungen kann nun für eine lebendige Jugendarbeit in der Region und vor Ort aufgebaut werden“, sagt Tobias Fritsche.

Auch ohne eigenes Haus: junge Gemeinden im Netzwerk

Nicht jede Jugendkirche braucht eigene Räumlichkeiten: Drei Mitglieder des Netzwerks sind weniger Jugendkirchen mit eigenem Haus als vielmehr junge Gemeinden, die bestehende Orte für sich entdecken.

Die Nikolai Youth Church in Neuendettelsau begann mit Jugendgottesdiensten im örtlichen Jugendzentrum, zog später in einen Saal des Gemeindehauses um und feiert ihre Gottesdienste inzwischen in der rund 125 Jahre alten Dorfkirche, die nun gemeinsam genutzt wird. Für die 2005 gegründete Jugendkirche wurden einige Bankreihen entfernt, um Platz für ein Bandpodest zu schaffen, und dezent Technik eingebaut. Ihren „Dorfkirchencharakter“ hat die Kirche dabei voll bewahrt. Aus den anfänglichen Jugendgottesdiensten hat sich im wahrsten Sinne des Wortes eine „Jugendkirche“ entwickelt – eine Kirche von Jugendlichen für Jugendliche. Weitere Aktivitäten neben dem Jugendgottesdienst finden weiterhin im Gemeindehaus statt. Gleichzeitig gibt es vielversprechende Entwicklungen für den Bau eines neuen Gemeindehauses mit eigenen Jugendräumen. Die Jugendgemeinde „Das Loch“ in Hof hat ein altes Café mit Thekenraum und gemütlichem Gastraum renoviert und feiert jeden Dienstag im Gastraum Gottesdienst. Und die Jugendkirche „Rocksofa“ in Rentweinsdorf trifft sich sonntagabends Im Dachboden des Gemeindehauses auf Sofas.

Ein Netzwerk, das die Vielfalt trägt

Zusammengehalten wird diese Vielfalt vom „Netzwerk Jugendkirchen“ in der EJB. Ob eine Jugendkirche aus einer landeskirchlichen Baumaßnahme oder aus einer Initiative vor Ort entstanden ist, spielt dabei keine Rolle: Im Netzwerk reflektieren die Beteiligten ihre Arbeit gemeinsam, beraten sich kollegial und geben Impulse in andere Formen evangelischer Jugendarbeit weiter. Das Netzwerk hat seinen Sitz in der EJB-Geschäftsstelle in der Wirkstatt evangelisch, die die Jugendkirchen konzeptionell begleitet und für die Landeskirche in Fragen der Jugendkirchen ansprechbar ist.