Worte schaffen Wirklichkeiten

Ein Arzt, ein Physiker und ein Astronaut treffen sich in einer Bar. Sagt der Astronaut zum Physiker: „Ich glaub, ich hab’ den Größten.“ Der Physiker schaut verdutzt und sagt daraufhin: „Dafür hab’ ich den Dicksten.“ Der Arzt versucht zu schlichten: „Naja, also ehrlich, so genau kann man das von den Ultraschallbildern her nach drei Monaten jetzt noch nicht sagen.“

Okay, nicht besonders witzig, das gebe ich zu. Aber doch faszinierend, welche Emotionen diese Ansammlung von Wörtern bei jemandem auslösen können, ganz egal, ob das gerade eher ein Lachen oder ein Stirnrunzeln war. Sprache verursacht Emotionen, die ziemlich real sind und zu ziemlich realen Handlungen im Anschluss daran führen (können). Denn auch wenn Ihr, die Ihr das gerade lest, mich vielleicht gar nicht kennt, habt Ihr jetzt ein Bild von mir im Kopf, das Euer Verhalten mir gegenüber bei einem wirklichen Treffen beeinflussen kann.
In Eurem Kopf entsteht aber vielleicht erst einmal gar kein Bild von der Autorin dieses Textes, sondern vor allem von der beschriebenen Situation. Ein Arzt, ein Physiker, ein Astronaut, mit all diesen Personen verbindet Ihr bestimmte Merkmale und so entsteht zunächst ein Bild von drei Männern in einer Bar. Sprache bildet also ganz automatisch und ohne dass wir das in diesem Moment bewusst beeinflussen können, unsere Vorstellung von Menschen, Dingen, Situationen ab. Das ist sehr hilfreich, weil wir Sprache so viel schneller verstehen können.

Im Kopf entstehen Sprachbilder

Dieser Prozess der entstehenden Bilder kann aber auch problematisch sein, weil so überkommene Zustände wieder zum Leben erweckt werden können. Wir stellen uns einen männlichen Arzt vor und es gibt überhaupt keinen Anlass, uns vorzustellen, dass dieser Arzt eine Frau sein könnte, wenn wir gelernt haben, mit dem Begriff „Arzt“ einen Mann im weißen Kittel zu verbinden. In der Folge könnte es dazu führen, dass wir auf eine weibliche „Ärztin“ irritiert reagieren, weil so ein Fall in unserem Sprachgebrauch kaum oder gar nicht vorkommt. Zumindest war es das jahrhundertelang und Ärztinnen mussten sehr dafür kämpfen, dass sich diese Bilder in den Köpfen verändert haben. Trotzdem passiert es heute noch, dass Patienten zu Ärztinnen sagen: „Schwester, rufen Sie doch den Arzt.“

Irgendwie scheinen sie also zusammenzuhängen, die sprachlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Das will ich an zwei Beispielen verdeutlichen:

1. Nach dem zweiten Weltkrieg hatten viele Menschen eine Sprachkrise. Wie sollte man noch Worte wie „Blut und Boden“ verwenden oder wie „Volk“, nachdem diese Begriffe jahrelang von nationalsozialistischer Propaganda missbraucht wurden? Die Gesellschaft der Nachkriegszeit musste sich also bewusst damit auseinandersetzen, wie sprachliche Begriffe mit anderen Bildern verbunden werden können.

2. In den 1970er Jahren versuchten Feministinnen, politische Veränderungen zu bewirken, indem sie nicht nur die männliche Form „Arzt“, sondern auch die weibliche Form „Ärztin“ verwendeten. Sie wussten natürlich, dass durch die weibliche Sprachform Frauen nicht sofort in bestimmten Berufsgruppen akzeptiert werden oder genauso viel Gehalt bekommen wie die männlichen Kollegen. Aber allein das Nachdenken durch die Irritationen der sprachlichen Veränderung ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg der Gleichberechtigung.

Sprachliche und gesellschaftliche Veränderungen sind also vielfach miteinander verwoben. Denn Sprache als Medium der Verständigung ist Teil der sich verändernden Gesellschaften. Aber welche Konsequenzen hat das für unser alltägliches Handeln?

Sprache kann Menschen überzeugen, begeistern, verbinden – und sie kann verletzen. Es ist eben nicht egal, ob man „Zigeuner“ oder „Sinti und Roma“  sagt. Vertreter_innen dieser Minderheit wehren sich seit Jahrhunderten gegen all die Stereotypen, die mit dem Wort „Zigeuner“ verbunden sind – weil daran auch heute noch ganz reale Diskriminierungen hängen. Warum gelingt es uns als Mehrheitsgesellschaft nicht, den Begriff zu wählen, der dieser Gruppe zusteht?

Schließlich nenne ich Dich ja auch nicht Kevin, obwohl Du eigentlich Alexander heißt, weil mir jemand anderes gesagt hat, dass Du Kevin heißt und ich finde, dass Kevin gut zu Dir passt, sondern ich frage Dich nach Deinem Namen und respektiere das.

Welche Welt wollen wir mit Worten schaffen?

Sprache bewusst zu verwenden und über ihre Verwendung nachzudenken soll nicht dazu führen, Andere zu bevormunden oder ihnen ein schlechtes Gewissen einzureden. Es könnte aber dazu führen, dass wir darüber nachdenken, welche Welt wir mit unseren Worten schaffen möchten und wie sehr es dabei eine Rolle spielt, Andere so zu akzeptieren, wie sie sind und diese Andersheit auch in unserer Sprachverwendung zu berücksichtigen.

Damit sind natürlich nicht alle Probleme und Fragen gelöst. Genauso wie wir uns als Evangelische Jugend schon seit vielen Jahren für Frieden oder die Bewahrung von Schöpfung einsetzen, ist auch der Weg zu einer (sprachlich) diskriminierungsfreien Welt immer noch ein langer Weg. Doch werden wir deswegen nicht aufgeben und sagen: „Das bringt doch sowieso nichts.“ Denn: Die Maxime, dass wir andere Menschen mit mindestens so viel Respekt und Nächstenliebe gegenübertreten wie uns selbst, gilt auch in unserem sprachlichen Gebrauch.

Julia Landgraf
Ehemaliges  Mitglied der Landesjugendkammer