Von der Gabe, etwas weiterzugeben

Als ich mit 13 Jahren den Konfirmanden­unterricht besuchte, tat ich das eher aus familiärer Tradition und weniger aus Überzeugung. Wie auch, bis dahin war der Kontakt zu Kirche eher sporadisch, unbedeutend und langweilig.

Im Konfirmandenunterricht wurde das auf einmal anders: Nicht, weil die Inhalte so unglaublich spannend waren, sondern weil hier Menschen mit Begeisterung und Leidenschaft von ihrem Leben mit dem Glauben erzählten. Ich sehe sie noch vor mir, die Hauptberuflichen genauso wie die Ehrenamtlichen, sie waren im wahrsten Sinne des Wortes meine Vorbilder.

Ein wesentlicher Bestandteil lebendigen Glaubens ist die Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft entstehen Beziehungen, Freundschaften, hier erzählen sich Menschen von ihrem Glauben. Wahrscheinlich ärgere ich mich deshalb über das hartnäckige Vorurteil, die evangelische Jugend bete zu wenig und feiere zu viel, sei zu politisch und zu wenig liturgisch, sei strukturell und zu wenig inhaltlich. Es mag sein, dass es manchmal so wirkt, als wäre das Evangelium für unsere Arbeit nur flankierend relevant, es leitet und begleitet

In der Präambel der Ordnung der Evangelischen Jugend in Bayern ist unser Ziel klar beschrieben: Als mündige und tätige Gemeinde Jesu Christi wollen wir das Evangelium von Jesus Christus den jungen Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit bezeugen. Im Rahmen des Jugendberichts für die Landessynode im Frühjahr 2019 haben wir die Zukunftsaufgabe von Jugendarbeit und ihrer Kirche deshalb auf den Punkt gebracht: Es geht um die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation in freiwilligen Bezügen.

Weitergabe ist nicht einseitig

Wenn wir von Weitergabe sprechen, geht es nicht um einen statischen und einseitigen Akt. Vielmehr geht es um Kommunikation untereinander und das Angebot eines Geschenks. Ich kann es annehmen. Wie und ob ich es verwende, liegt in meiner Verantwortung. Weitergabe meint also zum einen, dass hinter dem Glauben Bildungsprozesse stehen, die Wissen vermitteln, Reflexion ermöglichen und Spiritualität zulassen. Weitergabe meint zum anderen aber auch, dass ich mir durchaus mal ansehe, wie andere das machen und mit meinem Zugang im Austausch mit anderen Erfahrungen sammeln kann.

Die Frage, wer „die anderen“ sind, ist in dem Ausdruck „nächste Generation“ beschrieben: Je nach Perspektive kann sich jede_r diese Frage individuell beantworten. Hier wird nämlich keine zeitliche und generative Ordnung beschrieben, nach dem Motto „alt sagt jung, wie es richtig geht“. Vielmehr geht es um einen offenen Blick zu den Menschen um mich herum, ganz ähnlich dem Begriff „des Näch­sten“, wie ihn Jesus definiert hat.

Ich bin also selber aufge­fordert, mir zu überlegen, wer die nächste Generation für mich ist. Es ist die gemeinsame Aufgabe aller Generationen, sich den aktuellen Herausforderungen und Fragen zu stellen, vor denen Kirche steht. Wir wollen junge Menschen dazu anregen und motivieren, sich frei, willig, aber vor allem freiwillig mit diesen Themen zu beschäftigen.

Freiheit stärkt den Willen

Wenn ein Mensch sich frei für etwas entscheiden kann, wächst der Wille, sich damit zu beschäftigen. In diesem Spannungsfeld versucht evangelische Jugendarbeit die Weitergabe des Glaubens zu gestalten, anzubieten und weiterzuentwickeln. Deshalb sind unsere Angebote auch offen für alle und deshalb bieten wir auch ganz  unter­schiedliche spirituelle Räume an. Bei uns darf gelernt, experimentiert, verwor­fen, gestritten und gezweifelt werden. Wichtig dabei ist, dass dies mit anderen und in Beziehung geschieht. 

Mit Herz und Leidenschaft

Wenn all das geschieht, ist das lebendiger Glaube – so habe ich es mit 13 Jahren erlebt. Diesen Schatz wollen wir den Generationen zur Verfügung stellen. Dann sind das nicht nur leere Worte, sondern ein dynamischer Prozess, in dem sich Menschen einander zuwenden und einander etwas geben; mündig und tätig, also in Wort und Tat aber vor allem mit Herz und Leidenschaft.

Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation in freiwilligen Bezügen geschieht dann auf vielen Ebenen: Im Fühlen, im Denken, im Wissen, im Handeln und im Glauben. Der Glaube ist für uns keine feststehende Lehre, sondern entsteht im geistlichen wie auch im lebens­praktischen Sinne im Dialog mit anderen, immer wieder neu und in all seiner Vielschichtigkeit. Frei und willig, aber vor allem aus tiefster Überzeugung!

Ilona Schuhmacher
Referentin für Grundsatzfragen