Tschüss Rollenbilder, willkommen Transparenz!

Was es für die Gleichstellung in Europa braucht

Wie ist es nach 70 Jahren Frieden in Europa um die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen in Europa bestellt? Katapultiert uns das Erstarken der rechten Populisten überall in Europa direkt zurück in die 50er Jahre? Waren wir nicht schon mal viel weiter, und wann wird sich der Gender Pay Gap endlich endgültig schließen?Anlässlich des deutschen Equal Pay Days am 18. März 2019 wirft die Fair-Pay-Expertin Henrike von Platen einen Blick auf die aktuelle Gleichstellungslage in Europa.

Schüleraustausch, Erasmus-Programme und Gratis-Interrailtickets – für viele junge Menschen ist Europa kein abstraktes Staatengefüge, sondern gelebte Realität, mit der sie groß geworden sind. Viele von ihnen engagieren sich für Klimaschutz und Nachhaltigkeit, volontieren in sozialen Bereichen und möchten mit ihrer Arbeit mehr als nur Geld verdienen. Auch im Privaten haben sie oft andere Werte als ihre Eltern und Großeltern: Der Wunsch nach gleichberechtigten Partnerschaften ist groß. Beide Elternteile sollen gleichermaßen für die Familie da und berufstätig sein können, um das Leben mit Kindern aktiv mitzugestalten. Für diese Anliegen demonstrieren sie überall in Europa, etwa bei den Women’s Marches. Ihre Forderungen unterscheiden sich dabei oft sehr von den politischen Dialogen: In der Regel sind junge Menschen in Europa viel progressiver als die regierenden Parteien in ihren Ländern.

Doch eines hält sich auch in dieser Generation hartnäckig: Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer, selbst bei den unter 25-jährigen. Dabei starten Frauen – nicht nur in Europa – so gut ausgebildet wie nie zuvor in das Berufsleben, oftmals besser als die Männer. Doch die (potentielle) Mutterschaft ist nach wie vor ein großes Karriererisiko. Zudem finden sich viele junge Paare nach der Familiengründung unversehens in den traditionellen Rollen wieder, die sie überwunden glaubten und eigentlich ablehnen. Doch der Gender Pay Gap trifft junge Mütter dabei ebenso wie kinderlose Frauen. In Deutschland sind das – über alle Altersgruppen hinweg – durchschnittlich 21 Prozent Lohnunterschied, auf die der Equal Pay Day am 18. März hinweist.

Bislang konnte der Gap in keinem Land der EU geschlossen werden. Im Rahmen der sogenannten „Richtlinie 2006/54/EG“ soll gleiche Bezahlung für gleiche und gleichwertige Tätigkeiten in allen Mitgliedstaaten umgesetzt werden. Dazu braucht es rechtliche Rahmenbedingungen, etwa neue Entgelttransparenzgesetze. Denn was es zuallererst braucht, ist mehr Transparenz bei der Bezahlung[1].

Neben neuen Familienmodellen und mehr Entgelttransparenz fehlt es europaweit außerdem an Unterstützung in der Pflege von Angehörigen und der Erziehung von Kindern. In Brüssel haben sich die Mitgliedstaaten nach jahrelangen Verhandlungen auf die folgenden Maßnahmen geeinigt:

• 10 Tage bezahlte Auszeit rund um die Geburt des Kindes für den zweiten Elternteil (sofern kein längerer Zeitraum für beide Eltern vorgesehen ist).
• 4 Monate Elternzeit für jeden Elternteil, von denen 2 Monate bezahlt und nicht übertragbar sind.
• 5 Tage Zeit für Pflege pro Jahr.
• Recht auf flexible Arbeitsregelungen für Eltern und pflegende Angehörige.
• Besserer Kündigungsschutz für Eltern und pflegende Angehörige.

Das europäische Ziel ist klar: Endlich Gleichstellung für alle, spätestens in der nächsten Generation. Zum Glück spricht sich langsam herum, dass das keine trockene Statistikübung ist, sondern sich am Ende für alle lohnt: für die Unternehmen und für die Menschen.

Henrike  von Platen
Unternehmensberaterin und Interim-Managerin, Mitbegründerin des Equal Pay Day

Infobox:
Transparenz geht auch ganz ohne Gesetz – inzwischen helfen viele Online-Portale bei der Frage nach dem Einstiegsgehalt weiter. Das Fair Pay Innovation Lab hat eine Übersicht zusammengestellt: https://www.fpi-lab.org/aktuell/die-frage-nach-dem-einstiegsgehalt/

 


[1]https://ec.europa.eu/info/law/better-regulation/initiatives/ares-2018-3415794/public-consultation_de