Warum wir über unser Kulturerbe nachdenken müssen

Internet, Cyberspace, künstliche Intelligenz entmaterialisieren unseren Alltag. Rasant verändert das Smartphone unser soziales Leben. Was bedeutet das für das Kulturerbe?

Wenn wir zum Gottesdienst in die Kirche gehen, in der Gemeinde gemeinsam die Konfirmation feiern, ein Jugendzentrum mit Leben füllen oder ein Barcamp organisieren, dann erleben wir Gemeinschaft und Zusammenhalt. Wir knüpfen an vergangenes Wissen an, übertragen Traditionen in die Gegenwart und bewahren sie damit für die Zukunft.

Genau diesen Prozess meint Kulturerbe. Der Begriff vereint alle Zeugnisse menschlicher Schaffenskraft – also materielle und immaterielle Kulturgüter mit historischer, gesellschaftlicher, künstlerischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Bedeutung. Die Wieskirche in Steingaden, das Wattenmeer, die Pfahlbauten der Voralpen, aber auch die Tradition der Sternsinger, die Fastnacht und der Orgelbau gehören zum Kulturerbe.

Unser Kulturerbe prägt uns und hat identitätsbildenden Charakter. Es liefert uns Bezugspunkte für eine Orientierung in Raum und Zeit. Und es verändert sich. So sorgt etwa die Digitalisierung für neue Kulturformen. Wir müssen darüber nachdenken, welche Folgen diese Veränderungen für unsere Vorstellungen von Gemeinschaft und Teilhabe, Verantwortung und Nachhaltigkeit haben werden.

Es wäre fatal, wenn wir lediglich mit nostalgischem Blick auf Brauchtum und Traditionen zurückblicken und beklagen, welche Kulturformen oder Rituale verlorengehen oder schon gegangen sind. Unser Kulturerbe wandelt sich. Wir selbst sorgen für neue Kulturformen, passen bestehendes Kulturerbe an und verändern es. Aus der immateriellen Welt der Gedanken entstehen konkrete Aktionen, Objekte, Gebäude oder Denkmäler. Immaterielle und materielle Welt bedingen sich gegenseitig.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich das Verständnis von Kulturerbe immer wieder gewandelt hat. In Deutschland taucht der Begriff erstmals in den 1950er Jahren auf, und zwar in der Haager „Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten“. Dieser völkerrechtliche Vertrag wollte deutlich machen, dass es Dinge gibt, „die für alle Völker von großer Bedeutung sind“ und deshalb geschützt werden müssen.

Mit der Welterbe-Konvention von 1972 wurde erstmals eine umfassende Liste von Architekturdenkmälern, archäologischen Stätten, Museen, Bibliotheken oder Naturstätten als Kulturerbe erstellt. 2003 wurde der Begriff um das immaterielle Kulturerbe erweitert. Seither gelten auch Märchen, Sagen, Legenden, Feste, Bräuche, Rituale, Spiele oder Mundarten als schützenswert. Die UNESCO-Welterbe-Liste umfasst aktuell 1.092 Stätten in 167 Ländern. Sie ist ein wunderbares Zeugnis für die kulturelle Vielfalt unserer Welt.

Aus Bayern wurden die Altstadt von Regensburg, die Residenz Würzburg und die Wieskirche in die Liste aufgenommen. Zum Weltdokumentenerbe gehören mittlerweile die Ablassthesen von Martin Luther ebenso wie das Digitalisat der 1.282-seitigen Gutenberg-Bibel. Das Berchtesgadener Land mit seinem Nationalpark zählt zu den bedeutendsten Biosphärenreservaten des Alpenraums.

Die offiziellen Listen sind ein wichtiges Instrument für den Schutz von Kulturgut. Sie sorgen für Öffentlichkeit und helfen dabei, den illegalen Handel mit Kunstschätzen und die Zerstörung wertvoller Kulturstätten zu bekämpfen. Wie gehen wir mit dem Wandel um?  Was tun, wenn aus Brauchtum eine Ideologie wird, ein Ritual nur noch für kommerzielle Zwecke genutzt wird, wenn ein Handwerk nur noch im Museum erlebt werden kann?

Deshalb ist die Diskussion um das Kulturerbe so spannend: Immer wieder müssen wir uns darüber verständigen, was unsere Gesellschaft ausmacht. Kulturerbe sorgt für Identität – und stützt unsere Demokratie. In diesem Sinne bedeutet Kulturerbe ein Zugang zu Information und Wissen, der erhalten werden muss.

Innerhalb von Kirche und Gemeinde müssen wir uns also fragen, was an unserem Kulturerbe zeitgemäß ist. Was wir ändern wollen, können oder müssen, damit unsere Traditionen, Rituale und Feste auch in zehn oder zwanzig Jahren noch lebendig sind. Welchen Stellenwert wollen wir dem Kulturerbe in unserem Alltag geben? Und wie können wir die folgenden Generationen dafür begeistern?

Rieke C. Harmsen
ist Chefredakteurin Online und Leiterin der Ab­teilung Crossmedia im Evang.
Presseverband für Bayern e.V.