Wie aus einem Traum Wirklichkeit wurde

Mit leuchtenden Augen stand Johannes im Juli 2013 vor mir: „Julika, morgen ziehen die ersten beiden Familien aus Tschetschenien im Grandhotel ein. Wir sind total aufgeregt, hoffentlich fühlen sie sich wohl.“ Seine Vorfreude war so schön und ansteckend, dass ich mich sofort mitfreute. Ich fragte mich, wann die geflohenen Familien es wohl zuletzt erlebt hatten, dass jemand ihnen so überschwänglich freundlich und nicht skeptisch oder abweisend begegnet war.

Das Grandhotel Cosmopolis

Dieses Jahr hat das „Grandhotel Cosmopolis“ in Augsburg seinen sechsten Geburtstag gefeiert. Mitten in der Stadt in einem ehemaligen Altenheim der Diakonie wohnen Bewohner_innen und Gäste, mit und ohne Fluchterfahrung, in einer Gemeinschaft zusammen. Manche mieten sich als klassische Hotelgäste für ein paar Nächte in den künstlerisch renovierten Zimmern ein, andere wohnen auf eigenen Stockwerken dauerhaft dort. Die Kinder fühlen sich im ganzen Haus daheim. Konzerte, das Café, ein bunter Hinterhof laden zum Reinschauen und Bleiben ein.

Eine Wirklichkeit gewordene Utopie

Das Grandhotel ist für mich das perfekte Beispiel für eine Wirklichkeit gewordene Utopie. Dafür nötig waren große Träume und Visionen, ein paar Mitstreiter_innen und ein Netzwerk, eine Portion ziviler Ungehorsam und viel, viel, viel harte Arbeit.

Am Anfang standen engagierte Menschen mit der tiefen Überzeugung, dass die Unterbringung von Geflüchteten in einem Gewerbegebiet außerhalb der Stadt ohne Bewegungsfreiheit sowohl unmenschlich als auch absurd ist. Wie sollte sich da normaler Alltag entwickeln? Wie sollten sich diese Menschen ein Zuhause machen? Wie könnten sie sich integrieren? Es war Gesetz und Realität. Gut war es nicht. Im Austausch mit Geflüchteten wuchs die Vision eines kreativen, freien, gemeinsamen Lebensraums. In der Augsburger Innenstadt entdeckten Künstler_innen im Jahr 2011 ein leerstehendes, renovierungsbedürftiges Haus und zogen kurzerhand ein. Mit der Diakonie, Eigentümerin des Gebäudes, wurde darüber verhandelt, wer mit welchen Rechten was jetzt und in Zukunft gestalten dürfte. Mit den Nachbarn, mit der Stadt, mit Augsburger Institutionen und Organisationen wurde besprochen, beraten, gerungen. Vertrauen wurde vorsichtig aufgebaut. Kooperationspartner_innen und Förder_innen wurden für die Finanzierung gewonnen.

Das Gebäude wurde von der Gruppe selbst von Grund auf renoviert, Wände herausgebrochen, Leitungen ersetzt, Möbel besorgt. Konzerte und Kunstaktionen begleiteten die Entstehung. Und bei all den vielen verschiedenen, herausfordernden Aufgaben immer wieder im Mittelpunkt: die kühne Idee, die große Vision. Einen schönen, menschenwürdigen, solidarischen, kreativen Wohnraum für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zu schaffen – eine „soziale Plastik“ mitten in der Stadt. Und der Traum wurde Wirklichkeit. Schon bald und bis heute wirkt das Grandhotel Cosmopolis in die Stadt hinein und weit darüber hinaus. Noch vor acht Jahren hätte man das für unmöglich erklärt. Ein Wunder?

Das Grandhotel Cosmopolis inspiriert – zum Andersdenken, zum Träumen, zum Machen, zum Grenzen sprengen. Genau, wie gute Jugendarbeit es auch tut.

Dr. Julika Bake ist Sozialwissenschaftlerin. Im Studienzentrum für evang. Jugendarbeit in Josefstal ist sie für die Konzeption und Durchführung der Fort und Weiterbildungen mit den Schwerpunkten politische Bildung, Fortbildung in den ersten Berufsjahren (FEB) und für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.


Der deutsche Künstler Joseph Beuys (1921-1986) meinte mit dem Begriff „soziale Plastik“ alle Kunst, die Gesellschaft beeinflussen will. Gemeint sind Aktionen und Prozesse, in denen Menschen kreativ die Verhältnisse verändern und sie formen.
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