Holger Lemme: Generation Zeit

Am ersten Tag in der neuen Firma muss Mark zweimal nachfragen. Gerade hat ihm seine Chefin die Arbeitszeitregelungen erläutert. 38 Stunden betrüge die wöchentliche Arbeitszeit, vier Tage acht Stunden und am Freitag sechs. Wer früh käme, könnte nach dem Mittag ins Wochenende starten. Und Überstunden gäbe es nicht. Auch kein Smartphone, um abends und am Wochenende EMails checken zu können. Sie hat seine Frage erwartet: Wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden Zeit für sich und ihre Familie haben – und am Montag erholt und motiviert zurückkommen.

Auch wenn das olympische Prinzip „Höher, schneller, weiter“ im Berufsleben meist mit Karriere, Gehalt und Status verbunden wird, ist Zeit die eigentliche Ressource, um die gestritten wird. Denn dies ist doch die wichtigste Veränderung der Lebensführung: Beim Berufseinstieg von Jugendlichen sinkt ihre Zeitflexibilität erheblich. Jetzt geben die Arbeitgeber nicht nur Beginn, Dauer und Ende der Arbeit vor. Die Intensität des Jobs erfordert auch Erholungsphasen, so dass für Hobbies oder das Abhängen mit Freunden in der Regel weniger Zeit bleibt. Die verschiedenen Generationen sind jeweils unterschiedlich mit dem Berufseinstieg und dem Berufsleben umgegangen. Daran lassen sich ihre jeweiligen Wertvorstellungen, Motivationen und Ziele ablesen – und sie unterscheiden sich mitunter sehr. Vorausgeschickt sei, dass der Generationenbegriff an sich eher unscharf und die Abgrenzung nicht immer deutlich zu ziehen ist. Und eine Generation ist auch nicht homogen, sondern besteht aus vielen Individuen, deren Präferenzen sich durchaus stark unterscheiden können (intragenerationelle Differenz).

Was ist eine Generation?

Eine Generation ist eine Altersgruppe, die in Kindheit und Jugend eine ähnliche Prägung erfahren hat. Das können herausragende zeitgeschichtliche oder kulturelle Ereignisse, aber auch die Erfahrungen im Elternhaus sein. Besonders einschneidend sind Kriege, Katastrophen oder politische Veränderungen (z.B. die Friedliche Revolution 1989 und die Wiedervereinigung). Aber auch wirtschaftliche Trends, etwa die Rationalisierungswelle in den 80er Jahren oder der aktuelle digitale Wandel, und das alltägliche Erleben der Elterngeneration spielen eine wichtige Rolle. Denn schließlich definiert sich jede Generation auch durch die Abgrenzung von ihren Vorläufern (Generationenkonflikt). In der Forschung werden üblicherweise vier Nachkriegsgenerationen unterschieden: die Babyboomer, die Generation X, die Generation Y und die Generation Z. Direkt nach dem zweiten Weltkrieg war die Geburtenrate relativ niedrig und stieg erst zu Beginn der Fünfzigerjahre stark an.

Babyboomer (Jahrgang 1955 – 1965)

Dies ist die Geburtsstunde der Babyboomer. Sie werden traditionell erzogen, es herrscht ein hierarchisches, auf Zucht und Ordnung basierendes Familienbild. Zugleich wachsen sie während der Zeit des Wirtschaftswunders heran: Die Gesellschaft floriert, Hochschulen werden breiten Bevölkerungsschichten zugänglich. Mit Blick auf die schiere Masse der Gleichaltrigen und die dadurch hohe Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist für die Boomer das berufliche Vorankommen wichtig, Arbeit an sich ist ein hoher Wert, um am Wohlstand teilhaben zu können. „Leben, um zu arbeiten“ könnte ihr Motto sein: In ihrer Zeit wurde der Begriff Workaholic populär.

Generation X (Jahrgang 1965 –1979)

Die Generation X wächst im Wohlstand auf. Zunehmend häufiger sind beide Eltern erwerbstätig, weshalb die Kinder nach der Schule nicht zuhause erwartet werden: Es entsteht der Begriff „Schlüsselkinder“. Aber es verändern sich auch die Familienstrukturen, die Scheidungsrate steigt. Autoritäten und Traditionen werden in Frage gestellt („68er Bewegung“). Wirtschaftlich ist ihre Kindheit durch die Ölkrise geprägt. Diese Jahrgänge gelten als ehrgeizig, pragmatisch und individualistisch. Aber sie betrachten Arbeit eher als Mittel zum Zweck: Die Generation X strebt nach einer hohen Lebensqualität und will ein materiell abgesichertes Leben führen. Aber ihr ist, in Abgrenzung zu den Babyboomern, Zeit wichtiger als Geld. Sie will „arbeiten, um zu leben“.

Generation Y (Jahrgang 1980 – 1994)

Die Generation Y wird in Familien groß, die einen antiautoritären und fürsorglichen Erziehungsstil pflegen. Sie werden im Geist der Mitbestimmung erzogen und haben ein hohes Bildungsniveau. Sie erleben die Globalisierung, den Internetboom, aber auch den Fall des Eisernen Vorhangs und das Aufkommen des Terrorismus (z.B. am 11. September 2001). Die ersten Digital Natives gehören zur Generation Y. Zugleich erleben sie, dass es keine Sicherheiten gibt, und wollen das Leben genießen. Sie legen viel Wert auf Selbstverwirklichung, sind aber auch geübte Teamplayer. Sie verstehen sich auf Projektarbeit und zeichnen sich durch Flexibilität aus. Arbeit und Privatleben werden nicht mehr strikt getrennt, sondern verschmelzen (Work-Life-Blending).

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Foto: Sonja Langford/ Unsplash