Wir fordern: Hebt das Verbot mehrtägiger Schulfahrten in Bayern auf!

Mehrtägige Schulfahrten sollen bis Januar 2021 ausgesetzt werden, so lautet die Anordnung des Kultusministeriums vom 9. Juli 2020. Das Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal e.V., das Amt für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern und das Referat Jugend und Schule der Erzdiözese München und Freising fordern in einem offenen Brief an den bayerischen Minister für Unterricht und Kultus, Dr. Michael Piazolo, die Aufhebung dieser Anordnung.

Grund für das Verbot von Schulfahrten ist nicht der Schutz vor Corona. Das Kultusministerium hält es für dringlich, im Lock-Down verpassten Stoff wieder nachzuholen. Die Initiatoren sowie Lehrkräfte und Eltern zweifeln jedoch an dieser Logik.

Seit vielen Jahrzehnten begleitet die kirchliche Schülerarbeit als anerkannter außerschulischer Bildungspartner Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung – unabhängig von deren Konfessions- oder Religionszugehörigkeit. Bei den Besinnungstagen/Tagen der Orientierung und anderen thematischen Angeboten (z.B. Gewaltprävention) erleben die Jugendlichen eine andere Form von Bildung. So haben sie an einem Ort außerhalb des Schulgebäudes Gelegenheit, sich mit selbstgewählten Themen auseinanderzusetzen.

„Schule ist mehr als nur Hauptfächer“, sagt Volker Napiletzki, Referent für Schüler_innenarbeit im Studienzentrum Josefstal. Schülerinnen und Schüler nehmen sich hier als Teil der Gesellschaft wahr und denken über ihr Leben nach – auch in spirituellen Bezügen. „Gerade dies ist für die jungen Menschen, die ebenfalls sehr stark von der Corona-Krise betroffen sind, eine besondere Herausforderung“, betont Horst Ackermann, Referent für schulbezogene Jugendarbeit und Besinnungstage im Amt für Jugendarbeit. Dieses gemeinsame Nachdenken passiert bei Tagen der Orientierung und anderen mehrtägigen Schulfahrten in besonders intensiver Form.

„Auftrag der Schule ist neben der Wissensvermittlung die Persönlichkeitsbildung der Schülerinnen und Schüler. Bewährte Angebote, wie Tage der Orientierung, kommen diesem Auftrag zur Persönlichkeitsbildung in besonderem Maße nach. Auch zur Vorbeugung von Konflikten in Schulklassen sind solche schulischen Veranstaltungen sehr wichtig“, sagt Domvikar Richard Greul, Diözesanjugendpfarrer der Erzdiözese München und Freising.

Diese Angebote dürfen nach Ansicht der kirchlichen Bildungsträger nicht ersatzlos gestrichen werden. Im kommenden Schuljahr sehen sie – nach sechs Monaten Lock-Down, Unterricht im Schichtbetrieb und der langen Pause der Sommerferien - hier eine Chance für Schülerinnen und Schüler, nicht nur endlich wieder Gemeinschaft zu erleben, sondern auch die Erfahrungen der Krise aufzuarbeiten.

„Gerade jetzt ist die Zeit, diese Formen von Jugendarbeit und Schule zu unterstützen, statt sie zu verbieten“, lautet die Forderung an das Kultusministerium. „Bei allem Verständnis für die Konzentration auf Unterrichtsinhalte erleben wir im persönlichen Gespräch mit Schulleitungen und Religionslehrkräften großes Bedauern hinsichtlich dieses Verbots“, heißt es in der Erklärung.

Die Initiatoren fordern Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern auf, diese Forderungen zu unterstützen. Auf der Website https://josefstal.de/pro-schulfahrten/ findet sich dazu ein Musterbrief.

Christina Frey-Scholz
Öffentlichkeitsarbeit
28. Juli 2020